Insolvente Großreederei Hanjin "Meine Mannschaft dreht durch"

Die Großreederei Hanjin ist pleite, Dutzende Containerriesen können keinen Hafen anlaufen. Güter im Milliardenwert treiben auf den Weltmeeren, Kapitäne berichten von Chaos auf ihren Schiffen.
Heimathafen von Hanjin in Busan

Heimathafen von Hanjin in Busan

Foto: © Lee Jae Won / Reuters/ REUTERS

Seit fast zwei Wochen sitzen Schiffe der insolventen koreanischen Großreederei Hanjin Shipping vor Häfen fest und dürfen nicht einlaufen. Die Lage der Mannschaften verschärft sich zusehends. An Bord werden Nahrungsmittel, Wasser und Treibstoff knapp. Mehrere Kapitäne berichten, dass sie nach wie vor nicht wüssten, wann und wo sie in einen Hafen einlaufen und Proviant an Bord nehmen können werden. Containerschiffe bunkern in der Regel Proviant für nur 14 Tage.

"Meine Mannschaft dreht durch vor Hitze", sagte der Kapitän eines im Südchinesischen Meer fahrenden Frachters. Um Treibstoff zu sparen habe er

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die Klimaanlagen an Bord abstellen müssen. Auch Wasser sei inzwischen rationiert. Der Kapitän eines vor Japan liegenden Schiffes sagte, er habe kurz in einem japanischen Hafen festmachen dürfen, um Fracht zu entladen. Es sei ihm jedoch verwehrt worden, Lebensmittel und Wasser zu laden. "Unsere Schiffe laufen Gefahr, zu Geisterschiffen zu werden", warnte Kim Ho Kyung von der Gewerkschaft der Hanjin-Angestellten.

Nur für Schiffe, die vor der Westküste der USA liegen, entspannte sich die Lage am Samstag etwas: Nachdem ein Konkursgericht in New Jersey entschieden hatte, dass Hanjin trotz seiner Pleite umgerechnet 8,8 Millionen Euro verwenden darf, um Frachter in US-Häfen einlaufen zu lassen, wurde mit der "Hanjin Greece" ein erstes Schiff in Long Beach entladen.

Güter im Wert von 12,4 Milliarden Euro blockiert

Seit der koreanische Konzern vergangene Woche Insolvenz anmelden musste, dümpeln über 70 seiner Schiffe mit mehr als einer halben Million Container an Bord auf hoher See. Sie liegen meist vor Häfen, gewissermaßen geparkt, auf einem Ankerplatz - in der Schifffahrt Reede genannt. Dass die Pötte nicht festmachen, hat zwei Gründe: Zum einen hat die Reederei ihre Kapitäne angewiesen, auf See zu bleiben, um die Beschlagnahmung ihrer Schiffe durch ihre Gläubiger zu verhindern. Hanjin hat umgerechnet 4,5 Milliarden Euro Schulden.

Zum anderen weigern sich Häfen, die Frachter anlanden zu lassen, weil völlig unklar ist, wer die anfallenden Liege-, Entlade- und Lagerungsgebühren zahlen soll. Forderungen nach neuen Finanzmitteln zur Rettung des Konzerns stoßen bei Gläubigerbanken auf Widerstand.

(Lesen Sie auch: Pleite-Schiffe von Hanjin sollen nach Hamburg flüchten)Die Hanjin-Pleite sendet Schockwellen durch den Welthandel. Güter im Wert von umgerechnet 12,4 Milliarden Euro sitzen auf den Schiffen fest und können nicht ausgeliefert werden. Die Zahl ergibt sich aus den Angaben von Kunden, die ihre Ware mit Hanjin verschifft haben. Für Hanjin wird die Lage mit jedem verstreichenden Tag brisanter. Für die verspätete Auslieferung von ihnen anvertrauter Fracht wird die Reederei vertraglich festgelegte Strafen zahlen müssen. Darüber hinaus drohen weitere Schadensersatzforderungen.

In Hamburg liegt seit mehr als einer Woche das Containerschiff "Hanjin Europe" fest. Es kann nicht auslaufen, weil offene Rechnungen nicht bezahlt sind und weitere Leistungen wie Hafenschlepper nur gegen Vorkasse erbracht werden. Auch in Singapur, Rotterdam und Shanghai werden Schiffe als Faustpfand festgehalten.

In der südkoreanischen Stadt Busan, dem Heimathafen von Hanjin, sehen Wirtschaftsführer 11.000 Arbeitsplätze bedroht, wenn die Reederei nicht gerettet wird. Schon jetzt schuldet der Konzern Tausenden von Arbeitern teilweise mehrere Monatsgehälter, berichten Nachrichtenagenturen.

Reedereien steigern Transportpreise

Gut 95 Prozent des Warenverkehrs weltweit werden per Schiff abgewickelt - Hanjins Anteil daran lag zuletzt bei 3,2 Prozent. Durch den Kollaps der Koreaner entspannt sich die zuletzt schwierig gewordene Lage anderer Reedereien: Sie litten zuletzt unter hohen Überkapazitäten und einer abnehmenden Nachfrage. In den Jahren vor der Wirtschaftskrise hatten die Reedereien ihre Flotten massiv ausgebaut.

Mit dem Wegfall von Hanjins Flotte wird weltweit der Platz in Containern wieder knapper und deshalb teurer: Reedereien haben angekündigt, ihre Tarife schon in den kommenden Wochen um bis zu 50 Prozent zu erhöhen. Waren aus Fernost - von Möbeln bis Obst, von Kleidung bis hin zu tiefgefrorenem Fleisch - dürften in den kommenden Monaten teurer werden.

Unternehmen, die Hanjin ihre Waren zum Transport anvertraut haben, sind unterdessen zunehmend besorgt, dass der tiefe Fall der Reederei sie ebenfalls in schwere See bringen könnte. "Wir sind die Fahrgäste in einem Bus, denen gesagt wird, dass sie nicht aussteigen dürfen", sagte ein Anwalt für Samsung Electronics in den USA dem "Wall Street Journal".

Samsung gab vor Gericht an, dass allein an Bord zweier vor der Küste Kaliforniens liegenden Hanjin-Frachter Handyteile, Küchengeräte und Waschmaschinen im Wert von 34 Millionen Euro festsäßen. Angesichts des bald anlaufenden Weihnachtsgeschäfts drohen herbe Verluste. Auch LG Electronics steht unter Druck: Die koreanische Firma lässt wie auch Samsung bis zu 40 Prozent ihrer Güter für den Weltmarkt von Hanjin befördern.

Von der Insolvenz von Hanjin sind wiederum auch deutsche Charterreeder betroffen, die ihre Schiffe an die Koreaner verchartert haben, sie wohl nicht pünktlich zurückbekommen werden und mit Ausfällen rechnen müssen. Die großen Linienreedereien besitzen in der Regel ungefähr die Hälfte ihrer Flotte selbst und chartern die übrige Kapazität nach Bedarf hinzu.