Digitalisierung bremst Fusionen und Übernahmen Das klassische M&A-Geschäft ist tot

Von Kai Lucks
Die Digitalisierung bedeutet das Ende für klassische Fusionen und Übernahmen. Dafür gewinnen andere Instrumente an Bedeutung. Die Entwicklung digitaler Werkzeuge ist in vollem Gange: Unternehmen und Berater sollten sich dringend darauf einstellen.
Digitalisierung: Sie ändert nicht nur die Art und Weise, auf die M&A-Prozesse umgesetzt werden, sondern auch die Landschaft, in der sie stattfinden

Digitalisierung: Sie ändert nicht nur die Art und Weise, auf die M&A-Prozesse umgesetzt werden, sondern auch die Landschaft, in der sie stattfinden

Foto: imago images/Westend61

Dass die digitale Transformation all unsere Lebensbereiche erfasst, ist inzwischen Allgemeingut. Dass sie auch das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (Mergers & Acquisitions, M&A) gravierend verändert, ist dagegen bisher noch weitgehend unbemerkt geblieben. Dabei ist die Transformation bereits in vollem Gange. Sie vollzieht sich eher schleichend, doch am Ende könnte daraus der größte Wandel entstehen, den es auf dem Gebiet der Unternehmenszusammenschlüsse je gegeben hat.

Aus Big Data wird Smart Data

Virtuelle Datenräume für Due Diligences sind inzwischen Stand der Technik, auch wenn bislang noch die dokumentengebundene Datenspeicherung dominiert. Doch zunehmend lösen sich die Daten von den Dokumenten, werden frei gespeichert und sind während des gesamten M&A-Prozess "end-to-end" für alle Beteiligten auf der Basis von Zugriffsrechten verfügbar.

Damit entstehen völlig neue Analysemöglichkeiten: Daten aus der Finanzwelt können mit Markt- und Technikinformationen in Beziehung gesetzt und Zusammenhänge sichtbar gemacht werden, die in dieser Vielfalt bisher nicht verfügbar waren. "Big Data" wandelt sich zu "Smart Data". Und das verspricht völlig neue, tiefgreifende Aussagen über mögliche Entwicklungspfade und die Bewertung von Handlungsoptionen.

Kai Lucks
Foto: Kai Lucks

Kai Lucks ist geschäftsführender Gesellschafter des MMI Merger Management Instituts sowie Gründer und Vorsitzender des Bundesverbandes Mergers & Acquisitions e.V. Er hat 35 Jahre bei Siemens im Medizin- und Energieerzeugungsbereich gearbeitet, zuletzt als Verantwortlicher für alle Strategieprojekte des Konzerns und seiner Geschäftsbereiche.

Künstliche Intelligenz ermöglicht heute schon die automatisierte Querauswertung großer Vertrags- und Datenmengen, was zu einer erheblichen Zeitersparnis und zusätzlicher Rechtssicherheit in umfangreichen Due-Diligence-Prozessen führt. Große Kanzleien geben hierbei den Ton an. Zurzeit strömt eine Unmenge an digitalen Instrumenten in den M&A-Markt, die zum Teil als Quasi-Standards von externen Dienstleistern angeboten werden.

Große M&A-Beratungshäuser oder Vielkäufer stricken ihre speziellen Tools auch selbst. Da finden sich vielsagende Titel wie "Ecosystem Trend Scouting", "Synergy Libraries", "Real Time Due Diligence" oder "Milestone Tracking Monitors". Aber Achtung: Viele Angebote auf dem freien Markt sind noch nicht ausgereift, zahlreiche Tools, die im Web zu finden sind, reine Versuchsballons.

Warten auf den großen Wurf

Wie auch in anderen Bereichen der Digitalwirtschaft sind leider auch die meisten Instrumente im M&A-Bereich bisher lediglich Insellösungen. Integration und Vernetzung zu übergreifenden Systemen gelingen bislang nur teilweise. Selbst die großen internationalen Kanzleien aus Wirtschaftsprüfung und Rechtsberatung verwenden diverse insular angelegte Instrumente neben- und nacheinander. Als Digitalplattform bei M&A-Prozessen bietet sich vor allem die projektübergreifende Datenspeicherung in fachübergreifend angelegten Datenräumen an, deren zusätzlicher Nutzen in der automatisierten Datensuche und Herstellung inhaltlicher Verbindungen liegt - mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) und in Einzelfällen auch Blockchain-Anwendungen zur durchgängigen Sicherung von Prozess-Schritten.

Allerdings sind viele Kunden gegenüber KI und Blockchain nach wie vor zurückhaltend, vor allem im Mittelstand. Dies ist auch berechtigt, denn der Programmieraufwand ist hoch, die notwendigen Testläufe sind aufwendig. Das Ganze lohnt sich erst bei vielfach wiederholbaren Einsätzen, also nur bei "Vielkäufern" wie Private-Equity-Gesellschaften oder im Segment von höher standardisierbaren M&A-Projektmodulen.

Von der Fusion zur "Coopetition"

Die Digitalisierung ändert nicht nur die Art und Weise, auf die M&A-Prozesse umgesetzt werden, sondern auch die Landschaft, in der sie stattfinden. Unternehmen müssen immer flexibler werden, um in einer schneller getakteten Welt wettbewerbsfähig zu bleiben. Neue Onlinemodelle (B2B und B2C) beziehen sämtliche Wertschöpfungsstufen mit ein und können in Form "digitaler Ökosysteme" in ihre Gesamtlösungen auch den Kunden mit einbinden, etwa als "Flexsumer", der selbst als zusätzliche Lieferquelle bei Engpässen einspringt. Ein Beispiel dafür ist die dezentrale Stromversorgung, bei der der Endkunde sowohl Energieverbraucher als auch -produzent sein kann.

Die dadurch entstehenden komplexen Liefernetzwerke bringen neue Anbieter ins Spiel, von der Beschaffung bis zur Prognose des Endkundenverhaltens. Die Virtualisierung von Produkten und Prozessen durch Software-Abbilder ermöglicht modulare, dezentrale und schnell verlagerungsfähige Produktionsstätten. Alle Parameter werden flexibilisiert: Wertschöpfungsketten, Stückzahlen - beginnend ab der Losgröße eins - und Zeit. Um eine derartige Beweglichkeit zu gewährleisten, müssen Unternehmen sich möglichst viele Optionen offenhalten und können sich nicht mehr langfristig binden.

Ein klassischer Unternehmenskauf dagegen ist stets ein Langfrist-Engagement für den Käufer. Fusionen bauen bestehende Wertschöpfungsketten um und setzen neue Standards über Jahre. Die klassische Übernahme kann damit in Zukunft nicht mehr die alleinige Lösung sein.

Von der Fusion zur Coopetition

Doch für die meisten Unternehmen ist der Schritt vom Produzenten alter Prägung zum digitalen Ökosystembetreiber noch ein gewaltiger Entwicklungssprung - und liegt noch in zu weiter Ferne, als dass er bereits als Lösung für die Gegenwart taugen könnte. Um diese Entwicklungsphase zu überbrücken bietet sich ein alter Bekannter an: das Joint Venture. Solche Gemeinschaftsunternehmen können auf jeder Stufe, mit beliebigem Zeithorizont und frei vereinbarten Exitregeln geschlossen werden. Und genau das ist heute am M&A-Markt zu beobachten: Kooperationen jedweder Art, arbeitsteiliges Arbeiten, Cost Sharing und vieler weiterer Modelle werden erprobt und praktiziert. Vermehrt finden auch Zweckzusammenschlüsse direkter Wettbewerber auf ein- und derselben Wertschöpfungsstufe statt, "Coopetition" genannt.

Vielleicht ist das ein Schlüssel, der gerade den deutschen Unternehmen gegenüber Konkurrenten aus den USA und China, die aktuell die digitale Welt dominieren, zum Erfolg verhelfen kann. Durch flexible Zusammenschlüsse können wir Nachteile ausgleichen und unsere Wettbewerbskraft weiter stärken. Deutschland verfügt immer noch über die weltweit größte Zahl von Unternehmen in der Produktionstechnik, vor allem im B2B-Bereich.

Das traditionelle M&A-Geschäft liegt dagegen momentan am Boden. Der Wert der Übernahmen chinesischer Unternehmen in Europa ist im ersten Halbjahr 2019 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einer Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY zufolge um 84 Prozent auf 2,4 Milliarden US-Dollar gesunken. Noch extremer fällt demnach der Rückgang des Akquisitionsvolumens zwischen den USA und China aus: Nach 55,3 Milliarden US-Dollar 2016 waren es 2018, nur noch 3 Milliarden US-Dollar. Das bedeutet einen Rückgang um 95 Prozent! Die Gründe dafür liegen natürlich vor allem im amerikanisch-chinesischen Handelsstreit, unter dem Deutschland ebenfalls stark zu leiden hat. Schließlich hat US-Präsident Donald Trump neben China ja auch Deutschland im Visier. Und die chinesische Gegenwehr trifft vor allem auch unsere Schlüsselindustrien.

Die Antwort auf diese Art von Herausforderung kann auch in einer neuen Form des "digitalen M&A" liegen. Die Möglichkeiten dazu sind bereits da.

Kai Lucks ist geschäftsführender Gesellschafter des MMI Merger Management Instituts sowie Gründer und Vorsitzender des Bundesverbandes Mergers & Acquisitions e.V. Gastkommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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