Generation Y Die langweiligste Generation aller Zeiten

Von Heiner Thorborg
Deutsche Universitäten: Höfliches Zirkelreden statt passionierter Debatten

Deutsche Universitäten: Höfliches Zirkelreden statt passionierter Debatten

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"Man kann sehr erfolgreich ein Studium abschließen, ohne auch nur ein einziges Mal das Glück der Erkenntnis verspürt zu haben." Dieser Satz stammt von Christiane Florin, einer Dozentin für Politikwissenschaften an der Universität Bonn. Er wirft Fragen auf, die eine auf Innovationskraft angewiesene Wissensgesellschaft in die Knie zwingen können.

Was ist los an unseren Universitäten? Sind die Lehrer dort so schlecht, dass die jungen Leute unbeleckt von jeder Ahnung bleiben? Ist uns Deutschen der Erkenntnisgewinn an den Unis inzwischen egal?

Geht es sowieso nur noch um Notenschnitte und nicht mehr um die reine Lehre, weil das Land nur noch wirtschaftlich Verwertbares will? Oder sind die Studenten intellektuell inzwischen so plattgemacht von dem ewigen Starren auf ihre Smartphones, dass ihre Aufmerksamkeitsspanne nur noch maximal zehn Minuten beträgt?

Alle diese Vorwürfe stimmen ein bisschen - doch wer mit Uni-Professoren redet, hört vor allem viel über das schlechter werdende "Studentenmaterial". Wer mit Arbeitsdirektoren in der Wirtschaft redet, bekommt über den Nachwuchs im Betrieb Ähnliches zu hören: angepasst, konfliktunfähig, freizeitorientiert. Die langweiligste Generation aller Zeiten.

Seit Sokrates schimpfen ältere Leute über die Jugend

Seit Sokrates schimpfen Leute meines Alters über die verlotterte Jugend. Doch damals hieß es: Sie sei respektlos und ohne Manieren.

Heiner Thorborg
Foto: Manuel Fischer

Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Heute hingegen sehnen wir uns nach einer widerspenstigeren Jugend - einer, die Gegebenes nicht einfach nur so hinnimmt, sondern hinterfragt. Einer, die auf der Suche ist nach der eigenen Stimme, den eigenen Wegen, besseren Lösungen. Und einer Jugend, die sich dabei nicht scheut, zu diskutieren und Kontroversen anzustoßen.

Stattdessen treffen wir auf wirklich nette junge Leute, die eigentlich immer nur zusammenfassen, was der Mensch vor ihnen gerade gesagt hat. Das Ergebnis ist höfliches Zirkelreden, statt passionierte Debatte.

Mir kommen viele der jungen Absolventen uralt vor. Sie erinnern mich an die im Dienst ergrauten Alten, die auf ihrem mühsamen Weg des Aufstiegs immer angepasster geworden sind.

Höflich und angepasst - doch wir leben in Zeiten aggressiver Konkurrenz

Das wäre auch weiter nicht schlimm, wenn wir immer noch die höfische Gesellschaft des 17. Jahrhunderts hätten, in der Höflichkeit und Seniorität als hohe Güter galten. Doch wir leben im 21. Jahrhundert, einem Zeitalter aggressiver Konkurrenz, weltweit agierender Konzerne und immer kürzer werdenden Innovationszyklen. Heute machen die erfolgreichsten Konzerne der Welt mehr als 50 Prozent ihres Umsatzes mit Ideen, die in den vergangenen 12 bis 18 Monaten entwickelt worden sind. Und Ideen entstehen selten aus dem respektvollen Zusammenfassen bekannter Thesen.

Deutschland also braucht kaum etwas mehr als den Willen zur Veränderung und die Fähigkeit, disruptive Sprünge zu machen. Dazu brauchen wir intelligente, motivierte - und ja! - auch rebellische Kids. Doch immer öfter kommt es mir so vor, als müssten wir Alten den Jungen erst noch beibringen, wie man aufmuckt, in Frage stellt, Kontroversen anzettelt. Verkehrte Welt.

Umfragen zeigen, dass unter den Topmanagern jeder vierte das Arbeitsethos für einen karriereentscheidenden Faktor hält, aber nur neun Prozent der Studenten. Im Ergebnis sagen zwei Drittel der Befragten, die Generation Y sei schwer zu managen. Aber nicht, weil sie so aufmüpfig und kreativ wäre, sondern viel mehr, weil sie so egozentrisch sei. 50 Prozent der Führungskräfte sagen, die Jungen hätten völlig unrealistische Gehaltsvorstellungen und seien leider leicht abgelenkt. Im Klartext lautet das Votum: Pflichtbewusstsein unterentwickelt, Anspruchsdenken überentwickelt.

Die Innovatoren aus China werden zahlreicher

Vermutlich ließe sich auch das verkraften, wenn der Wettbewerb um die Talente nicht so international wäre. Doch heute - so eine Studie von Insead, Singapurs Human Capital Leadership Institute und Adecco - werden die Kids, die tatsächlich noch Drive und Ehrgeiz entwickeln, immer mobiler. Sie gehen zum Studium ins Ausland und dann dahin, wo die größten Chancen sind. Tatsächlich gibt es nämlich jede Menge motivierter junger Leute, die stammen nur nicht unbedingt aus Deutschland.

Lange Zeit hat sich der Westen angesichts einer auferstehenden Weltmacht im Osten damit getröstet, dass die asiatische Jugend in sogenannte Paukschulen gehe, wo ihr im Frontalunterricht Fakten eingebläut werde. Kreative Köpfe würden da nicht entstehen - und deshalb käme zum Beispiel die Staatsindustrie Chinas nur auf einen grünen Zweig, weil sie unsere Technologien kopieren. Wir im Westen würden auf ewig die Nase vorne haben, weil wir unseren Kindern das Denken beibringen und ihr schöpferisches Talent fördern. So zumindest lauteten - grob verkürzt - viele Thesen.

Heiner Thorborg
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Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Das ist, mit Verlaub, Blödsinn. Zwar behaupten die Amerikaner, dass sie der Technologie-Diebstahl der Chinesen im Jahr 300 Milliarden Dollar koste, doch wer zum Beispiel mit McKinsey-Leuten redet, bekommt ein anderes Bild. Klar, die Chinesen hängen noch hinterher, wenn es um Hightech-Medizin, Autos oder Flugzeuge geht, in anderen Feldern jedoch habe das Land die Nase vorn. Zum Beispiel darin, Prozesse zu verbessern, um sie billiger und kundenfreundlicher zu machen. Unternehmen wie Huawei, Tencent oder Baidu seien zudem durchaus in der Lage, dank kreativer Wertschöpfung zu wachsen. Und die Innovatoren Made in China würden immer zahlreicher.

Die deutschen Unternehmen werden ihre Talente schon finden, wenn nicht in Deutschland, dann eben woanders. Von den verwöhnten deutschen Kids jedoch werden so manche im Arbeitsleben schwer auf die Nase fallen. Das gibt Anlass zur Hoffnung. Vielleicht entwickeln sie dank dieser Fehlschläge ja dann das Interesse, den Erkenntnishunger und den Drive, den sie brauchen, um ihr Smartphone aus der Hand zu legen und einen guten Job zu machen.

Heiner Thorborg ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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