Begehrter Atemmasken-Rohstoff Meltblown Wo es beim Aufbau eines deutschen Maskenmarktes hakt

Begehrter Schutz: Krankenschwester mit Atemschutzmaske

Begehrter Schutz: Krankenschwester mit Atemschutzmaske

Foto: Matthias Schrader/ AP

Es ist einer der am heißesten begehrten Stoffe in der Krise - vor der Coronavirus-Pandemie hat ihn kaum jemand gekannt: Die Rede ist von Meltblown, einem synthetischen Gewebe, das für die Herstellung sogenannter FFP-Masken (kurz für Filtering-Face-Piece-Masken) benötigt wird. Die Preise dafür sind in den letzten Monaten geradezu explodiert, was Meltblown mittlerweile die Bezeichnung "goldenes Vlies" eingebracht hat.

Der europaweit größte Hersteller des Materials ist ein Familienunternehmen aus dem nordrhein-westfälischen Rhein-Sieg-Kreis, der 100-Mann-Betrieb Innovatec aus Troisdorf. manager magazin hat mit Inhaber Christian Klöber und Geschäftsführer Daniel Krumme darüber gesprochen, wie der Familienbetrieb mit dem Run auf den begehrten Rohstoff umgeht und wie es um den deutschen Maskenmarkt bestellt ist.

manager magazin: Herr Klöber, Herr Krumme, Sie sind Branchenexperten zufolge der größte Hersteller von Meltblown in Europa. Wie groß ist Ihr Marktanteil?

Krumme: Der liegt in Europa über 50 Prozent - aber Meltblown ist eine totale Nische.

Für wie viele Masken reicht das Material denn, das Sie aktuell herstellen?

Krumme: Für etwa 35 Millionen Masken pro Woche.

Das ist nicht viel.

Klöber: Das stimmt. Für uns war das Thema Masken vor Corona ein echtes Randthema, eine Total-Nische, auch weil es in Deutschland bis vor kurzem gar keine Maskenhersteller gab. Für uns war es aber wichtig, die CE-Zertifizierung für das Produkt zu behalten und das Know-How. Unter anderem dafür betreiben wir ja sogar ein eigenes Prüflabor.

Woran liegt es denn, dass hierzulande bisher keiner OP-Masken herstellt werden? Gebraucht werden sie ja.

Klöber: Ja, aber die Asiaten haben die Preise für die fertigen Masken so in den Keller gedrückt, dass es sich für deutsche Hersteller bis dato nicht gelohnt hat. Und für uns als Rohstofflieferant war der Markt dadurch ebenfalls völlig uninteressant. Das hat sich nicht gerechnet. Deshalb haben wir uns auf lukrativere Bereiche konzentriert wie die Herstellung von Blutfiltern, auf Material für Staubsaugerbeutel oder Substrate, die man beispielsweise braucht, um Desinfektionstücher herzustellen.

Wann haben Sie denn erste Anzeichen bemerkt, dass die Nachfrage nach Maskenmaterial anzieht?

Krumme: Eigentlich schon im Januar. Da haben wir sehr viele Anfragen aus China bekommen, was sehr ungewöhnlich ist für diesen Markt. Weil China seine Produkte eigentlich selbst herstellt und eher hierhin geliefert hat und nicht andersrum.

Und die Chinesen waren auch bereit, mehr zu zahlen?

Krumme: Ja, aber wir haben auch andere Geschäftsverpflichtungen - und wir konnten und werden nicht einfach anderen Kunden absagen, um dann unbegrenzte Mengen nach China zu liefern. Das geht nicht, und das wollen wir auch nicht.

Warum das Hochfahren einer deutschen Produktion so lange dauert

Und wie ging es dann weiter?

Klöber: Wir und andere Zulieferer und Experten wurden im Januar vom Gesundheitsministerium kontaktiert. Schnell war klar, dass Meltblown für die Versorgung mit medizinischer Schutzausrüstung der Flaschenhals ist. Und dann haben wir begonnen, die Produktion auszubauen. Wir wollten natürlich helfen, mussten das Material aber exportieren, da es in Deutschland keine Maskenproduktion gab und gibt. Die läuft gerade erst an.

Sie es denn trotzdem geschafft, die Produktion in der Zwischenzeit merklich hochzufahren?

Krumme: Ja, wir haben natürlich optimiert, wo wir konnten, und produzieren jetzt mit allen Kapazitäten, die noch irgendwie frei waren, 24/7 Maskenmaterial.

Für Masken hatte die Regierung ja zwischenzeitlich ein Exportverbot verhängt. Galt das auch für Meltblown?

Klöber: Nein. Bislang existierte in Deutschland keine Produktion von OP- und FFP-Masken. Rund 90 Prozent aller Masken kamen zuletzt aus China. Selbst die USA haben keine eigene Maskenherstellung. In Europa sitzen die Firmen in Italien, Frankreich, Portugal und der Türkei.

Innovatec-Mitarbeiter bei der Sichtkontrolle

Innovatec-Mitarbeiter bei der Sichtkontrolle

Foto: Innovatec

Fahren sie denn jetzt mehr Schichten - oder haben Sie neue Leute eingestellt?

Krumme: Wir haben schon vor der Krise immer sieben Tage die Woche 24 Stunden gearbeitet. Deswegen können wir nicht mehr Schichten fahren. Solche Anlagen sind sehr groß und sehr teuer - deshalb laufen sie Tag und Nacht. Aber wir warten händeringend auf drei neue Anlagen, von denen die erste noch im Juni in Betrieb gehen soll

Welche Rolle hat denn die Regierung bei dem Ausbau der Kapazitäten gespielt?

Klöber: Deutschland will bei medizinischen Masken jetzt eine Massenproduktion aufbauen - und unterstützt uns daher beim Aufbau der neuen Anlagen mit einem Investitionszuschuss von 30 Prozent. Trotzdem ist das für uns natürlich ein enormes Investment.

Wieviel Maskenmaterial können Sie denn dann künftig produzieren?

Krumme: Jede Anlage schafft etwa Material für rund 35 Millionen Masken pro Woche. Wenn die erste neue Anlage läuft, dürften wir also unsere Kapazitäten etwa verdoppeln. Und dann hoffen wir natürlich, dass auch die beiden weiteren Anlagen möglichst bald geliefert werden, so dass wir diese bis spätestens Ende des Jahres in Betrieb nehmen können.

War es denn schwierig, auf die Schnelle neue Anlagen zu bekommen? Die sind aktuell doch sicher auch sehr begehrt?

Klöber: Ja, das stimmt. Aber die erste der drei neuen Anlagen hatten wir bereits Anfang 2019 bestellt. Und wir unterhalten mit den Herstellern ja schon lange Jahre Geschäftsbeziehungen und haben uns die Anlagen schon sehr früh gesichert. Das erklärte Ziel ist es ja, eine deutsche Produktion aufzubauen, auch seitens des Gesundheitsministeriums, und nicht alle Anlagen ins Ausland zu exportieren.

Was der Run auf Meltblown für Folgen hat

Wissen Sie denn schon, an wen Sie das Material für die zusätzlichen Millionen von Masken liefern werden? Maskenproduzenten schießen derzeit ja wie Pilze aus dem Boden.

Krumme: Da sind wir gerade dabei, das herauszufinden.

Es gibt Beobachter, die damit rechnen, dass von den 50 Firmen, die der Bund mit der Fertigung von Masken beauftragt hat, nur ein Bruchteil überleben wird. Weil viele es gar nicht schaffen werden, auf lange Sicht die entsprechenden Auflagen zu erfüllen. Einige Anforderungen wurden ja nur für einen begrenzten Zeitraum ausgesetzt.

Krumme: Ja, damit rechnen wir auch, dass es da eine Art Strohfeuer geben wird. Und deswegen suchen wir uns unsere neuen Geschäftspartner auch sehr sorgfältig aus. Wir schauen uns an, welche Erfahrungen sie haben, was sie vorher gemacht haben und wie groß sie sind. Um eben diejenigen Unternehmen zu finden, die sich langfristig etablieren werden.

Klöber: Und wir schauen uns auch die Anlagen vor Ort an, um einschätzen zu können, wieviel Material sie überhaupt verarbeiten können.

Tatsächlich?

Klöber: Ja, es gibt Unternehmen, die bestellen wegen der hohen Maskenpreise aktuell viel mehr Meltblown als sie verarbeiten können und verkaufen den Rest dann nach China. Aber wenn wir in Deutschland eine Maskenproduktion aufbauen wollen, dann geht das natürlich nicht mehr. Dann kann man das wenige Material, das wir haben, nicht nach China exportieren.

Wird denn jetzt in Deutschland mittlerweile produziert?

Krumme: Nein, bislang stammen noch alle OP- und FFP-Masken aus dem Ausland. Eine deutsche Produktion existiert unseres Wissens noch nicht. Wir haben auch noch keine deutsche Maschine gesehen. Klar gibt es Unternehmen, die Maschinen aus China bestellt haben. Aber die müssen erst einmal ankommen und zertifiziert werden. Und dann können wir unser Meltblown liefern.

Wann denken Sie wird es losgehen?

Klöber: In etwa vier Wochen.

Gibt es denn mittlerweile auch mehr Konkurrenz im Meltblown-Markt? Die Preise für das Material sind laut Branchenbeobachtern ja auf bis das Zwanzigfache gestiegen?

Klöber: Nein, das ist so komplex, da steigt man nicht einfach ein. Das macht man nur, wenn man sich auskennt und schon entsprechende Anlagen hat. Es ist ja nicht damit getan, sich eine Anlage zu kaufen, Polypropylen einzufüllen und dann auf ein optimales Meltblown-Vlies zu hoffen. Da steckt jahrelange Erfahrung und extrem viel Know-how dahinter, schließlich muss man unter den Masken ja auch atmen können.

Was wird denn für ein Kilo Meltblown am Markt aktuell bezahlt?

Klöber: Das kommentieren wir nicht konkret. Aber vor der Krise war eine Maske in China schon für etwa 2 Cent zu haben. Mittlerweile hat sich der Marktpreis für das Rohmaterial dort verzehnt- bis verzwanzigfacht.

Die Tatsache, dass der Meltblown-Preis aktuell so explodiert, müsste sich ja auch in Ihrer Bilanz schon positiv bemerkbar machen. Explodiert jetzt ihr Gewinn?

Klöber: Nein, wir haben lange Verträge und fühlen uns unseren Geschäftspartnern verpflichtet. In Europa gibt es insgesamt ein anderes Preisniveau.

Hier läuft die Produktion schon: 3M-Fabrik in Shanghai

Hier läuft die Produktion schon: 3M-Fabrik in Shanghai

Foto: Xinhua / dpa / picture alliance

Im Maskengeschäft müsste aber schon mehr drin sein. Schließlich ist das Angebot gering und die Nachfrage explodiert.

Klöber: Ja, in China ist das Marktpreisniveau für Masken exorbitant gestiegen, in Europa auch etwas - aber längst nicht so wie in Asien. Und wir sind bei den geförderten Anlagen ja verpflichtet, das Material primär nach Deutschland und danach in den europäischen Markt zu liefern. Für Exporte ist eine Sondergenehmigung nötig.

Aber als Marktführer in einem Boommarkt, der sein Angebot massiv ausweitet, dürfte aber wohl doch ein sattes Plus drin sein, oder?

Ja, natürlich rechnen wir am Ende mit einem guten Ausstoß und Absatz. Aber wir tragen natürlich auch das unternehmerische Risiko und haben hohe Investitionskosten in moderne Anlagen, neueste Technologien und Infrastruktur.

Rechnen Sie denn damit, dass deutsche Hersteller auf Dauer auch auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig sein werden, wenn die akute Pandemie erst einmal überwunden ist?

Köber: Preislich sicher nicht. Aber von der Qualität her schon. Wir sehen schon jetzt deutliche Anzeichen dafür, dass es eine Nachfrage für Masken "made in Germany" gibt und dass so mancher bereit ist, einen höheren Preis zu zahlen, wenn dafür die Qualität stimmt.

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