Henning Zülch

Rechnen sich die Millionen für Mats Hummels und Co.? Der Transferwahnsinn erreicht die Bundesliga

Henning Zülch
Von Henning Zülch
Foto: Kai Pfaffenbach /REUTERS

Wer sich die Entwicklung der Transfersummen im Fußball anschaut, zweifelt leicht an der Funktionsfähigkeit dieses seltsamen Marktes. Vor zehn Jahren gaben alle Klubs der englischen Premier League zusammen 549 Millionen Euro für Spielertransfers aus, in der Saison 2017/18 stieg die Summe auf 2,17 Milliarden Euro, begünstigt durch die lukrativen Fernsehgelder auf der Insel. In der abgelaufenen Saison 2018/19 waren es "nur noch" 1,66 Milliarden Euro - immer noch ein Wert, der noch vor fünf Jahren niemand für möglich gehalten hätte.

Henning Zülch
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Michael Bader

Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Er ist Verfasser von zahlreichen Beiträgen zu Themen der Internationalen Rechnungslegung und Finanzkommunikation. Zudem ist er wissenschaftlicher Direktor des jährlich vom manager magazin ausgerichteten Wettbewerbs Investors' Darling. Überdies beschäftigt er sich mit der Übertragbarkeit betriebswirtschaftlicher Grundprinzipien auf die erfolgreiche Führung von Sportvereinen.

Die Bundesliga hat sich diesem Wahnsinn bislang entzogen: Vor zehn Jahren gaben die Vereine 246 Millionen Euro für neue Spieler aus, in der abgelaufenen Saison knapp 559 Millionen - lächerlich im Vergleich zur englischen Liga. Seit Jahren heißt es, die Entwicklung in Richtung Fabelpreise werde vor der Bundesliga nicht Halt machen, wenn sie weiterhin zu den vier Topligen Europas gehören wolle. In diesem Jahr, das lassen die aktuellen Sommertransfers vermuten, ist es soweit.

Die teuersten Transfers der neuen Bundesligasaison

Der FC Bayern hat seine Einkaufstour bereits früh gestartet und sich Spieler wie Benjamin Pavard (35 Millionen Euro), Lucas Hernandez (80 Millionen) und Jan-Fiete Arp (3 Millionen) gesichert. Diese (derzeit) 118 Millionen Euro Transferausgaben werden sogar noch übertroffen von Vizemeister Borussia Dortmund , der nach derzeitigem Stand bereits 127,5 Millionen für insgesamt fünf Neuzugänge ausgegeben hat: Mats Hummels (30,5 Millionen), Thorgan Hazard (25,5), Nico Schulz (25,5), Julian Brandt (25,5) und Paco Alcacer (21). Beachtlich sind auch die Ausgaben von Bayer Leverkusen: Für Kerem Demirbay legt der Werksklub die Summe von 35 Millionen Euro auf den Tisch. Die Bundesliga nimmt im Transferrennen Fahrt auf. Und das Transferfenster ist noch lange nicht geschlossen.

Die Folgen für die deutschen Klubs

Gegenwärtig existiert offenbar kein Korrektiv, das die rasante Entwicklung der Transfersummen auf dem Weltmarkt begrenzen könnte. Also müssen auch die deutschen Klubs sie akzeptieren und entsprechend agieren. Konkret heißt das: Sie müssen in ihrer Transferpolitik ein Szenariomanagement betreiben, sich also auf unterschiedliche Umfeldbedingungen und Entwicklungsrisiken einstellen. Die Jugendarbeit - und damit die Stärkung der eigenen Exzellenz - muss weiter forciert und optimiert werden. Zudem ist zu prüfen, ob die Durchlässigkeit von der erfolgreichen Jugend- zur Profimannschaft wirklich gegeben ist. Das Scouting muss an den gestiegenen Wettbewerbsdruck angepasst werden, etwa durch den Einsatz moderner Methoden der Datenanalyse.

Das Umdenken in den Vereinen hat bereits begonnen, einige der Optimierungsschritte sind zum Teil bereits erfolgt. Doch die meisten Klubs stehen erst am Anfang. Sie müssen sich schnell an die neue Zeit anpassen, wollen sie nicht abgehängt werden. Für 100 Millionen Euro konnten vor wenigen Jahren zahlreiche Topspieler verpflichtet werden, heute vielleicht nur noch einer. Und wenn man nur einen Schuss hat, dann muss dieser Schuss sitzen. Eine nicht zu unterschätzende Herausforderung auch oder gerade für gut aufgestellte Akteure wie Bayern und Dortmund.

Der Fall Mats Hummels

Aber wie lässt sich feststellen, ob sich ein Millionentransfer auch wirklich rechnet? In der aktuellen Diskussion wird beispielsweise die Rückkehr von Mats Hummels zum BVB durchaus kritisch hinterfragt. Viele Stars, die die Dortmunder zuletzt aus dem Exil zurück geholt hatten, wie Nuri Sahin, Shinji Kagawa oder Mario Götze, taten sich schwer, an ihre alte Leistungsstärke anzuknüpfen. Nun also Hummels. Mit 30 Jahren hat er seinen Leistungszenit vermeintlich überschritten, vielen Fans ist zudem noch seine recht schwache letzte Dortmunder Saison in unguter Erinnerung, verglichen mit den drei Neuverpflichtungen Brandt, Hazard und Schulz ist man geneigt, den Verantwortlichen von Borussia Dortmund karitative Gründe für die Entscheidung zu unterstellen. Zu Recht?

Grundsätzlich nein. Denn der Blick auf die Fakten (nachzulesen im "Kicker" vom 24. Juni 2019) belegt eindeutig die spielerischen Qualitäten des Neuzugangs: Hummels erreichte in der abgelaufenen Saison von allen Bayern-Verteidigern die beste Durchschnittsbewertung, Zweikampfquote und Passgenauigkeit sprechen für ihn. Auch die Transferbilanz ist laut transfermarkt.de positiv: 4,2 Millionen Euro Ablöse zahlte der BVB 2009 für Hummels an den FC Bayern, 35 Millionen flossen 2016 zurück. Nach der aktuellen Zahlung von 30,5 Millionen Euro an den FC Bayern ergibt sich (ohne weitere erfolgsabhängige Zahlungen) ein Transferüberschuss von 300.000 Euro. Da gibt es schlechtere Geschäfte.

Hinzu kommt: Hummels ist ein erfahrener Spieler; er ist in der Lage zusammen mit Marco Reus und Axel Witsel, der übrigens nicht wesentlich jünger ist als Hummels und im vergangenen Jahr unter großer Zustimmung verpflichtet wurde, die junge Mannschaft zu führen und ihr Stabilität zu geben. Überdies kann Hummels eine taktische Option durch seine öffnenden Pässe in die Spitze sein, wenn es im Mittelfeld mal wieder stocken sollte.

All das führt dazu, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit des Klubs steigt - und damit die Umsatzströme aus Liga, Pokal und internationalen Wettbewerben stabilisiert werden. Dies ist sehr wichtig für die langfristige Planungssicherheit des Unternehmens Borussia Dortmund, insbesondere mit Blick auf die anstehende Reform der Champions-League ab 2024, nach der der sogenannte Klubkoeffizient ein wesentlicher Qualifikationsparameter sein wird.

Und noch ein Aspekt ist nicht zu unterschätzen: Der direkte Konkurrent FC Bayern verliert durch den Transfer eine tragende Säule seiner Abwehr. Die Bayern sind nun gezwungen, kurzfristig auf dem Markt aktiv zu werden, was die Verhandlungsposition im Kampf um günstige Transfersummen für sie nicht unbedingt verbessert. Ein geschickter Schachzug der Verantwortlichen des BVB. Aber natürlich gibt es auch Risiken: Sollte Hummels leistungsmäßig nicht an seine letzte Saison bei den Bayern anknüpfen können, würden die Kritiker Recht behalten.

Die Strategie entscheidet

Der Transferwahnsinn ist ein wirtschaftlicher Fakt. Der Markt entwickelt sich in Richtung immer höherer Ablösesummen und die Bundesliga muss Schritt halten. In ihren Investitionsentscheidungen sind die Klubs gefordert, eine langfristige und damit strategische Betrachtung vorzunehmen unter Abwägung aller Chancen und Risiken. Die Meinung der Fans, des Umfeldes und der Kommentatoren in Sachen Transferausgaben ist sicherlich wichtig. Doch der Entscheidungsprozess sollte auf überzeugenden strategischen Erwägungen beruhen, weniger auf kurzfristigen Stimmungen.

Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der renommierten HHL Leipzig Graduate School of Management und ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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