Montag, 22. Juli 2019

Streik der Lokführer Claus Weselsky - Thatchers bester Mann

Eiserne Lady Margaret Thatcher, eiserner GDL-Chef Claus Weselsky: Unbelehrbar, weltfremd, egoman
DPA, REUTERS
Eiserne Lady Margaret Thatcher, eiserner GDL-Chef Claus Weselsky: Unbelehrbar, weltfremd, egoman

Claus Weselsky kann in kurzer Zeit schaffen, wozu Margaret Thatcher Jahre brauchte: Die Macht der Gewerkschaften zu brechen. Der GDL-Chef sorgt dafür, dass streikende Beschäftigte keinen Rückhalt mehr bei den Menschen haben. Für deutsche Gewerkschaften und die Tarifpartnerschaft ist das fatal.

Englands ehemalige Premierministerin Margaret Thatcher bleibt den Deutschen mit drei Eigenschaften in Erinnerung. Sie bekämpfte die Gewerkschaften, entfesselte die Finanzmärkte und verachtete Kompromisse. An den Folgen ihrer elfjährigen Regierungszeit leidet Großbritannien bis heute: Das Land ist sozial tief gespalten, das Misstrauen zwischen Beschäftigten und Besitzenden bleibt groß.

Der Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky, hat weder das Format noch die Macht der 2013 verstorbenen Margaret Thatcher. Doch in seinem politischen Stil kann Weselsky als Musterschüler der "eisernen Lady" gelten: Auch er verabscheut Kompromisse, mit denen beide Seiten leben könnten. Auch er kennt nur Sieg oder Niederlage. Auch er ist "eisern" im Sinne von: Unbelehrbar, weltfremd, egoman.

Thatcher ließ streikende Bergbauarbeiter vor 30 Jahren von berittenen Polizeistaffeln niederknüppeln. Weselskys Vorgehen ist weniger blutig, aber noch verheerender für deutsche Gewerkschaften: Er bricht ihnen das Kreuz, weil er dafür sorgt, dass streikende Beschäftigte das Verständnis und den Rückhalt bei der arbeitenden Bevölkerung verlieren.

Jeder Betriebsrat in Deutschland weiß, dass man einen Arbeitskampf ohne Rückhalt der Menschen auf der Straße nicht gewinnen kann. Dass ein Streik, den niemand versteht, die Solidarität der Beschäftigten und den Einfluss der Arbeitnehmervertreter langfristig schwächt. Dem machtberauschten Weselsky ist dies offenbar entgangen: Er führt einen einsamen Machtkampf gegen die größere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), deren Mitglieder er ohne Mandat mit vertreten will.

Die Irrfahrt von Weselsky ist eine Tragödie - für die Gewerkschaften

Um die legitime Kernforderung der Lokführer - mehr Geld und kürzere Arbeitszeiten - ist es in diesem Konflikt zwischen Bahn, EVG und dem "eisernen Claus" noch gar nicht gegangen. Und dennoch will Weselsky mal eben vier Tage lang die Republik lahmlegen - und hinterlässt tausende Reisende mit der Faust in der Tasche. Selbst sein Vorgänger bei der GDL, der für einen Kuschelkurs mit Arbeitgebern vollkommen unverdächtige Manfred Schell, schimpft über Weselskys Unverhältnismäßigkeit und Egoismus.

Für die deutschen Gewerkschaften ist die Irrfahrt von Deutschlands oberstem Lokführer eine Tragödie. Dass Deutschland seit dem Jahr 2000 seine Wettbewerbsfähigkeit enorm verbessert hat, ist vor allem ein Verdienst der Tarifpartner, die mit maßvollen Abschlüssen das Land nach vorne gebracht haben. Sie haben dafür gesorgt, dass "Tarifpartnerschaft" zu einem deutschen Erfolgsmodell wurde. In der Metall-, Chemie- und Autoindustrie zum Beispiel verhandeln Arbeitgeber und Beschäftigte hart, aber fair miteinander und kommen meist gemeinsam zu einem guten Ergebnis.

Solche Ergebnisse - im politischen Prozess sind es immer Kompromisse - interessieren Weselsky nicht. Er setzt auf maximalen Schaden - der zuerst die Reisenden, Pendler und Geschäftsleute trifft und in einem zweiten Schritt zwangsläufig die GDL selbst treffen wird. Der GDL-Boss zerstört Vertrauen, das über Jahre in Deutschland aufgebaut wurde, und vergiftet die Tarifpartnerschaft.

Tarifeinheitsgesetz wird kommen - als Anti-Weselsky-Gesetz

Arbeitgeber und Bundesregierung nutzen die Gunst der Stunde, um den Einfluss von Gewerkschaften mit Hilfe eines neuen "Tarifeinheitsgesetzes" zu beschneiden. Sie können sich der Zustimmung einer Mehrheit der Bevölkerung sicher sein - mit seinem Starrsinn erweist Weselsky denjenigen vorzügliche Dienste, die den Einfluss von Arbeitnehmervertretern eindämmen wollen.

Wer stoppt Weselsky? Vielleicht das Frankfurter Arbeitsgericht, das heute über die Verhältnismäßigkeit des Lokführerstreiks entscheidet. Langfristig aus der Bahn nehmen können Weselsky jedoch nur die eigenen Gewerkschaftsmitglieder - indem sie ihren Boss, der ungebremst ins Nirgendwo fährt, aufs Abstellgleis befördern.

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