Heiner Thorborg

Führen dank richtiger Personalauswahl Vom Fußball lernen, aber nicht von der Fifa

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Von Heiner Thorborg
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Leicester City-Manager Claudio Ranieri (li.), Kapitän Wes Morgan (re.) Mit Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit zum Premier-League-Sieg

Leicester City-Manager Claudio Ranieri (li.), Kapitän Wes Morgan (re.) Mit Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit zum Premier-League-Sieg

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Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Die Fifa hat es geschafft, mit Gianni Infantino einen Präsidenten aufzutreiben, der noch schlimmer ist als Josef Blatter. Leicester City ist es dank Claudio Ranieri gelungen, die englische Premier League zu gewinnen. Damit liefert der Fußball binnen weniger Wochen das Schlimmste aber auch das Beste, was im Management so passieren kann.

Genau genommen wurde uns ein Lehrstück in zwei Teilen präsentiert, die überschrieben werden könnten mit "Was Persönlichkeit ausmacht" und "Führungskultur bedeutet mehr als Keime in der Petrischale".

Für eine pathologisch bedenkliche Führungskultur steht Infantino, der neue Präsident der Fifa. Während in den USA und Europa die Behörden wegen organisierter Fußballkriminalität ermitteln, zerstört er alle Selbstheilungsversuche der Organisation. Er setzte durch - übrigens mit Hilfe der deutschen Mitglieder Wolfgang Niersbach und Reinhard Grindel - dass das Fifa-Exekutivkomitee die Köpfe seiner Rechtsorgane nach Belieben ein- und absetzen kann. Dazu zählen die Compliance- und Ethik-Kommissionen sowie das Berufungs- und das Disziplinarkomitee.

Schräges Führungsverständnis: Fifa-Präsident Gianni Infantino

Schräges Führungsverständnis: Fifa-Präsident Gianni Infantino

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Damit sind flugs alle aus dem Weg geräumt, die den korrupten Granden im Verein intern gefährlich werden könnten. Wer nicht kuscht, dem wird mit Absetzung gedroht oder wird gleich entfernt. Infantinos "Schnauze halten oder Rübe runter"-Politik ist in ihrer Macht- und Geldgier so durchschaubar, dass einem der Atem stockt.

Das zweite Kapitel mit dem Titel "Was Persönlichkeit ausmacht" - und das Gegenprogramm zu Infantino - vertritt Ranieri. Als er bei Leicester City als Manager antrat, schrieb der Sportchef vom "Guardian", nun sei der Abstieg des Clubs in die zweite Liga garantiert. Der Italiener sei zwar nett und ehrenhaft, aber der falsche Mann am falschen Ort. Gary Lineker, einer der bekanntesten TV-Sportkommentatoren in Großbritannien und selbst Ex-Leicester-Torjäger, verkündete, er werde das Match der Woche in Unterhosen kommentieren, sollte sein alter Club den Titel holen.

Inzwischen hat Ranieri die Underdogs der britischen Fußballszene zum Titel geführt, der Sportchef hat sich entschuldigt und Lineker muss abnehmen, bevor er sich in Wäsche vor laufende Kameras stellt. Dabei haben Ranieris Spieler in fünf Jahren so viel gekostet, wie Manchester United  allein im vergangenen Sommer für das Team aufgewendet hat.

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Auf dem Weg zum Liga-Sieg beschimpfte Ranieri keine Journalisten, würgte keine Spieler und brüllte auch keine enttäuschten Fans nieder, wie seine Kollegen im Königreich das gerne mal tun. Stattdessen nutzte er die vorhandenen Ressourcen bestmöglich, passte seine Strategie kontinuierlich den Verhältnissen an und verschaffte sich so den Respekt der Mannschaft. Mit dem Ergebnis, dass beispielsweise Jamie Vardy, der noch vor drei Jahren im Amateurverein kickte, in der vergangenen Saison für Leicester in elf Spielen nacheinander Tore schoss - ein bislang unbekannter Rekord. Ranieri motiviert nicht nur, er begeistert seine Leute, bis sie über sich selbst hinauswachsen. Der Mann glaubt an Einigkeit, Loyalität und gemeinsame Ziele und vermittelt das glaubhaft - auch durch eigenes Beispiel.

Wie scheinbar Unmögliches erreichbar wird

So denken seine ehemaligen Teams in Cagliari, Neapel oder Rom mit Verehrung an ihn zurück, wie zahllose Zitate beweisen. Die Spieler erinnern sich an seine Prinzipientreue und den Humor, den er einsetzt, um konfliktreiche Situationen zu entspannen; an seine Ehrlichkeit und die Ernsthaftigkeit, mit der er anderen Menschen begegnet - dem Topspieler genauso wie dem Nachwuchs in der Kicker-Akademie oder der alten Dame auf dem Früchtemarkt. Legendär sind auch all die Wetten, die er verlor: So versprach er seinen Teams ein Festessen, wenn sie keine Punkte abgaben und bezahlte in Folge für endlose Gelage.

Wirklich beeindruckend ist jedoch Ranieris innere Widerstandsfähigkeit, denn in den vergangenen Jahren musste er durchaus auch Niederlagen einstecken - zuletzt, als er in Griechenland gefeuert wurde, weil sein Team sogar gegen die Färöer Inseln verlor.

Was lehrt uns das? Auf die richtige Personalauswahl kommt es an. Nicht jeder Manager ist für jedes Team geeignet, doch wenn die richtigen Leute zusammenkommen, wird auch scheinbar Unmögliches erreichbar. Es kommt nicht nur auf Geld und endlose Ressourcen an, sondern auch auf Persönlichkeit und Charakter. Beständigkeit und Prinzipientreue zahlen sich am Ende aus. Und: Wer Respekt zollt, wird den am Ende auch selber ernten.

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Und Infantino? Seine Personalauswahl spricht jedenfalls Bände. Er installierte eine UN-Mitarbeiterin als Generalsekretärin - hinter dem Rücken des Fifa-Vorstands. Ein ernsthaftes Assessment oder eine Integritätsprüfung hat es bislang nicht gegeben. Fatma Samouras verfügt über keinerlei Erfahrung im Sportbusiness oder Showgeschäft, und ihre einzig bekannte Verbindung zum Fußball ist ein Ehemann, der mal Profispieler werden wollte, bevor er sich ein Bein brach. Infantino duldet ganz offenbar keine Götter neben sich.

Teamgedanke, konzertierter Einsatz von Ressourcen, Leidenschaft für die Sache, Prinzipientreue - bei Infantino alles Fehlanzeige. Das Einzige, was der Mann im Überfluss hat, ist Persönlichkeit. Jedoch eine von der falschen Sorte für einen Topmanagementjob.

Heiner Thorborg ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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