Großfusionen in der Wirtschaft Schluss mit der Schwarz-Weiß-Denke

Von Irina Kummert
Von Irina Kummert
Bayer/Monsanto, Linde/Praxair, Deutsche Börse/LSE: Großfusionen sind auch dank des billigen Geldes wieder angesagt. In Deutschland wird über solche Megaprojekte leidenschaftlich gestritten: Regiert hier wirtschaftliche Vernunft oder unmenschlicher Turbokapitalismus? Derlei ideologische Blickwinkel führen aber nur am eigentlichen Kern des Problems vorbei.
Großkonzerne gleichen teilweise sogar staatliche Defizite aus

Großkonzerne gleichen teilweise sogar staatliche Defizite aus

Foto: AP, DPA
Irina Kummert

Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft und Mitglied der Ethikkommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Seit 2003 ist sie Geschäftsführende Gesellschafterin der Personalberatung IKP Executive Search.

Spätestens seit Oliver Stones' Film "Wall Street" ist die Gier nach mehr Profit, mehr Macht und damit auch mehr Größe in Verruf geraten. So einfach sollte man es sich allerdings nicht machen, findet der österreichische Philosoph Robert Pfaller. Er bezieht sich auf Friedrich Nietzsche, der die Position vertrat, "dass Verlierer dazu tendieren, alles Siegreiche, Große grundsätzlich für böse zu erklären und sich selbst damit selbstgefällig im Unglück zu verbarrikadieren. Die kritische Arbeit am Ressentiment, dem Hass auf das Glück, ist darum, Nietzsche zufolge, die entscheidende Leistung, die erbracht werden muss, damit jemals ein Glück erobert werden kann, damit also die Schwachen nicht beginnen, sich in ihrer Schwäche oder in ihrem Scheitern zu gefallen, und man sich den eigenen Beuteverzicht nicht zur kritischen Gesinnung zurechtfabelt". (R. Pfaller, (2011): Wofür es sich zu leben lohnt.)

Es ist zwar irgendwie verlockend, aber letztlich doch zu einfach, die Kritiker von Großfusionen in die Verliererecke zu stellen oder ihre Argumente unreflektiert unter dem bösen Etikett "Gutmenschentum" abzuheften. Von genauso intellektueller Schlichtheit zeugt allerdings die Position, die Größe per se verteufelt und ausschließlich im Überschaubaren das Gute sieht. Irgendwo dazwischen liegt, wie immer, die Wahrheit. Allerdings neigen wir heute mehr denn je dazu, unausgewogen zu argumentieren und lediglich zwei Farben zu nutzen, um uns ein Bild von einem Sachverhalt zu machen: Schwarz und Weiß. Böse und Gut. Das gilt insbesondere für die Antwort auf die Frage, ob und wenn ja wie weit sich unsere Wirtschaft von den Menschen entfernt hat.

Der Ökonom Ernst Friedrich Schumacher hat in seinem viel beachteten Buch "Small is beautiful" die "Rückkehr zum menschlichen Maß" gefordert. Schumacher mahnt an, dass wir die uns zur Verfügung stehenden Ressourcen bedenkenlos ausbeuten und uns dadurch auf Sicht selbst vernichten. Der Gegenentwurf ist die ursprünglich aus Neuseeland stammende Strategie des "Think Big", der zufolge durch Großprojekte insbesondere im Bereich Infrastruktur eine Optimierung der Ressourcennutzung erreicht werden sollte. Unabhängig davon, welcher Theorie man den Vorzug geben möchte: In der Praxis sorgen geplante Großfusionen wie Deutsche Börse/LSE oder Bayer/Monsanto für Kritik und Verunsicherung. Beides speist sich auch aus der diffusen Angst vor der Versachlichung des Menschen in der Ökonomie. Wenn wir Großkonzerne allerdings per se als unmenschlich verteufeln, vergessen wir, dass Großkonzerne teilweise sogar staatliche Defizite ausgleichen - etwa durch firmeneigene Kindertagesstätten, Home-Office-Arbeitsplätze oder Teilzeittätigkeiten. Vorausgesetzt, sie werden nicht nur pro forma angeboten, sondern sind auch praktikabel umsetzbar und gewollt, um den Menschen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen. Selbstverständlich kann Größe auch dazu führen, dass das Management die Bodenhaftung verliert. Das hat der Volkswagen-Konzern jüngst eindrucksvoll bewiesen.

Die Position, die dafür eintritt, den Mensch wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen und den Profit in den Hintergrund treten zu lassen, polarisiert jedoch auf gefährliche Art und Weise - was letztlich dazu führt, dass sich die Menschen weiter von der Wirtschaft entfernen. Unter anderem Tomás Sedlácek, Chefökonom der Tschechischen Handelsbank AG, befeuert diese ungesunde Tendenz zur Polarisierung zwischen Mensch und Wirtschaft durch Publikationen wie seine Studie "Die Ökonomie von Gut und Böse", die sich mehrere Wochen in den Bestsellerlisten gehalten hat. Dass selbst so bekannte deutsche Topmanager wie Edzard Reuter, ehemaliger Vorstandsvorsitzender von Daimler-Benz dieses Buch auch noch überaus loben, zeugt von der anscheinend ungebrochenen Bereitschaft speziell der Deutschen, sich selbst zu kasteien.

Sedlácek sagt, man könne seine Studie als "postmoderne Kritik der mechanistischen und imperialen Mainstream-Ökonomie verstehen". Aussagen wie: "Das Bemühen, die Effektivität um jeden Preis zu maximieren, diese Stärkung des Ökonomischen auf Kosten des Menschlichen, reduziert die Menschen in der ganzen Breite ihres Menschseins zu einem bloßen Produktionsfaktor", befeuern den scheinbaren Gegensatz von Menschlichkeit und Profitstreben.

Durch die in der öffentlichen Debatte fast schon systematische Konservierung dieser Position öffnet sich die Schere des Misstrauens zwischen "der Wirtschaft" und "den Menschen" immer weiter. Ein Refrain aus einem Song "Spiralen" der Hamburger Rockband Tocotronic "Ich drehe mich in Spiralen. Sie kreisen um dich" bekommt in dem Kontext eine neue Bedeutung: Wir drehen uns in Spiralen, die um den (scheinbaren) Gegensatz von Menschlichkeit und Wirtschaft kreisen - in einer Endlosschleife, aus der auszubrechen dringend erforderlich wäre, wenn wir uns einen unverstellten Blick auf das bewahren und uns darauf besinnen wollen, was Ökonomie wirklich ausmacht und sein sollte: Der langfristige Erfolg eines Unternehmens beruht wesentlich auf partnerschaftlichem und fairem Handeln sowie der Einsicht, dass die Ökonomie dazu beitragen sollte, das Wohl und das Glück der Menschen zu fördern. Dabei spielt die Größe keine Rolle.

Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft, Mitglied des DVFA Ethik Panels sowie Mitglied des Arbeitskreises Wirtschaft & Soziales beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken und schreibt als Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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