Freitag, 20. September 2019

Schluss mit der Nörgelei Deutsche Chefs sind besser als ihr Ruf

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Eklatante Führungsmängel, falsche Qualifikationen: Deutschland, so schrieb MeinungsMacher-Autor Heiner Thorborg kürzlich an dieser Stelle, habe die miesesten Chefs der Welt. Es formulierte seine These nicht als Frage sondern als Feststellung. Zeit für eine Erwiderung.

Ulrich Goldschmidt
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    Gerhard Blank
    Ulrich Goldschmidt ist Vorstands-vorsitzender des Verbands für Fach- und Führungskräfte (DFK) in Essen. Der Jurist ist Spezialist für Führungsfragen, Vergütung und Corporate Governance. Außerdem ist er Ansprechpartner für die Sprecherausschüsse der Leitenden Angestellten sowie Berater und Coach für Vorstände und Aufsichtsratsmitglieder.

Verfolgt man die wirtschaftlichen Debatten der vergangenen Wochen, bekommt man den Eindruck, Deutschland stehe vor der Katastrophe: Das Rentensystem? Kurz vor dem Zusammenbruch. Deutsche Technologiefirmen? Vor dem Ausverkauf an China. Und nun auch noch die miesesten Chefs der Welt. Was für ein bemitleidenswertes Land!

MeinungsMacher-Autor Heiner Thorborg stützt seine These von den

führungsschwachen Führungskräften im Wesentlichen auf Umfrageergebnisse einiger großer Beratungsunternehmen. Demnach hat die Befragung von Mitarbeitern deutscher Unternehmen ergeben, dass es hierzulande eklatante Führungsmängel gibt. Hohe Fachkompetenz korrespondiere mit unzureichender Führungskompetenz. "Ein x-beliebiger britischer, französischer oder brasilianischer Chef bekommt von seinen Leuten bessere Noten als ein deutscher Chef von den seinen", schreibt Thorborg.

Liegt in deutschen Unternehmen tatsächlich so viel im Argen? Wohl kaum. Unsere Wirtschaft steht im internationalen Vergleich exzellent da, was insbesondere den zahlreichen extrem erfolgreichen Unternehmen zu verdanken ist. Deutschland ist seit 2008 nicht nur viel besser durch die Finanz- und Wirtschaftskrise gekommen als die allermeisten anderen Staaten. Der Arbeitsmarkt ist in einigen Bereichen sogar zu einem echten Arbeitnehmermarkt geworden. Unternehmen suchen teilweise händeringend nach Fach- und Führungskräften, um ihre positive Entwicklung fortzusetzen. Das ist nicht nur mit herausragender Fachkompetenz der Führungskräfte zu erklären, sondern auch mit der Führungskompetenz, die trotz aller Kritik sehr wohl vorhanden ist.

Der Deutsche fühlt sich zum Nörgeln verpflichtet

Die Mitarbeiter sind in unseren Unternehmen noch immer das größte Kapital und die Führungskräfte sind für diese Mitarbeiter verantwortlich. Würden sie tatsächlich auf dem Gebiet der Mitarbeiterführung flächendeckend versagen, müsste Deutschland konsequenterweise wirtschaftlich geradezu katastrophal dastehen. Davon sind wir weit entfernt. Unsere Führungskräfte sind viel besser als ihr Ruf.

Was wir in den von Heiner Thorborg zitierten Umfragen erkennen können, ist etwas anderes. Es handelt sich um ein Phänomen, dass ich in dieser ausgeprägten Form tatsächlich bislang nur in Deutschland habe ausmachen können: Es verunsichert den Deutschen zutiefst, wenn er in einer Studie nach seiner Meinung gefragt wird und erschrocken feststellen muss, dass seine Antworten positiv ausfallen. Diesen Fauxpas wird er sofort korrigieren, weil er sich ansonsten mit Selbstvorwürfen überschütten würde. Alles positiv zu sehen, ist aus Sicht des Deutschen eine Verletzung seiner Verantwortung für die Zukunft. Es muss etwas da sein, was schlecht, unzureichend und zu korrigieren ist. Wäre das nicht der Fall, müsste man ihn ja gar nicht erst nach seiner Meinung fragen.

Der Deutsche fühlt sich zum Nörgeln verpflichtet. In einem Interview hat der Kabarettist Dieter Nuhr das kürzlich ganz hervorragend beschrieben: "Der Deutsche sagt: Es soll alles so bleiben, wie es ist, aber muss sich gleichzeitig auch alles ändern, weil alles furchtbar ist, so wie es ist. Seltsame Mischung.

"Es wäre ein reizvolles Experiment, den deutschen Mitarbeitern, die ihren Führungskräften ein so arg schlechtes Zeugnis ausstellen, einmal Vorgesetzte aus Frankreich, England, Brasilien oder den USA zu geben und nach einer Weile die Studien zu wiederholen. Vor einigen Monaten hatte ich Gelegenheit, mit deutschen Mitarbeitern bei der deutschen Tochter eines schwedischen Konzerns zu sprechen, die nach der Übernahme schwedische Vorgesetzte bekommen hatten. Nun ist Schweden nicht gerade als die letzte Bastion eines menschenverachtenden und ausbeuterischen Manchester-Kapitalismus verschrien. Aber selbst hier sehnten sich die Mitarbeiter nach ihren deutschen Führungskräften zurück.

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