Montag, 24. Februar 2020

Mehr Innovation für Konzerne Her mit den grauen Gründern!

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Mark Zuckerberg meint: "Junge Leute sind einfach smarter." Sein Credo sieht junge Menschen als ideale Start-up-Gründer; ein Glaube, der zahlreiche Anhänger hat. "Jugendlichkeit" wird verbreitet als eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiche Gründungen vermutet. Das hat vermutlich auch zahlreiche deutsche Konzerne getrieben, sich hier mit ihren digitalen Labs, Inkubatoren und viel Risikokapital zu engagieren; Initiativen, die trotz des hohen Aufwands aber nicht wirklich erfolgreich sind: manager magazin berichtet über eine niederschmetternde Zwischenbilanz.

Thorsten Grenz
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    Thorsten Grenz
    Thorsten Grenz ist Präsident der Financial Experts Association e.V., der Vereinigung unabhängiger Finanzexperten, die als Aufsichtsräte arbeiten. Er ist Geschäftsführender Gesellschafter einer Beteiligungsgesellschaft und Mitglied in Aufsichts- und Beiräten. Grenz lehrt als Honorarprofessor an der Universität in Kiel und ist Wirtschaftsbeirat und Fellow-at-Large am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Bis 2012 war er Geschäftsführer eines großen Versorgungsunternehmens.

Das mag zum einen daran liegen, dass vielen Digital Labs die strategische Anbindung an die Mutterhäuser fehlt und viele Investitionen nicht zu Ende gedacht waren. Ein weiterer Grund ist aber sicher auch der Glauben an die vermeintliche Überlegenheit junger Gründer - die in Wahrheit nur eine Legende ist. Eine Studie des amerikanischen MIT zeigt nämlich, dass sehr erfolgreiche Gründer völlig anders sind, als es die gängigen Vorurteile nahelegen. Das ist eine gute Nachricht für Konzerne, denn die können nun auch einen anderen Weg gehen, sich mit Gründern zu verbinden - und dabei die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Gründung steigern.

Je mehr graue Haare, desto besser

Doch der Reihe nach. Die Legende geht, dass vor allem junge Menschen als Gründer prädestiniert seien: Sie gelten als besonders dynamisch und kreativ und sind unbelastet von lähmenden Erfahrungen aus Arbeit in Konzernen, so dass sie mit unverstelltem Blick an wirklich Neuem arbeiten können. Mark Zuckerbergs Credo mag richtig sein - zu Spitzengründungen führt diese "Smartness" allein allerdings nicht. Im Gegenteil: "Der zwanzigjährige Gründer ist eine Lüge" betitelt das MIT die Ergebnisse seiner groß angelegten Studie. Diese identifiziert, was hocherfolgreiche Gründer wirklich ausmacht. Und das wird viele "Gläubige" überraschen: Die besten Gründer besitzen relevante Berufserfahrung, waren bereits als Angestellte äußerst erfolgreich - und haben graue Haare. Oder wenigstens ein paar. Je mehr, desto besser.

Das ist in Kurzform das Ergebnis der großen MIT-Studie über den Zusammenhang zwischen dem Alter des Gründers und dem Erfolg seines Start-ups. Dazu haben Forscher alle Gründungen der Jahre 2007 bis 2014 in den USA analysiert und daraus das Profil besonders erfolgreicher Gründer herausgearbeitet. Als Erfolgsmaßstäbe werden die beiden Indikatoren "Wachstum" und gelungene "Exits" verwendet; die besten fünf Prozent werden als "besonders erfolgreich" eingestuft und genauer analysiert. Die Forscher kombinieren dazu umfangreiche und detaillierte Zensusdaten mit Informationen aus Unternehmensregistern, Patentdatenbanken und Venture-Reports über Gründer und die von ihnen gegründeten Unternehmen zu einer großen Informationsbasis. Die Ergebnisse sind disruptiv.

Konzernkarrieren helfen beim Gründen

Die Gründer besonders erfolgreich wachsender Unternehmen waren zum Gründungszeitpunkt im Durchschnitt bereits über 40 Jahre alt. Bemerkenswert ist, dass es selbst innerhalb dieser Spitzengruppe noch Unterschiede gibt: Die besten fünf Prozent waren im Schnitt 42 Jahre alt, die Gründer, die es unter die Top-ein-Prozent schafften, waren 44 Jahre und die unter den Top-0,1-Prozent sogar 45 Jahre alt. Wie gesagt: Je mehr graue Haare, desto besser!

Auch bei der Auswertung erfolgreicher Exits zeigt sich ein stark positiver Einfluss des Alters: Ein 50-jähriger Gründer hat im Vergleich zu einem 30-jährigen eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, einen erfolgreichen Exit zu erreichen. Ein weiteres Ergebnis, das mit Legenden aufräumt: Eine erfolgreiche Gründung und eine erfolgreiche Konzernkarriere sind kein Widerspruch. Auch hier erweist sich das Gegenteil als richtig: Erfolgreiche Gründer waren bereits vor der Gründung als Angestellte erfolgreich und verdienten in dieser Zeit hohe Gehälter. Einer der Autoren der Studie bringt die Befunde auf den Punkt: Hätte man die Wahl zwischen zwei identischen Projektideen, von denen eine von einer sehr jungen, die andere von einer Person mittleren Alters vertreten würde, sollte man auf den älteren Gründer setzen.

Schluss mit dem Entweder-oder

Die Ergebnisse sind nicht nur statistisch überzeugend, sie sind auch plausibel. Ältere Gründer haben erhebliche Startvorteile auf dem Weg zum Erfolg: Sie bringen Erfahrung und bewährtes Wissen mit, sie verfügen über persönliche finanzielle Ressourcen und ein eigenes relevantes Netzwerk. Für ihren Start als Gründer brauchen Sie weder Mentoren noch Investoren. Ein Schuft, der Böses dabei denkt: Ist es vielleicht grade diese Unabhängigkeit, die Investoren schreckt?

Was bedeuten diese Befunde nun für die "Start-up-Strategie" von Konzernen? Die potenziell hoch erfolgreichen Gründer sind mit Digital Labs kaum zu erreichen; für Konzerne ist das aber überhaupt kein Problem, denn sie haben die gesuchten Gründer bereits in ihren Reihen! Sie müssen nur angeregt werden, auch zu Gründern zu werden. Es gibt bereits einige gute Ansätze: Die verbreitete Praxis, Mitarbeitern Freiraum für das Verfolgen eigener Ideen zu geben, geht in die richtige Richtung - und sollte ausgebaut werden. Denn eine Unternehmensgründung ist kein Nebenjob, der am freien Freitagnachmittag erledigt werden kann. Hinzu kommt: Die Motivation eines Gründers ist immer auch, "sein Ding" zu machen - und das geht nicht als stundenweise freigestellter Angestellter, sondern nur auf eigene Rechnung!

Diese Erkenntnisse sollten Konzerne realisieren und daraus ein Angebot entwickeln: vielleicht ein längerer unbezahlter Urlaub oder ein "Gründungs-Sabbatical", dazu die Möglichkeit, Technik wie Prüfstände und Labore des Arbeitgebers zu nutzen - gegen einen Anteil am Start-up. Solche Initiativen lassen sich gut zu Programmen entwickeln, mit denen Konzerne im Kampf um Talente punkten: Ein Berufseinsteiger muss sich dann nicht mehr zwischen Gründung und einem Job im Konzern entscheiden. Er kann beides haben. So sehen erfolgreiche Deals aus, die auf die eigenen Leute setzen und ganz ohne Digital Labs auskommen!

Thorsten Grenz ist Präsident der Financial Experts Association e.V. und Mitglied der MeinungsMacher. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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