Axel Kleinlein

Digitale Lebensversicherung Neue Altersvorsorge der Allianz - die Tücken von "Fourmore"

Axel Kleinlein
Von Axel Kleinlein
Von Axel Kleinlein
Der Versicherer Allianz bietet mit "Fourmore" ein neues digitales Produkt zur Altersvorsorge an. Es soll flexibel, einfach und klar sein. Doch das Produkt hat seine Tücken.
Altersvorsorge für junge hippe Leute: Kostenstruktur von "Fourmore" bleibt unklar

Altersvorsorge für junge hippe Leute: Kostenstruktur von "Fourmore" bleibt unklar

Foto: Getty Images/iStockphoto

"Fourmore" ist die Wortkreation, die sich die Kreativen der Marketingabteilung der Allianz ausgedacht haben. Offensichtlich sollen damit die jungen und hippen Menschen angesprochen werden. Auf der Produktimageseite im Netz wimmelt es dann auch von den bekannten Stereotypen: Der volltätowierte Sportliche, die Surferin mit frischen, blonden Haaren oder der langhaarige Fotograf, der in Berlin seine Fotos schießt. Da sieht man den Berliner Fernsehturm und eben nicht den aus Stuttgart. Der wäre aber eigentlich passender, denn die Allianz Lebensversicherung ist in der Schwabenmetropole ansässig.

Die Internetpräsenz ist auch ansonsten sehr sparsam mit Hinweisen auf die Allianz Lebensversicherung. Das Logo sucht man vergeblich. Anscheinend soll "Fourmore" für sich selbst sprechen. Umgekehrt findet man auch auf der eigentlichen Seite der Allianz erst nach ein paar Klicks einen Hinweis auf das neue Angebot. Offensichtlich soll hier ein Produkt mit möglichst wenig Anknüpfung an die klassische Allianzwelt etabliert werden.

Axel Kleinlein
Foto: imago

Axel Kleinlein ist Versicherungs-Mathematiker und arbeitete in dieser Funktion auch für die Allianz. Seit 2011 (mit kurzer Unterbrechung) führt er als Vorstandsprecher den Bund der Versicherten (BdV) an, die größte deutsche Verbraucherschutzorganisation für Versicherte. Seit April 2019 ist er auch Präsident des europäischen Verbraucherschutzverbands "Better Finance" in Brüssel.

Die Funktionsweise von "Fourmore" ist auch in vielen anderen Punkten ungewohnt. Das Positive vorweg: Die Flexibilität ist bemerkenswert. Es gibt keine Verpflichtungen, sich auf regelmäßige Einzahlungen festzulegen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich das Geld auszahlen zu lassen: als Rente, als Zeitrente, in einem Schlag oder auch zwischendrin. Das ist ungewöhnlich für ein Versicherungsprodukt. Da hat sich die Allianz an dem orientiert, was in den USA bereits als "Universal Life" Produkt anerkannt ist.

Problematisch wird es, wenn man sich das Produkt dann im Detail anschaut. Da liegt mir ein Beispielfall vor, bei dem ein Kunde nur einmalig 2.000 Euro einzahlt und sich diese nach Hochrechnung der Allianz dann auf 8.611,04 Euro bis 2060 verzinsen sollen. Dabei unterstellt der Versicherer einfach mal eine "jährlich gleichbleibende Wertentwicklung der Gesamtanlage von 5,00 %". Fünf Prozent? In welcher Welt lebt denn die Allianz? Anscheinend nicht in der, die man derzeit an den Finanzmärkten beobachten kann. Das irritiert mich schon mal.

Kostenstruktur bleibt unklar

Genau zu diesem Angebot findet sich dann auch der Hinweis, dass die "Effektivkosten" 1,31 Prozent betragen würden. Diese Effektivkosten werden auch erläutert, als der Wert, "um wie viel sich die jährliche Wertentwicklung nach Abzug von Abschluss- und Vertriebskosten sowie sämtlichen Verwaltungskosten vor Rentenbeginn reduziert". Diese vermaledeiten Effektivkosten versteht natürlich kein normaler Kunde. Deswegen habe ich mal ausgerechnet, wie hoch denn die Kosten gemessen am eingezahlten Beitrag sind. Mehr als 40 Prozent! Anders ausgedrückt: Für den Kunden fühlt sich das so an, als würden nur 60 Prozent von dem, was er einzahlt, tatsächlich der vollen Verzinsung unterworfen. Die Kosten sind also sehr, sehr hoch.

Und schaut man sich die Kostenstruktur im Einzelnen an, so stellt man fest, dass es jährlich einen Kostensatz gibt, um den das angesparte Kapital geschmälert wird (nämlich um 0,8 Prozent). Vom Kapital im Sondervermögen zieht die Allianz dann "aktuell" noch 0,18 Prozent ab. Unklar ist, ob dieser Kostensatz zukünftig dann beliebig frei gewählt werden kann. Es wird ja ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es "aktuell" 0,18 Prozent seien. Wie hoch maximal? Dazu gibt es keine Information.

Vertriebskosten - für ein digitales Produkt ohne Vertrieb

Und dann kommen noch Kosten in Höhe von 4 Prozent auf jede Einzahlung hinzu. "Kenn ich doch", sagen jetzt viele Experten. "Das ist doch genau die Höhe, in der üblicherweise die Provision angesetzt wird". Und folgerichtig nennt die Allianz diese Kosten auch "Abschluss- und Vertriebskosten". Lustig nur, dass es sich ja bei "Fourmore" um ein digitales Produkt handeln soll, dass eben ohne Vertrieb und nur über das Internet vermarktet werden soll.


Die Allianz bin ich: Oliver Bäte, alles andere als ein digitaler Erneuerer


Das heißt, die Kundinnen und Kunden sollen Abschluss- und Vertriebskosten in Höhe einer üblichen Provision zahlen ohne im Gegenzug die Vorteile zu bekommen, die sich daraus ergeben, dass da jemand ist, der die Provision kassiert.

Denn eigentlich soll ja die Provision nur fließen, wenn da auch jemand ist, der qualifiziert berät. Das ist bei "Fourmore" aber eben ziemlich eingeschränkt. Der Versuch, über die Hotline zumindest mal Versicherungsbedingungen anfordern zu können, ist kläglich gescheitert. Wie sollen die denn dann beraten können, wenn die noch nicht mal die Bedingungen vorliegen haben?

Wenn es also keine vernünftige Beratung gibt, dann sollten also eigentlich die Abschluss- und Vertriebskosten entsprechend geringer ausfallen. Tun sie aber nicht. Auch hier gilt also: Ziemlich überteuert.

Garantie-Rente - erst mit 130 Jahren ist der Kunde im Plus

Das Problem mit der Überschussbeteiligung

Schon bei den Kosten habe ich also große Probleme gehabt zu verstehen, was sich hier diesem "Fourmore" verbirgt. Richtig intransparent wird es aber, wenn es um die Überschussbeteiligung geht. Denn hier geht die Allianz erstmals ganz neue Wege. Normalerweise werden die Überschüsse ja im Geschäftsbericht oder im Anhang zum Geschäftsbericht veröffentlicht. Nicht aber hier. Denn für "Fourmore" gibt es "eigene Überschussanteilsätze". Für jede (!) Einzahlung werden "für einen bestimmten Zeitraum jeweils eigene Überschussanteilsätze festgelegt". Die können sich dann auch von einem zum anderen Tag ändern. Das klingt nach Willkür. Diese Überschusssätze soll man dann zumindest auf einer Internetpage einsehen können (fourmore.de/euas). Bisher gibt es diese Seite aber gar nicht und man wird dann nur auf die allgemeine "Fourmore"-Seite geleitet.

Also zusammengefasst: Für jede Einzahlung gibt es eigene Überschusssätze, die nur auf einer Page veröffentlicht werden, die nicht erreichbar ist. Das ist eine neue Dimension der Intransparenz und nah an der Willkür.

Jetzt könnte man meinen, dass das ja in Ordnung gehen würde, wenn ansonsten die Leistung stimmen würde. Dazu habe ich mir dann angeschaut, was es denn als Garantien gibt. Und da finde ich genau zwei Leistungskomponenten. Zum einen garantiert die Allianz einen Beitragserhalt genau zum Rentenbeginn. Einen Tag früher und einen Tag später kann alles ganz anders ausschauen. Also so richtig werthaltig ist dies Garantie irgendwie nicht.

Wer 130 Jahre alt wird, rutscht mit der garantierten Rente ins Plus

Und dann gibt es einen garantierten Rentenfaktor, der besagt, dass der Kunde je 10.000 Euro Kapital eine Monatsrente von 13,12 Euro bekommt. Mit dieser Rente dauert es nun genau 63 1/2 Jahre, bis er diese 10.000 Euro rausbekommen hat.

Anders gesagt: Erst wenn er das Alter von 130 Jahren erreicht hat, dann rutscht er mit der garantierten Rente ins Plus - im Vergleich zur anfänglich angesparten Summe! Dieser im Jahr 1993 geborene Mann ist also im Jahr 2123 soweit, dass er aus der garantierten Rente einen echten Vorteil ziehen kann. Das hat nichts mehr mit werthaltiger Garantie zu tun.

Unterm Strich zeigt sich also: Das neue Allianz-Produkt ist sehr flexibel, das ist ein echter Vorteil. Es ist für ein Produkt im Online-Vertrieb aber sehr teuer (40 Prozent Kosten gerechnet auf die Einzahlung im Beispielfall), sehr intransparent (die Überschussbeteiligung ist letztlich überhaupt nicht mehr nachvollziehbar und damit aus Kundensicht willkürlich) und umfasst nicht mal ansatzweise werthaltige Garantien, (außer der Kunde wird deutlich älter als 130). Nebenbei darf man an Abschluss- und Vertriebskosten so viel zahlen, als gäbe es einen Vertreter, tatsächlich gibt es aber eben keine vernünftige Beratung.

Das könnte sich theoretisch womöglich bald ändern, denn die Allianz will "Fourmore" anscheinend bald auch ihrer Vermittlerschaft öffnen. Da kann es dann aber vermutlich nur eine für viele Vermittler eher uninteressante Bestandsprovision geben. Aber es ist egal, ob unattraktive Provisionen oder die schlechte Produktqualität dazu führen, dass es am Schluss nur eine Empfehlung geben kann: Finger weg von "Fourmore".

Axel Kleinlein ist Chef des Bundes der Versicherten (BdV), Deutschlands größter Verbraucherschutzorganisation für Versicherte, und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.