Samstag, 14. Dezember 2019

Thelen verlässt "Höhle der Löwen" - endlich Schluss mit dem Gründerwahn!

Gründer-Show "Höhle der Löwen": Ur-Löwe Frank Thelen (3. v. r.) ist ausgestiegen. Wer einmal einen realen Start-up-Investmentvertrag gelesen hat, weiß: Selten wurde Realität so verzerrt

Der Investor Frank Thelen verlässt die TV-Sendung "Die Höhle der Löwen". Da kann man nur sagen: endlich! Denn das Schmierentheater zur besten Sendezeit bei VOX vermittelt ein vollkommen falsches Bild von Unternehmertum. Wer einmal einen realen Start-up-Investmentvertrag gelesen hat, weiß: Selten wurde Realität so sehr verzerrt dargestellt. Was Thelen und Co. in ihrer Show vermitteln, ist: "Denk dir eine coole Idee aus, trete vor Investoren und überzeuge. Wenn Frank und die anderen an dich glauben, ist die Welt gerettet."

Jens-Uwe Meyer
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    Dr. Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
    www.jens-uwe-meyer.de

Hier als Kontrastprogramm ein kurzer Auszug aus der Realität: Haben Sie schon einmal etwas von Drag-along gehört? Das ist eine wunderbare Klausel, die sich in fast jedem Start-up-Vertrag findet und in der sinngemäß steht: Wenn der Investor seine Anteile verkaufen möchte, müssen die Gründer auch verkaufen - egal wie groß oder klein der Anteil des Geldgebers auch ist. Oder kennen Sie eine Downround? Die blüht Gründer*innen, wenn die Geschäftszahlen doch nicht ganz so astronomisch gut ausfallen, wie ursprünglich angenommen. Statt die Bewertung kontinuierlich nach oben zu schrauben, geht es auf einmal steil nach unten. Und - schwupp! - schon sind die Anteile der Jungunternehmer*innen fast nichts mehr wert.

Bullshit-Bingo statt Gründerförderung

"Aber wir haben die Mehrheit!", sagen Gründer*innen an dieser Stelle gerne. Richtig, nur irgendwo im achtzigseitigen Beteiligungsvertrag steht eine Klausel, die festlegt, dass die Investoren jederzeit die Geschäftsführung austauschen können. "Macht nichts, dafür werde ich durch die Digitalisierung zum Millionär!" Noch so eine beliebte Phrase aus dem Bullshit-Bingo der Start-up-Welt.

Die Zauberformel, mit der sich Investoren das größte Stück des Kuchens sichern, heißt: "Last in - First out". Die Investoren, die als Letztes eingestiegen sind, bekommen beim Verkauf zuerst ihr Geld.

Ein Beispiel: Ihr Start-up, die WeAreAwesome GmbH, hat drei Finanzierungsrunden hinter sich und wird anschließend über den Kapitalmarkt verkauft. Nur eben nicht ganz zu dem Preis, den sich alle gewünscht haben. Trotzdem: Die Millionen fließen. Nur dummerweise nicht in Richtung der Gründer, die Arbeit, Zeit und Herzblut in ihre Geschäftsidee investiert haben.

Es sind die besonders risikoaversen Investoren, die erst ganz zum Schluss eingestiegen sind, die als erste ihr Geld herausbekommen. Dann diejenigen, die in der zweiten Runde dazugestoßen sind. Und schließlich die ersten Risikokapitalgeber. Wenn danach noch etwas übrig ist, bekommen auch die Gründer noch etwas ab. Gegen solche Abzock-Klauseln kann man sich vertraglich schützen - aber dazu müssten Gründer bereits mit den ersten Geldgebern knallhart verhandeln.

Was würden Sie als Investor tun?

Frank Thelen ist mit seinem Investment-Unternehmen Freigeist eine Ausnahme unter den deutschen Risikokapitalgebern. Er investiert tatsächlich sein eigenes Geld. Viele andere arbeiten mit OPM, also mit "Other People's Money". Ihr Versprechen: Sie vermehren das Geld der Investoren viel stärker als es andere tun. Nachdem sie sich selbst zuvor üppige Bürokosten und Gehälter ausgezahlt haben, versteht sich.

In der Realität heißt das: Die Investoren stehen selbst gewaltig unter Performance-Druck, egal wie cool und partnerschaftlich sie tun. Nehmen wir an, Sie wären in einer solchen Situation, was wäre Ihr bevorzugtes Verhältnis zu aufstrebenden Gründern?

1. "Trotz meines wirtschaftlichen Drucks bin und bleibe ich ein Gutmensch. Ich glaube an meine Gründer*innen. Ich stelle ihnen mein gesamtes Know-how und mein Netzwerk zur Verfügung in der stillen Hoffnung, dass bei einem Verkauf des Unternehmens mein Vermögen auf wundersame Art und Weise wächst."

2. "Die Gründer*innen arbeiten mit dem Geld, das ich akquiriert habe. Ich trage das größere Risiko. Nennen Sie mir einen Grund, warum ich die wesentlichen Dinge im Unternehmen nicht bestimmen sollte? Bevor mein Investment den Bach runtergeht, möchte ich den Laden verkaufen können. Und falls sich die erfolgversprechenden Gründer*innen als Luftpumpen erweisen, möchte ich sie jederzeit austauschen können."

Jede Wette: Ihre Antwort wäre die zweite. Gehen wir noch einen Schritt weiter: Sie möchten Ihr Geld in einen Risikokapitalfond investieren. Und kurz bevor Sie dem angesagten Start-up-Investmentvehikel Ihr Geld geben, stellen Sie dem Fondmanager die Frage: Gehen Sie nach der Methode 1 (keine Kontrolle über die Gründer) oder nach der Methode 2 (Kontrolle über die Gründer und Rückfallversicherung bei Kapitalausfall) vor?

Ich bin mir sicher, im ersten Fall würden Sie schreiend aus dem Büro laufen.

Schluss mit dem Schmierentheater

Eine ganze Generation von Gründer*innen wird aktuell in dem Glauben groß, dass es das höchste aller Gefühle ist, Investoren für ihre Geschäftsideen zu finden. Doch das erträumte Happy End entpuppt sich oft als problembehaftete Beziehung. Investoren sind keine bösen Menschen. Auf der Website Dealterms.vc, meiner Sommerlektüre des vergangenen Jahres, geben die Venture-Kapitalgeber Nikolas Samios und Anja Rath (Arnold) klar zu verstehen, wie sie ticken und worauf sie Wert legen.

Zugegeben, das Buch ist deutlich komplexer zu lesen als sich eine Folge "Die Höhle der Löwen" anzusehen. Jedes Recht, das sich Investoren herausnehmen, wird genau erklärt. Wer dieses Buch aufmerksam liest, wird anschließend eine andere Sichtweise auf die "coole" Start-up-Atmosphäre in Berlin und die Euphorie-Show bei VOX haben.

Es liegt am Verhandlungsgeschick aller Gründer und Gründerinnen, die besten Bedingungen für sich herauszuholen. Einige schaffen es tatsächlich, eine gewisse Unabhängigkeit zu behalten. Andere werden so eng an die Leine genommen, dass sie sich jeden Reisekostenbeleg genehmigen lassen müssen.

Man lässt ihnen die Illusion von Unternehmertum und gibt ihnen einen schicken Titel (CEO, CTO oder irgendetwas anderes mit "C" im Titel), sie dürfen sich auf Start-up-Messen präsentieren, aber am Ende sind sie mies bezahlte Quasi-Angestellte. Ich werde nie die Begegnung mit einem Gründer vergessen, der neidisch auf die Putzfrau blickte und sagte: "Sie bekommt wenigstens Mindestlohn."

Es wird Zeit, Start-up-Pitchings und Investments mit einem realistischen Blick anzugehen. Und sich nicht vom Schmierentheater à la Thelen und Co. blenden zu lassen. Denn auch in der Start-up-Welt gilt der alte Spruch: Man muss die anderen nur so schnell über den Tisch ziehen, dass sie die Reibungswärme mit Nestwärme verwechseln.


Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder. Meyers neues Buch "Digitale Gewinner" ist jetzt erhältlich.

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