Trotz Zinswende und Dollar-Stärke Der überraschende Comeback-Versuch des Goldpreises

Steigende US-Zinsen und ein starker Dollar müssten eigentlich auf den Goldpreis drücken. Doch das Edelmetall legt nach langer Talfahrt seit Wochen plötzlich zu. Gelten alte Faustregeln am Goldmarkt nicht mehr?
Gold wird teurer: Investoren glauben an eine vorsichtige US-Notenbank

Gold wird teurer: Investoren glauben an eine vorsichtige US-Notenbank

Foto: Sven Hoppe/ picture alliance / dpa

Es tut sich was beim Goldpreis. Seit Jahresanfang ist das Edelmetall bereits um etwa 5 Prozent teurer geworden. Gegenüber dem Tief Mitte Dezember fällt das Plus sogar noch deutlicher aus. Inzwischen notiert Gold so hoch wie seit zwei Monaten nicht mehr, womit es heraussticht aus dem Gros der Geldanlagen: Die Aktienmärkte rutschen abwärts, Zinsprodukte werfen kaum etwas ab, von Rohstoffen wie vor allem dem historisch billigen Öl ganz zu schweigen.

Gold also wieder einmal als "sicherer Hafen", als Profiteur in unruhigen Zeiten? Das würde passen. Unruhen gibt es zurzeit nicht nur an den Finanzmärkten, Stichwort Terrorismusgefahr, Stichwort auch internationale Spannungen etwa um die Ukraine oder zwischen Saudi-Arabien und dem Iran.

Bemerkenswert erscheint der Anstieg des Goldpreises manchem Beobachter aber trotzdem. Denn er kommt ausgerechnet in dem Moment, in dem die US-Notenbank Fed die Zinswende eingeleitet hat. Läuft alles nach Plan, so werden Fed-Chefin Janet Yellen und Kollegen die US-Leitzinsen nach dem ersten Schritt vor einigen Wochen in diesem und in den kommenden Jahren sukzessive weiter anheben. Der US-Dollar profitiert bereits seit geraumer Zeit von dieser Entwicklung und legt stetig zu.

Beides - steigende Zinsen in der größten Volkswirtschaft der Welt sowie ein immer stärker werdender Dollar - sollte sich jedoch den gängigen Erwartungen des Marktes zufolge eigentlich negativ auf den Goldpreis auswirken. Schließlich wirft Gold keine Zinsen ab, müsste also in der Gunst der Käufer ins Hintertreffen geraten, sobald andere Kapitalanlagen mehr versprechen. Und weil Gold meist in Dollar notiert und gehandelt wird, dürfte ein starker Kurs der US-Währung dem Edelmetall ebenfalls nicht guttun. Schließlich wird es dadurch für Nicht-US-Käufer teurer, was die Nachfrage schmälern müsste.

All diese logischen Verkettungen scheinen nun seit einigen Wochen außer Kraft gesetzt. Doch weshalb?

Eine mögliche Erklärung liefert der Blick in die Vergangenheit. Dort zeigt sich nämlich, dass der Goldpreis keineswegs sinken muss, wenn die US-Zinsen steigen. Im Gegenteil: Häufig ist es genau andersherum.

Das beste Beispiel, so erläuterte kürzlich Mark O'Byrne, Chef des irischen Goldhändlers Goldcore, gegenüber Bloomberg Markets, sei die Phase von 2003 bis 2006. Während dieser Zeit stiegen die Fed-Leitzinsen von etwa einem Prozent auf mehr als 5 Prozent. Und der Goldpreis? Stieg ebenfalls, und zwar um mehr als 80 Prozent von 350 Dollar je Unze auf 650 Dollar.

Ein ähnliches Szenario hat es nach Angaben des Goldhändlers in den 1970er Jahren gegeben. 1971 lag der Fed-Zins unter 5 Prozent, so O'Byrne. Bis 1980 stieg er dann in einer Phase erheblicher Inflation auf mehr als 18 Prozent. Gleichzeitig legte aber auch der Goldpreis zu, von um die 30 Dollar pro Unze auf mehr als 850 Dollar.

Die Beispiele zeigen, dass der Goldpreis nicht zwangsläufig fallen muss, wenn die Zinsen steigen. "Er kann, er muss aber nicht", sagt O'Byrne. Entscheidend sind seiner Ansicht nach schließlich nicht die nominalen Zinsen, sondern die realen.

Wie schnell wird die Fed die Zinsen erhöhen?

Das heißt: Die allgemeine Teuerungsrate für Konsumgüter, die Inflationsrate also, muss in der Überlegung berücksichtigt werden. Denn nur, wenn verzinste Geldanlagen auch nach Abzug der allgemeinen Preissteigerungen noch Rendite bringen, sind sie nach dieser Sichtweise gegenüber Gold im Vorteil.

Und noch etwas erklärt den aktuellen Anstieg des Goldpreises trotz steigender Zinsen: Viele Marktteilnehmer gehen offenbar davon aus, dass die Fed die Zinsen nur sehr vorsichtig erhöhen wird. Dafür spricht die Tatsache, dass die Zentralbank schon mit dem Einstieg in die Zinswende lange zögerte. Zudem äußerte sich die Notenbank auch in dieser Woche wieder sehr zurückhaltend zum Zustand der US-Konjunktur. Und weil sich weder die Wirtschaft in den USA noch im Rest der Welt wirklich stabil entwickeln, könnte jeder übereilte Zinsschritt verheerende Folgen haben.

Noch hat sich die Notenbank nicht offiziell von ihrem Plan, den Zins im laufenden Jahr viermal zu erhöhen, verabschiedet. "Die Schwäche der Weltwirtschaft lässt die Leute den geplanten Zinspfad der Fed hinterfragen", sagte jüngst jedoch Jens Pedersen von der Danske Bank laut Bloomberg. Inzwischen werde nur noch ein Zinsschritt im Jahr 2016 erwartet, nicht mehrere, so der Fachmann.

So gesehen könnte es mit dem Goldpreis also durchaus noch weiter aufwärts gehen. Viele Besitzer des Edelmetalls dürften dennoch nicht in Jubel ausbrechen, denn die Höchststände aus den Jahren 2011 und 2012 sind nach wie vor ziemlich weit entfernt. Und selbst Goldcore-Chef O'Byrne glaubt, dass das Umfeld für Gold erneut schwieriger wird, sobald sich die Aktienkurse wieder erholen sollten.

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