Globale Rezessionsgefahr Ungebremst in die nächste Krise - und diesmal ohne Munition

Griechenland-Chaos, China-Schwäche, Börsenturbulenzen: Die Wirtschaftslage ist wackelig. Gegen die nächste globale Rezession werden die großen Industriestaaten kaum etwas ausrichten können.
Börse in Shanghai: Falls sich der derzeitige globale Abschwung verschärft, haben Regierungen und Notenbanken kaum noch etwas entgegenzusetzen

Börse in Shanghai: Falls sich der derzeitige globale Abschwung verschärft, haben Regierungen und Notenbanken kaum noch etwas entgegenzusetzen

Foto: AFP

Als 2008 die Krise ausbrach, waren die Arsenale der Wirtschaftspolitiker prall gefüllt. Die Zinsen waren relativ hoch, die Staatsschulden niedrig, Öl und Rohstoffe teuer. Mit anderen Worten: Im Kampf gegen den Abschwung nach der Lehman-Pleite verfügten Regierungen und Notenbanken über jede Menge Munition.

Ganz anders heute. Die Zinsen sind bereits bei null, viele Staaten taumeln nach wie vor am Rande der Pleite. Öl und andere Rohstoffe sind bereits billig. Mit anderen Worten: Falls sich der derzeitige globale Abschwung verschärft, haben Regierungen und Notenbanken kaum noch etwas entgegenzusetzen.

Machen Sie sich daher auf eine raue Phase gefasst - innenpolitische und internationale Konflikte inklusive!

Wie wackelig die Lage derzeit ist, das haben die nervösen Reaktionen der Börsen in dieser Woche gezeigt. Die Abwertung des chinesischen Yuan hat rund um den Globus Schockwellen ausgelöst. Denn der Verdacht liegt nahe, dass es um Chinas Wirtschaft noch schlimmer steht, als die ohnehin schon ernüchternden offiziellen Pekinger Zahlen zeigen.

Was passiert, wenn die nächste Krise kommt?

Viele große Schwellenländer, die kräftigsten Motoren der Weltwirtschaft in den vergangenen Jahren, stecken in der Klemme. In Russland und Brasilien schrumpft der Wohlstand. China erreicht seine Wachstumsziele nicht mehr, während sich in ganz Asien das Wirtschaftsklima eintrübt, wie das Ifo-Institut diese Woche ermittelte.

In den etablierten Volkswirtschaften bleibt die Dynamik brüchig. Japans Ökonomie ist im vergangenen Quartal wieder geschrumpft (hier gibt es neue Zahlen aus Tokio). Die Eurozone schleppt sich mühsam voran (Donnerstag muss Athen Geld an die Europäische Zentralbank (EZB) zurückzahlen; achten Sie auf die anstehende Abstimmung des Bundestags zum Griechenland-Paket am Mittwoch). Der US-Aufschwung scheint zwar relativ robust, fällt verglichen mit früheren Konjunkturzyklen aber blutarm aus.

So instabil, wie die Lage ist, bedarf es womöglich nur eines vergleichsweise kleinen Anstoßes, um die nächste Krise auszulösen. Und was passiert dann?

Bevor die letzte Krise 2008 mit der Lehman-Pleite begann, waren die Staatsfinanzen in relativer Ordnung. Im Vorkrisenjahr 2007 verzeichneten die OECD-Länder im Schnitt ein Haushaltsdefizit von moderaten 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Einige Länder wie Irland und Spanien, die es später besonders hart traf, fuhren sogar Überschüsse ein. Die USA und Großbritannien hatten zwar Defizite zwischen 3 und 4 Prozent des BIP. Aber angesichts von Verschuldungsgraden von 50 Prozent (Großbritannien), 64 Prozent (USA) und 72 Prozent (Eurozone) des BIP bereitete dies kaum jemandem Kopfzerbrechen. Nur in drei etablierten Ländern - Japan, Italien und Griechenland - lag bereits 2007 die Schuldenquote über 100 Prozent.

Die Explosion der Staatsschulden - kaum noch Spielräume, nirgends

Als dann die Krise zuschlug, sparten die Regierungen den wegbrechenden Steuereinnahmen nicht hinterher, sondern vereinbarten massive Konjunktur- und Bankenrettungsprogramme. In der Folge explodierten die Staatsschulden förmlich: In den USA und Großbritannien haben sie sich in Relation zum BIP seit 2007 fast verdoppelt auf rund 110 Prozent.

•Noch höher liegen sie nach OECD-Angaben in Italien (160 Prozent), Portugal (148 Prozent), Frankreich (122 Prozent) und erst recht in Japan (230 Prozent). Weil vielen Staaten sonst die Pleite droht, wird ihnen gar nichts anderes mehr übrig bleiben, als gegen die nächste Krise anzusparen und sie damit noch zu verschärfen - so wie es Griechenland in den vergangenen Jahren tun musste.

Auch die Notenbanken können nur noch bedingt helfen. 2007 lagen die kurzfristigen Zinsen bei 4,3 (Eurozone), 5,3 (USA) und 6 Prozent (Großbritannien). Bis 2009 schleusten die Notenbanken die Sätze Richtung Nulllinie. Als das nichts half, senkten Amerikaner und Briten auch noch die langfristigen Zinsen, indem sie massiv Anleihen aufkauften ("Quantitative Easing"). Seit diesem Jahr hat die EZB den gleichen Weg eingeschlagen.

Kaum noch Spielräume, nirgends. Weder die Finanzpolitik noch die Zinspolitik kann bei einem erneuten Abschwung viel ausrichten.

Das gilt auch für die Schwellenländer: Russland und Brasilien mühen sich, ihre Zahlungsfähigkeit zu sichern. Sogar Saudi-Arabien muss sich im Ausland verschulden. China hat ab 2008 als Antikrisenmaßnahme eine gigantische Kapitalmarktblase aufgebläht und leidet nun unter einer der höchsten privatwirtschaftlichen Verschuldungsquoten aller Emerging Markets. Die ernsten Schwierigkeiten, vor denen die Volksrepublik steht, zeichnen sich bereits seit Langem ab.

Wenn die nächste globale Rezession kommt, steht Folgendes zu befürchten:

• Die Notenbanken werden alle verbliebene Zurückhaltung aufgeben und in ganz großem Stil Konjunkturprogramme der Regierungen durch den Aufkauf von Staatsanleihen unterstützen - Japan ist dann überall.

• Deutschland wird massiv unter Druck geraten, die globale Nachfrage anzukurbeln. Schließlich sind wir die einzige große westliche Volkswirtschaft, die noch über nennenswerten finanziellen Spielraum verfügt (Schuldenquote derzeit unter 80 Prozent).

• Protektionistische Maßnahmen werden um sich greifen. Das Szenario eines Währungskriegs ist mit der jüngsten Abwertung des Yuan wahrscheinlicher geworden. Begonnen haben dieses gefährliche Spiel übrigens voriges Jahr die Europäer. Aber es kann nun mal nicht jedes Land Exportüberschüsse einfahren.

Im besten Fall könnten sich die derzeitigen Krisenanzeichen als undramatische Delle erweisen. Dann bliebe noch einige Zeit, die Wirtschaftspolitik zu normalisieren - und so die Arsenale wieder aufzufüllen.

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