Trotz Ukraine-Krise Warum ist Gas so billig wie seit Jahren nicht mehr?

Energiewelt paradox: Politiker warnen angesichts der Ukraine-Krise vor Gasengpässen, doch der Rohstoff ist an den europäischen Handelsplätzen so günstig wie lange nicht. Industrie und Haushalte können auch in Deutschland mit Preissenkungen rechnen.
Gasverdichterstation in Sachsen: Rohstoff im Überfluss vorhanden

Gasverdichterstation in Sachsen: Rohstoff im Überfluss vorhanden

Foto: MATTHIAS RIETSCHEL/ AP

Hamburg - Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine versetzt Europa in Aufruhr: Sollte Putin Kiew den Gashahn abdrehen, könnte auch weiter westlich weniger von dem Brennstoff ankommen. Dann drohen schmerzhafte Engpässe, fürchten Energiepolitiker.

Noch schlimmer könne es werden, wenn Russland sich auch mit der EU so sehr überwirft, dass es weitere Pipelines dichtmacht. Verzweifelt suchen Brüssel und die Mitgliedsstaaten daher nach alternativen Gaslieferanten.

Am Markt spielen all diese Ängste allerdings kaum eine Rolle. Das zeigt sich besonders daran, dass der Gaspreis sich seit Monaten nur noch in eine Richtung bewegt: nach unten. Lag er an den europäischen Handelsplätzen zum Jahreswechsel noch bei fast 30 Euro pro Megawattstunde, ist er seither um mehr als 30 Prozent auf unter 20 Euro gefallen (siehe Grafik in der linken Spalte). Zuletzt war dies 2010 der Fall.

Die Ursachen für die paradoxe Entwicklung sind vielfältig:

• Die meisten Gashändler erwarten nicht, dass Russland wirklich die Lieferungen stoppt - das Land sei auf die Einnahmen aus dem Export dringend angewiesen. Marktteilnehmer gehen laut dem Branchendienst "Energie und Management" zudem davon aus, dass Putin sich bald mit Kiew einigt

• Der Winter und der Frühling waren extrem mild in Mitteleuropa. Deshalb haben die Haushalte weniger geheizt als erwartet

• Gaskraftwerke in Europa sind schlecht ausgelastet, weil sie von wachsenden Ökostrom-Mengen aus dem Markt gedrängt werden. Zudem liegt die Stromnachfrage aufgrund von schwachem Wirtschaftswachstum und Effizienzmaßnahmen deutlich unter den Erwartungen.

In der Folge strömt ein immenses Überangebot von Gas auf den europäischen Markt. "Viele Importeure bekommen derzeit Lieferungen, die sie gar nicht benötigen und zu ungünstigen Bedingungen weiterverkaufen", sagt Rohstoffexperte Steffen Bukold vom Hamburger Informationsdienst Energycomment.

Preissenkungen für Verbraucher von bis zu 15 Prozent möglich

Tatsächlich schicken beispielsweise spanische Versorger aus Norwegen importiertes Gas gleich weiter auf den Weg nach Südamerika . Dort ist Strom aus Gaskraftwerken gefragt, weil eine Dürre die Produktion der Wasserkraftwerke reduziert. In Spanien dagegen drängen Wind-, Solar- und Wasserkraft die Gaskraftwerke fast völlig aus dem Markt.

Ähnliches ist in Deutschland zu beobachten, wo das Erneuerbare-Energien-Gesetz den Strommarkt durcheinandergebracht hat. Großbritannien wiederum erweitert beständig seine Kapazitäten für den Import von Flüssiggas. So hat Eon am Mittwoch neue Lieferungen aus Katar bekannt gegeben.

Industrie und Privathaushalte können nun mit Entlastung rechnen. "Bleibt das Preisniveau stabil, könnte Gas für Verbraucher um bis zu einem Cent pro Kilowattstunde billiger werden", sagt Bukold. Bei einem derzeitigen Endverbraucherpreis von 6,5 Cent pro Kilowattstunde entspricht das immerhin einer Preissenkung von etwa 15 Prozent.

Der Markt wird zunehmend liquide

Allerdings dürfte nicht jeder Versorger in der Lage sein, die Preise tatsächlich zu senken. Viele haben sich zumindest teilweise verpflichtet, Gas langfristig zum vereinbarten Preis abzunehmen - vor allem aus Russland. Diese Importpreise sind in der Regel noch an den Ölpreis gekoppelt, und der steigt derzeit leicht.

Dennoch profitieren Gaskunden in Europa zunehmend vom immer liquideren Welt-Gasmarkt. Etwa 40 Prozent des auf dem Kontinent gehandelten Rohstoffes sind bereits nicht mehr an den Ölpreis gekoppelt, heißt es in Branchenkreisen.

In den kommenden Jahren werden zudem große Verladeterminals in Australien fertiggestellt, was den Preis dämpfen dürfte. Auch die USA, die dank der umstrittenen Fördermethode Fracking ihre Produktion deutlich gesteigert haben, erwägen den Export von wachsenden Mengen Gas.

Nachfrage in Asien schwächt sich ab

Gleichzeitig schwächt sich die Nachfrage in Asien offenbar ab, weshalb Importeure dort weniger für Gas zahlen. Zuletzt hatte China einen 400-Milliarden-Dollar-Einfuhrdeal mit Russland geschlossen. Dieser verringert die potenzielle Nachfrage nach Gas vom Weltmarkt.

Angesichts dieser Entwicklung könnte Europa laut Experten sogar einen kompletten Lieferstopp verkraften. Allerdings wären damit Preissteigerungen für Gas von etwa 20 Prozent verbunden, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung errechnet hat .

Solange dieser extreme Ernstfall nicht eintritt, könnte sich auch der Nachteil des Industriestandortes Europa gegenüber den weiter verringernUSA. War Gas in Europa vor zwei Jahren noch etwa 300 Prozent teurer als in den Staaten, sind es derzeit "nur" noch 70 Prozent.

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