Axel Kleinlein

Der Fall Generali Verrat an der deutschen Lebensversicherung

Axel Kleinlein
Von Axel Kleinlein
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Die Politik hat den Lebensversicherern in Deutschland über viele Jahre etliche Privilegien eingeräumt und sie zugleich Stück für Stück aus ihrer Verantwortung entlassen. Genau das fällt jetzt im Fall Generali Millionen Kunden auf die Füße.
Die Generali geht voran und verkauft Millionen Policen an einen Abwickler. Damit entledigt sich ein erster großer Lebensversicherer seiner Verantwortung

Die Generali geht voran und verkauft Millionen Policen an einen Abwickler. Damit entledigt sich ein erster großer Lebensversicherer seiner Verantwortung

Foto: Uwe Zucchi/ picture alliance / Uwe Zucchi/dp

Es gab einmal einen Versicherer, der sehr eng mit Gewerkschaften zusammenarbeitete. Die Genossinnen und Genossen waren begeistert von der Idee, dass über eine Versicherung und dessen Kollektiv alle füreinander einstehen. Altersvorsorge würde auf diese Weise über das Vehikel der Lebensversicherung zu einer Sozialveranstaltung im politisch besten Sinne. Die deutsche Lebensversicherung war durchdrungen von der Idee und Philosophie einer gemeinschaftlichen Vorsorge.

Axel Kleinlein
Foto: imago

Axel Kleinlein ist Versicherungs-Mathematiker und arbeitete in dieser Funktion auch für die Allianz. Seit 2011 (mit kurzer Unterbrechung) führt er als Vorstandsprecher den Bund der Versicherten (BdV) an, die größte deutsche Verbraucherschutzorganisation für Versicherte. Seit April 2019 ist er auch Präsident des europäischen Verbraucherschutzverbands "Better Finance" in Brüssel.

Erste Ernüchterung setzte ein, als die Auszahlungen immer schlechter wurden. Eine weitere Ernüchterung folgte, als dieses Versicherungsunternehmen vom italienischen Löwen geschluckt wurde - von der Generali. Und spätestens ab diesem Moment war von dem Selbstverständnis des "Genossenversicherers" nichts mehr zu spüren.

Lebensversicherer sind integraler Bestandteil der deutschen Altersvorsorge

Was man nicht vergessen darf: Die Genossinnen und Genossen haben zusammen mit vielen Verantwortlichen aus der Politik über viele Jahrzehnte dafür gesorgt, dass das System der deutschen Lebensversicherung von staatlicher Seite stark unterstützt wurde und wird. Da geht es zum Beispiel um steuerliche Vergünstigungen, und im Bereich der betrieblichen Altersvorsorge können auch Sozialversicherungsbeiträge eingespart werden.

Viele Verträge dieser über 90 Millionen Lebensversicherungsverträge gäbe es nicht, wenn sich nicht die Politik dafür stark gemacht hätte, dass Steuerzahlende und Sozialversicherungssysteme die Lebensversicherungsindustrie unterstützen. Die Begründung war stets die gleiche: Die deutschen Lebensversicherer sind integraler Bestandteil der deutschen Altersvorsorge. Und weil diese Unternehmen mit großer Verantwortung diese Altersvorsorge organisieren, ist es politisch opportun dieser Branche diese Privilegien zu gewähren.

Die deutschen Lebensversicherer haben über viele Jahrzehnte diese Privilegien genossen. Und jetzt käme es darauf an, dass diese Unternehmen im Gegenzug selbst Verantwortung übernehmen - besonders für einen Versicherer der in der Nachfolge des "Genossenversicherers" steht. Jetzt käme es auch darauf an, dass die Entscheider aus der Politik, die vormals diese Privilegien gewährten, mit breitem Kreuz diese Verantwortung einfordern.

Was man aber vonseiten dieser Politikerinnen und Politiker hört, ist - Nichts.

Erklärt endlich, warum ihr die Versicherer aus der politischer Verantwortung entlasst!

Lange Zeit haben Verbraucherschutz, Wirtschaftsmedien und Fachleute davor gewarnt, dass es Probleme bei der deutschen Lebensversicherung geben wird. Dennoch hat sich die Politik eher darum gekümmert, wie man den Versicherungsunternehmen immer mehr Verantwortung abspricht und ihnen immer mehr an zusätzlicher Unterstützung und Geschenken zukommen lassen kann.

Da wurden Gesetze und Verordnungen gemacht, um die Versicherer immer weiter aus der Verantwortung zu entlassen: Überschüsse wurden gekürzt oder die Versicherten enteignet, rückwirkend wurden Kalkulationsparameter im Nachhinein zulasten der Kundschaft verschlechtert und immer wieder haben die politisch Verantwortlichen neue Verschiebebahnhöfe für Gelder geschaffen, die eigentlich den Versicherten gehören.

Genutzt hat auch all diese Unterstützung anscheinend nichts. Jetzt ist eben sogar der "Genossenversicherer" soweit, die Altersvorsorge von etwa 4 Millionen Bürgerinnen und Bürgern einem gesichtslosen Unternehmen zu überantworten. Einem Unternehmen, das als Zielsetzung hat, aus den Verbraucherverträgen möglichst viel Geld für fremde Aktionäre herauszupressen. Das hat nichts mehr mit der ursprünglichen Idee einer kollektiven gemeinschaftlichen Altersvorsorge zu tun. Die ursprüngliche Idee und Philosophie der deutschen Lebensversicherung ist verraten. Jetzt wäre es an der Zeit, die betroffenen Versicherungsunternehmen zur Verantwortung zu rufen.

Was man aber vonseiten dieser Politikerinnen und Politiker dazu hört, ist - Nichts.

Diese Sprachlosigkeit der politisch Verantwortlichen ist erschreckend. Dass sich die Versicherer selbst angesichts der eigenen Unzulänglichkeiten wegducken wollen ist nachvollziehbar. Dass aber diejenigen, die die politische Verantwortung dafür tragen so tun, als ginge es sie nichts an, das ist unverzeihlich.


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Es geht um deutlich mehr Bürgerinnen und Bürger, die alleine vom Run-Off der Generali betroffen sind als der kleinste Koalitionspartner der Regierung bei der letzten Bundestagswahl Stimmen hatte.

Es wäre schön, wenn die Interessen der Versicherten ähnlich wertgeschätzt würden wie die Wünsche dieser kleinen Partei, die diese Regierung kurz vor das Zusammenbrechen geführt hat. Menschen, die mit einer Lebensversicherung Altersvorsorge betreiben, haben das Recht, zumindest wahrgenommen zu werden.

Es ist dringend an der Zeit, dass die Sprachlosigkeit der Politik endet. Erklärt endlich, warum ihr die Versicherungsunternehmen aus deren politischer Verantwortung entlasst! Und fordert endlich ein, dass sich auch Versicherungsunternehmen ihrer Verantwortung stellen!

Axel Kleinlein ist Chef des Bundes der Versicherten (BdV), Deutschlands größter Verbraucherschutzorganisation für Versicherte, und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.