Marktforscher in der Kritik GfK vor turbulenter Hauptversammlung

Geballter Unmut: GfK-Zentrale in Nürnberg

Geballter Unmut: GfK-Zentrale in Nürnberg

Foto: GfK

Die Hauptversammlung der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) an diesem Freitag dürfte für Vorstand und Aufsichtsrat ungemütlich werden. Erik Besold, Repräsentant der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), will kritische Fragen stellen - zu unsauberen Geschäften der GfK.

Das Delikt liegt schon ein paar Jahre zurück, belastet die GfK  aber bis heute. 2012 stellte sich heraus, dass es die türkische GfK-Tochter mit der Zahlung von Steuern und Sozialabgaben lange Zeit nicht genau genommen hatte. Daher verlangten die türkischen Behörden eine Zahlung von über 20 Millionen Euro. Die Franken wehrten sich gerichtlich gegen die Forderung, verloren aber Anfang 2015 in erster Instanz.

Schon während der Hauptversammlung im Mai 2014 erkundigte sich Aktionärsschützer Besold, ob die GfK plane, die damals verantwortlichen Führungskräfte wegen Verletzung der Sorgfalts- und Aufsichtspflicht in Regress zu nehmen. Das GfK-Management gab keine konkrete Auskunft.

Geheimer Prozess gegen die alte Führung

Über diese ausweichende Haltung ärgert sich Besold: "Man hat mich nicht zutreffend informiert", sagt der Rechtsanwalt. Er ist sich sicher, dass die GfK bereits vor der Hauptversammlung 2014 eine Schadensersatzklage gegen den früheren Vorstandsvorsitzenden Klaus Wübbenhorst und Ex-Finanzchef Christian Weller von Ahlefeld vorbereitet hat.

Erst auf Anfrage von manager magazin im Februar dieses Jahres äußerte sich der GfK-Vorstand zu dem Verfahren. Ein erster Prozess gegen die beiden ehemaligen Führungskräfte, so wurde bestätigt, fand im Oktober 2015 vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth statt. Warum bis heute kein Urteil gefällt ist, kann sich der Jurist Besold "nicht erklären".

Offen ist auch, wie weit die Vergleichsverhandlungen zwischen den Parteien gediehen sind. Nach Schätzung von Besold hat das Türkei-Debakel mittlerweile eine Schadenssumme - inklusive Prozesskosten - von rund 40 Millionen Euro verursacht.

GfK-Verein gegen GfK-Vorstand

Der Aufsichtsrat wird also allerhand zu erklären haben. Die Situation ist umso heikler, da Oberkontrolleur Arno Mahlert keinen bedingungslosen Rückhalt mehr beim Ankeraktionär der GfK findet. Mehrheitseigentümer ist der GfK-Verein, der sich als Think Tank der Marktforschung versteht. Die gemeinnützige Organisation hält 56,5 Prozent der GfK-Papiere.

Vereinspräsident Hubert Weiler sorgt sich zunehmend um die unbefriedigenden Geschäftszahlen der GfK - und damit um die Dividende, auf die er angewiesen ist. Seit dem Amtsantritt von GfK-Vorstandschef Matthias Hartmann Ende 2011 jagt eine Gewinnwarnung die andere, der Umsatz liegt auf dem Niveau von 2012, der globale Marktanteil schrumpft.

Die unbefriedigende Geschäftsentwicklung wird auch ein Thema auf der Hauptversammlung sein. Gerhard Jäger, Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), will wissen, wie es sein kann, dass der Vorstandsvorsitzende nach vierjähriger Amtszeit noch immer keine ordentlichen Zahlen vorweist.

Angst vor dem Eklat

Es gibt viele gute Gründe, dass Hartmann längst hätte gehen müssen, doch Oberkontrolleur Mahlert machte keine Anstalten, nach einem Ersatz zu suchen. Also entwarf Weiler gemeinsam mit GfK-Ehrenpräsident Peter Zühlsdorff einen Plan B: Mahlert sollte zur Generalversammlung 2016 sein Amt aufgeben. Sein potenzieller Nachfolger, Ex-Bayer-Vorstand Werner Spinner, bekannt als Präsident des 1. FC Köln, hätte dann nach einem Hartmann-Nachfolger fahnden können.

Zühlsdorff und Weiler baten Mahlert zu Beginn des Jahres, seinen bis 2020 laufenden Vertrag im Einvernehmen aufzulösen. Der allerdings weigerte sich standhaft und versuchte, den restlichen Aufsichtsrat auf seine Seite zu ziehen.

Aus Angst vor einem Eklat gab Präsident Weiler schließlich klein bei - obwohl er als Vertreter des Mehrheitsaktionärs den renitenten Kontrolleur im Handstreich entmachten könnte. Und so darf Mahlert bleiben, erst 2017 will er sich mehr oder weniger freiwillig zurückziehen.

Immerhin werden nun die beiden Vizepräsidenten des GfK-Vereins, Ralf Klein-Bölting (53) und Raimund Wildner (61), in den Aufsichtsrat einziehen. Die Entsendung von zwei Eigengewächsen ist Weiler wichtig. Seit 2009, als die Vereinsmeier alle personellen Verflechtungen zwischen sich und dem Unternehmen kappten, kann das Präsidium nur indirekt auf die GfK einwirken.

Big-Data-Trend verschlafen - jetzt wird externes Kapital gebraucht

Das neu formierte Kontrollgremium soll den Vorstandschef fortan intensiver in Manndeckung nehmen. Denn Hartmann hat so manche Führungskraft vergrault und nicht wenige der 13.000 Mitarbeiter demotiviert. Und auf den Umbruch des Geschäftsmodells durch die Digitalisierung hat der Chef seine Marktforscher schon gar nicht vorbereitet.

Die Ausbreitung sozialer Netzwerke bringt eine Flut von Daten hervor, hinzu kommen ausgefeilte Technologien zum Sammeln und Analysieren der Informationen. Kurz: Big Data revolutioniert die Branche. Zahlreiche Start-ups und kapitalstarke Spieler wie IBM  heizen den Wettbewerb an, die Preise sinken.

Die GfK "hat die Entwicklung verschlafen", sagt ein Firmenkenner. Die Folge: Das Unternehmen, das Hartmann schon auf Platz drei der Weltrangliste sah, ist auf Position fünf abgerutscht.

Finanzinvestoren vor der Tür

Um verlorenes Territorium gutzumachen, müsste die GfK viel Geld ausgeben - das sie nicht hat. Die Nürnberger erwägen deshalb, eine technologieorientierte Tochtergesellschaft zu gründen, die im Wesentlichen von externen Investoren aus der Private-Equity-Branche finanziert wird. So bekäme die GfK die dringend benötigte Kapitalspritze, und der Verein könnte seine Mehrheit am Konzern behalten.

Interessenten gibt es durchaus. In den vergangenen Monaten wurden bereits KKR und die Texas Pacific Group (TPG) im Frankenland vorstellig. Die Amerikaner verfügen über einen unschätzbaren Vorteil: Neben Dollars bringen sie auch Expertise mit, weil sie beide bereits an Marktforschungsfirmen beteiligt sind. Einsteigen würde möglicherweise auch BC Partners.

Allerdings haben die Aspiranten wenig Lust auf ein Engagement in einem Unternehmen, in dessen Aufsichtsrat und Vorstand sich erfolglose Manager festgebissen haben. Vereinspräsident Weiler scheint das nicht weiter zu stören. Erst wenn Mahlert 2017 als Oberkontrolleur abtritt, steht eventuell auch die Suche nach einem Hartmann-Nachfolger an. Ein weiteres verlorenes Jahr also für die GfK.