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Game Changer 2015: Sieger in der Kategorie Challenger: EOS

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Sieger in der Kategorie Challenger: EOS Nur noch kurz die Welt drucken

Seit 25 Jahren entwickelt Hans Langer 3-D-Drucker. Heute schreibt seine Firma Eos die Gesetze von Produktion und Logistik um.

Vor einigen Jahren, im ICE nach Dortmund, saß Hans Langer (63) neben einem älteren Herrn. Der Mann, weißes Haar, skeptischer Blick, kam Langer vage bekannt vor, aber erst kurz vor Köln fiel ihm sein Name ein: Nicolaas Bloembergen, 1981 mit dem Physik- Nobelpreis für seine Beiträge in der Laserspektroskopie geehrt. Viele Jahre zuvor hatte Langer, der promovierte Physiker, mit dem Gedanken gespielt, bei ihm als Post-Doc zu arbeiten; nun sprach er ihn an.

"Was machen Sie jetzt so?", fragte Bloembergen.

"Additive Fertigung."

"Langweilig."

"Ich glaube, Sie täuschen sich", entgegnete Langer. "Wir arbeiten mit Lasern an Phasenübergängen in mikroskopischen Strukturen." Bloembergens Gesicht hellte sich auf: "Das klingt spannend."

Sieger in der Kategorie "Challenger": Eos-Chef Hans Langer

Sieger in der Kategorie "Challenger": Eos-Chef Hans Langer

Foto: www.grossaufnahmen.de

An hochgezogene Augenbrauen, wenn er von seiner Firma erzählte, war Langer gewöhnt. "Aber ich wusste schon bei der Gründung 1989, dass das Ganze eines Tages richtig groß werden könnte." Heute ist Langers Unternehmen Eos Weltmarktführer mit Maschinen für industriellen 3-D-Druck. Konzerne wie General Electric, Siemens oder BMW zahlen bereitwillig hohe sechsstellige Summen - für eine davon. Fast alle Dax-Konzerne sind Kunden. Seit 2009 ist Eos im Schnitt mit 23 Prozent im Jahr gewachsen, 2014 waren es 36 Prozent. Zuletzt erwirtschafteten 740 Mitarbeiter weltweit rund 260 Millionen Euro.

Schön. Langer aber, jetzt kommt's, rechnet mit einer Verzehnfachung in den nächsten zehn Jahren. Denn das Potenzial ist gigantisch - auf 100 Milliarden Dollar könnte der Markt für industriellen 3-D-Druck in den kommenden Jahren wachsen.

"Eos als First Mover hat die richtigen Patente, die Technologieführerschaft und einen Marktanteil von rund 50 Prozent", sagt Klaus Neuhaus, Partner bei Bain & Company. Die Beratung hat Eos zusammen mit manager magazin zum Game Changer in der Kategorie Challenger gekürt.

"Das Disruptionspotenzial mit starken Wirkungen auf die gesamte Volkswirtschaft ist bei Eos enorm", sagt SAP-Mitgründer und Jurymitglied Henning Kagermann. US-Präsident Barack Obama nannte die Drucktechnik die "nächste industrielle Revolution".

Dabei ist Langer, jetzt wo alles von der magischen Welt des 3-D-Drucks schwärmt, vor allem damit beschäftigt, Missverständnisse auszuräumen. "Wir bauen keine Maschinen, wo man oben einen Datensatz reinwirft, und unten kommt ein Auto oder eine Pizza heraus." Der 3-D-Druck, der die Fantasie der Massen beflügelt, bewegt sich eher im Niedrigkostenbereich für Endkonsumenten; zuletzt erhielten die hochfliegenden Erwartungen hier einen deutlichen Dämpfer, die Aktienkurse von Anbietern wie Stratasys oder 3D Systems fielen.

Neue Helden gesucht: Idee und Methode des "Game Changer Award"

Eos-Produkte dagegen sind auf den ersten Blick unauffällig wie die Unternehmenszentrale in Krailling bei München. Ehemaliges Militärübungsgelände, heute Teil der "Kraillinger Innovations Meile" (KIM), direkt am Landschaftsschutzgebiet und nur wenige Kilometer von Langers Wohnhaus. Ein silbern schimmernder Flachbau mit optischem 3-D-Effekt, nachhaltige Materialien; gegenüber wird mal wieder gebaut, weil die Firma in den vergangenen Jahren regelmäßig aus den Nähten platzt. In den Fluren Kaffee umsonst, die Kantinenspeisekarte auf Englisch und hinter der Glasfront im Erdgeschoss das Herzstück: Forschung und Entwicklung. Maschinen, die wie deutlich überdimensionierte Kühlschränke wirken, surren und brummen. Hinter dem Sichtfenster eine Arbeitsplatte. Darauf wird in dünnen Schichten von 20 bis 150 Mikrometern Pulver aus Metall oder Kunststoff aufgetragen - ein menschliches Haar hat einen Durchmesser von rund 100 Mikrometern.

Immer wenn eine Schicht fertig ist, wird sie mit der vorhergehenden per Laser verschmolzen - gesteuert von einer Software, die dem Lichtblitz sagt, welche Form am Ende gewünscht ist. "Im Grunde ist dieses Laser-Sintern dreidimensionales Schweißen, mit Tausenden aufeinanderfolgenden Schweißnähten", sagt Langer. Sieht, vom zuckenden Laserstrahl abgesehen, etwas unspektakulär aus - doch wenn das Werkstück nach einigen Stunden oder Tagen aus dem überschüssigen Pulver geschält wird, sind die Möglichkeiten offensichtlich: Hohlräume, bionische Bauteile, Turbinenelemente aus einem Stück - wo einst für Fertigungsingenieure die Welt des Machbaren endete, da fangen Laser und Pulver erst an.

Eine Blutzentrifuge lässt sich plötzlich aus 3 statt 32 Teilen zusammensetzen; Scharniere, die früher mühsam zusammengefrickelt werden mussten, kommen in einem Guss heraus. Das Ziel: schneller, leichter, günstiger.

Spannend ist das weniger für Endverbraucher, die im Wohnzimmer ein lebensechtes Modell der Liebsten ausdrucken wollen. Sondern für Konzerne, die heute viele Millionen in die Entwicklung von Hightech-Teilen stecken - und mittels additiver Fertigung morgen gern einige Hundert davon einsparen würden. "Die Reduzierung von Gewicht oder Fertigungskomplexität birgt nicht nur großes Sparpotenzial, sondern ebnet den Weg für ganz neue Teile und Produkte", sagt Bain-Industrieexperte Neuhaus.

In einer Vitrine im ersten Stock der Firmenzentrale liegen beigefarbene Kunststoffteile und dunkel glänzende Metall stücke - eine dreidimensionale Show bisheriger Firmenerfolge. Eos baut 3-D-Drucker, die Drohnen in einem Stück herstellen oder Maschinen, mit denen Tempo und Präzision in der Zahnprothesenfertigung potenziert werden. Nebenbei wirft die Firma das ein oder andere "Geht nicht" der Goldschmiede über Bord oder entwickelte für Siemens eine Lösung, um Gasturbinen schneller und günstiger zu warten.

Der Wahnsinn hat Methode

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Game Changer 2015: Sieger in der Kategorie Challenger: EOS

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Eos' spektakulärstes Werkstück aber ist eine unscheinbare Einspritzdüse, die General Electric (GE) zusammen mit Langers Leuten entwickelte. Fünf Jahre hatte der Konzern nach der richtigen Anwendung für 3-D-Druck gesucht - und investierte dann in die Entwicklung dieses Teils einen dreistelligen Millionenbetrag. Bis 2020 will GE die additive Fertigung mit 3,5 Milliarden Dollar weiterentwickeln - unter anderem um die Einspritzdüse in Serie zu produzieren, mit 3-D-Druckern von Eos natürlich.

Klingt wahnsinnig, hat aber Methode: Mit der neuen Düse kommen die Triebwerke von GE Aviation mit weniger Sprit aus - ein starker Wettbewerbsvorteil.

Auch der Aufstieg von Eos selbst war geprägt von kleinen Details mit großer Wirkung - und oft genug gefährdet. Eigentlich wollte Langer nach seinem Doktor am Max-Planck-Institut Professor werden. Doch die Aussichten waren mau, sein Doktorvater riet ihm zum Wechsel in die Wirtschaft, wo der Schnelldenker und -redner 1981 im Vertrieb eines Lasertechnikherstellers landete. Und reüssierte. "Technischer Vertrieb ist der Physik nicht unähnlich: Beide suchen nach Lösungen", sagt er heute.

Später baute der gelernte Laserphysiker das Europa-Geschäft für die US-Firma General Scanning auf, die Laser-Positionier- Einheiten produzierte. Langer, der heute neben Eos noch die Mehrheit an der ähnlich erfolgreichen Lasertechnikfirma Scanlab hält, sah die Möglichkeiten für den Prototypenbau und schlug vor, ein Unternehmen für 3-D-Druck zu gründen.

Doch General Scanning scheute das Risiko, und Langer, der schlau ist und das nicht ungern zeigt, machte es selbst: "Wir haben das Potenzial der Laser-Sinter- Technologie mit als Erste erkannt." Bis zum großen Erfolg vergingen Jahre voller Patentstreitigkeiten mit Konkurrenten wie 3D Systems und endlosen Tüfteleien an Software, Lasereinstellungen und Material. Fast 20 Jahre dauerte es, "die ganzen Werkstoffthemen ab - zuarbeiten" und sich für Pulver zu entscheiden.

Im Prinzip lässt sich jedes schmelzbare Material als Pulver in die Riesendrucker geben, doch der Durchbruch kam mit den Metallpülverchen. Titan, Aluminium, Nickel - beinahe alles kann jetzt per Präzisionslaser zu Werkstücken verbacken werden. 2004 war der letzte Patentstreit beigelegt, die Firma global positioniert, und Langer hatte alle Anteile, die er Business Angels wie Falk Strascheg oder zwischenzeitlichen Rettern wie Carl Zeiss überlassen hatte, zurückgekauft. Es konnte weitergehen.

Goldenes Zeitalter der Gestaltung

Fast 2000 Anlagen wie etwa die Formiga P 110 oder die Eos M 290 hat Eos bislang weltweit verkauft, mindestens 500 sollen es im laufenden Geschäftsjahr werden. Jetzt muss das Unternehmen zusehen, dass die Firmenstruktur mit dem raschen Wachstum Schritt hält - und den Markt entwickeln. "Das Geschäft hebt gerade ab", sagt Langer. Aber auch im Höhenflug muss gesteuert werden, sonst ist der Absturz umso härter. Um die Marktführerschaft zu verteidigen, muss Eos die Zuverlässigkeit seiner Systeme weiter optimieren und die Stückkosten senken. Ziel: Stärker in die Serienfertigung einzusteigen, wie das mit GE gerade gelungen ist.

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Game Changer 2015: Die Jury des Wettbewerbs

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Dafür fahndet Eos nach der lohnendsten Anwendung seiner Drucker beim Kunden. "Das ist mit unsere größte Herausforderung", sagt Entwicklungsvorstand Tobias Abeln. Auf Knopfdruck geht da gar nichts. Eos hat eine eigene Beratergruppe für das "Additive Manufacturing Consulting" hingestellt; zusammen mit den Kunden muss mit Werkstoffen, Design und Anwendungen experimentiert werden, bis alles passt.

Trotz Aussicht auf Big-Player-Status will Eos seine "Start-up-Kultur behalten und durch definierte Abläufe ergänzen", wie Abeln sagt. Nicht aus Freude an Turnschuhen und auffälligen T-Shirts, sondern weil Konzernstrukturen nicht gut geeignet sind, mit der dahingaloppierenden technologischen Entwicklung Schritt zu halten: Mehrere Materialien gleichzeitig, neue Werkstoffe wie weiche Kunststoffe oder hochschmelzende Metalle verarbeiten - das werden die nächsten Entwicklungssprünge sein.

Langer wäre nicht Langer, wenn er nicht schon über den nächsten Technikschritt hinausdenken würde. "Der 3-D-Druck hat das Potenzial, ganze Gesellschaften zu verändern", sagt der Gründer selbstbewusst. Zuerst die Fertigung selbst: Neue Designs und bislang unvorstellbare Anwendungen bescheren den Entwicklungsingenieuren ein goldenes Zeitalter der Gestaltungsfreiheit. In der Folge werden sich Logistikkonzepte verändern - was heute noch tagelang über die Ozeane geschippert werden muss, kommt künftig aus der Fabrik um die Ecke.

Neue Geschäftsmodelle entstehen, wenn etwa Schmuckdesigner ihre Entwürfe ins Netz stellen und bei Interesse einfach ausdrucken lassen. Fertigung wird dezentral, Daten werden irgendwo ins Netz gespeist und vor Ort ausgedruckt. "Wir werden große Teile der Produktion aus Niedrig- in Hochlohnländer zurückholen", prophezeit Langer.

Diesmal ist er nicht allein. Obama hat die Förderung von 3-D-Druck als nationale Aufgabe benannt. Die Berater von Bain sagen der additiven Fertigung ein Marktvolumen von gut zwölf Milliarden Dollar im Jahr 2018 voraus. Andere Prognosen sehen für 2025 "ausgedruckte" Waren im Wert von 550 Milliarden Dollar. Niemand weiß genau, wie groß industrieller 3-D-Druck wird. Aber alle sind sicher, dass er groß wird. Hans Langer hat das immer schon gewusst.

Editorial: Spielmacher gesucht
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