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Formel 1: Jahr eins nach Ecclestone

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Ein Jahr nach dem Ende der Legende Formel 1 nach Ecclestone - was Liberty besser macht

Liberty Media kam nach der Übernahme der Formel 1 zur Saison 2017 als großer Hoffnungsträger in die "Königsklasse" des Motorsports. Die US-Amerikaner konnten die hohen Erwartungen nicht erfüllen - das ist jedoch nicht nur ihre Schuld. Ein Fazit nach der ersten Saison der neuen Formel 1.
Von Henning Eberhardt

Es ist das erste Jahr nach der Ära Bernie Ecclestone - und schon steht ein Umsatzrückgang für den neuen Inhaber Liberty Media zu Buche. Wie Liberty seinen Shareholdern mitteilen musste, sank der Umsatz 2017 um ein Prozent im Vergleich zu 2016. Bei einem Umsatz von rund 1,8 Milliarden US-Dollar entspricht dies einem Rückgang um 18 Millionen US-Dollar im Jahr 2017.

Eine Ursache für den Rückgang dürfte das Abspringen der Großsponsoren Allianz und UBS sein, eine andere der Ausfall des deutschen Grand Prix 2017 auf dem Hockenheimring.

Auch insgesamt bahnt sich für das Geschäftsjahr 2017 ein Verlust an. Nach den ersten neun Monaten betrug das Minus umgerechnet rund 160 Millionen US-Dollar. Im Referenzzeitraum 2016 konnte die Formel 1 noch einen Gewinn von rund 289 Millionen US-Dollar ausweisen.

Neben den gesunkenen Einnahmen gibt es weitere Gründe für die roten Zahlen: Das US-Unternehmen Liberty, das die Formula One Group mit Chase Carey an der Spitze seit einem Jahr führt, hat nämlich auch deutlich mehr ausgegeben als ihr Vorgänger Bernie Ecclestone. Der ehemalige Formel- 1-Macher galt während seines jahrzehntelangen Wirkens an der Spitze der "Königsklasse" doch eher als Sparfuchs - bei gleichzeitig perfektionierter Umsatzmaximierung.

Timberlake, Grid Kids, eSport

Liberty Media ist willens, zu investieren und Veränderungen für die Rennserie herbeizuführen. Insbesondere in der Vermarktung ist das der Fall. Fünf Beispiele:

1. Oktober 2017, Grand Prix in Austin/Texas: Um den Fans ein attraktives Rahmenprogramm zu bieten, hat Liberty Media ein Konzert des US-Popstars Justin Timberlake an der Rennstrecke ins Rahmenprogramm eingebaut.

Dafür begann das Qualifying in Texas zwei Stunden später als üblich. Die Uhrzeiten und Abläufe der Motorsport- "Königsklasse" waren bisher in Stein gemeißelt.

Das Qualifying in Austin startete somit erst um 23 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Vor Ort war es aber offenbar ein Erfolg: Der Veranstalter meldete ein Plus von 20.000 Besuchern am Samstag.

2. Ende November 2017 präsentierten die neuen Chefs der Formel 1 zudem ein neues Logo, mit dem sie die Vermarktungschancen der Rennserie erhöhen wollen. Das zuvor mehr als zwei Jahrzehnte verwendete Firmenzeichen sei veraltet und nicht mehr für digitale Plattformen geeignet, erklärte Formel-1-Marketingchef Sean Bratches. Eingeführt wird das neue Logo offiziell zum Start der neuen Saison, am 25. März 2018 in Melbourne.

3. Im Februar 2018 gab Liberty dann das nächste Novum bekannt: Die Formel 1 setzt nach der Abschaffung der "Grid Girls" bei der Startaufstellung ab sofort auf "Grid Kids". Die Kinder werden von den jeweiligen Motorsport-Clubs per Los oder aufgrund von Verdiensten ausgesucht.

Voraussetzung sei, dass die Kinder im Kart- oder Formel-Sport bereits aktiv seien, so Liberty. Das Unternehmen begründete den Schritt mit dem gesellschaftlichen Wandel, dem leicht bekleidete Mädchen als "Grid Girls" neben den Rennwagen widersprächen.

4. Neue Startzeiten 2018: Die größte Änderung betrifft die Europa-Rennen. Statt wie bisher um 14 Uhr beginnen die Rennen nun um 15.10 Uhr Ortszeit. Ausnahmen bilden Großbritannien und Frankreich.

In Silverstone wird das Rennen wegen der Zeitverschiebung um 14.10 Uhr Ortszeit gestartet. In Frankreich hingegen startet das Rennen eine Stunde später, um 16.10 Uhr, um Kollisionen mit der FIFA WM 2018 in Russland zu vermeiden, bei der die Partien um 14 und 17 Uhr angestoßen werden.

Laut Formula One Management ist bei einem Rennstart am späteren Nachmittag das potenzielle Publikum größer, insbesondere in den Sommermonaten.

Zudem sollen die unrunden Startzeiten zehn Minuten nach der vollen Stunde dafür sorgen, dass einige TV-Sender zur vollen Stunde auf Sendung gehen können und trotzdem noch Zeit für einen kurzen Vorlauf haben.

Gemäß der Änderung starten die ersten acht Saisonrennen im Jahr 2018 also zu sieben unterschiedlichen Zeiten, insgesamt gibt es bei 20 Rennen neun verschiedene Startzeiten.

Die Anzahl der verschiedenen Startzeiten stellt allerdings keine signifikante Veränderung im Vergleich zum Vorjahr dar. Die 21 Rennen 2017 starteten zu acht verschiedenen Zeiten. Klar ist aber auch, dass der altbekannte Spruch "Die Formel 1 läuft alle zwei Wochen um 14 Uhr" definitiv nicht mehr gilt.

5. Liberty Media hat im Sommer 2017 gemeinsam mit dem Videospiele-Publisher Codemasters und dem eSport-Promoter Gfinity eine virtuelle Formel-1-Weltmeisterschaft ins Leben gerufen. Die 20 besten virtuellen Fahrer durften anschließend zum Saisonfinale nach Abu Dhabi reisen und am letzten November- Wochenende zeitgleich zum Finale der Formel 1 ihren Champion ausspielen.

Evolution vs. naive Revolution

Während in vielen anderen Sportarten Veränderungen zum Tagesgeschäft gehören und sich Sportarten weltweit Gedanken über zukunftsfähige Strukturen machen, wirken selbst kleine Anpassungen in der Formel 1 wie "Mini-Revolutionen".

Einnahmenstruktur Formel 1 (Saison 2016)

Einnahmenstruktur Formel 1 (Saison 2016)

Foto: SPONSORs

Zur neuen Eventisierung beim Grand Prix in Austin sagte beispielsweise Mercedes- Motorsportchef Toto Wolff im Nachhinein: "Das Entertainment in Texas war okay, aber das passt so nur in die USA. Beim Grand Prix von Österreich in der Steiermark wäre das fehl am Platz." Wolff warnte Liberty gegenüber der "Welt" davor, "Regeln oder Showelemente ins Spiel zu bringen, um aus der Formel 1 einen billigen Fernsehshoppingkanal zu machen". Er sagt: "Wir brauchen Evolution, aber keine naive Revolution." Darüber hinaus halten prominente Rennfahrer wie der deutsche Ferrari-Star Sebastian Vettel das neue Logo für überflüssig - wobei jedoch beachtet werden muss, dass Fahrer wie Vettel (digitale) Veränderungen per se kritisch beäugen. Und zu guter Letzt beschreibt Mercedes-Team-Aufsichtsratschef Niki Lauda im "Standard" die Abschaffung der "Grid Girls" in der Formel 1 als "völlig unverständlich", er könne diesen Traditionsbruch ganz und gar nicht nachvollziehen.

Öffentliche Kritik zu den neuen Startzeiten gab es zwar noch nicht. Doch das ändert nichts daran, dass die Formel-1-Szene das Gefühl erweckt, Veränderungen insgesamt sehr kritisch gegenüberzustehen.

Das könnte vor allem damit zu tun haben, dass insbesondere die großen Rennställe in der Amtszeit von Bernie Ecclestone nicht selten mit individuellen Deals zufriedengestellt werden konnten.

Doch die Zeit der individuellen Verträge ist nun endgültig vorbei - auch wenn das offenbar noch nicht jeder im Formel-1-Business wahrhaben will. Nichtsdestotrotz sollte Liberty Media die Kritik von erfahrenen Managern wie Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff ernst nehmen.

Formula One Group

Nachdem Liberty Media im September 2016 zunächst 18,7 Prozent der Anteile von CVC Capital Partners für 1,1 Milliarden US-Dollar übernommen hatte, erfolgte im Januar 2017 die vollständige Übernahme zum Kaufpreis von 4,4 Milliarden US-Dollar. Zusätzlich wurden seitens Liberty Media bestehende Verbindlichkeiten in Höhe von 4,1 Milliarden US-Dollar übernommen. Im Zuge der Übernahme wurde Bernie Ecclestone als Geschäftsführer des Unternehmens durch Chase Carey als CEO ersetzt.CEO: Chase CareyGeschäftsführer: Sean Bratches (Marketing), Ross Brawn (Sport)Umsatz 2016: 1,796 Mrd. DollarQuelle: SPONSORs 3/2018

Unter dem Strich scheinen weitere Investitionen von Liberty dennoch folgerichtig zu sein. Das Unternehmen hat zwar bereits sehr viel Geld für die Formel 1 bezahlt (siehe Infokasten), die Serie ist aber kommerziell und im Marketing noch nicht mit anderen Top-Formaten auf Augenhöhe. Um diesen Rückstand aufzuholen, muss weiter Geld in die Hand genommen werden.

Darüber hinaus braucht die Formel 1 eine schärfere Positionierung. Sie darf nicht mehr zwischen Sport, Technik, Geschäft und Spektakel hin- und hergerissen werden, denn das wäre für eine optimale Vermarktung kontraproduktiv. Die Formel 1 muss entscheiden, wofür sie stehen will: Sollen die Fans künftig lieber über spektakuläre Rennmanöver von mutigen Nachwuchsstars wie Max Verstappen diskutieren oder sollen lieber Ingenieure über die technischen Untiefen der Aerodynamik philosophieren? Aus Marketinggesichtspunkten kann die Antwort nur "Ersteres" lauten. Das Spektakel als zentrales Element sollte stärker in den Mittelpunkt rücken.

Limits durch alte Verträge

Ungeachtet der Kritik einiger Formel-1-Manager ist nach dem Premierenjahr von Liberty Media mit der befürchteten Revolution auf allen Ebenen ohnehin nicht zu rechnen.

Denn es gibt noch einige Rahmenbedingungen - zum Teil Altlasten aus der Ära Bernie Ecclestone -, die kurzfristige Veränderungen unmöglich machen:

Concorde Agreement

Der Grundlagenvertrag zwischen der Formel- 1-Gruppe und den Rennställen läuft noch bis einschließlich der Saison 2020. Bis dahin werden also die ohnehin schon dominierenden Traditionsteams wie Ferrari bei den Preisgeldern bevorzugt.

Einnahmen Formel-1-Teams 2016

Einnahmen Formel-1-Teams 2016

Foto: SPONSORs

Zum Hintergrund: Die zehn Teams teilten 2016 rund 940 Millionen US-Dollar unter sich auf (siehe Grafik). Ferrari erhielt davon vor allem für Erfolge in der Vergangenheit 180 Millionen US-Dollar, Konstrukteursweltmeister Mercedes-Benz 171 Millionen und Red Bull Racing 161 Millionen US-Dollar. Die anderen sieben Teams kamen im Schnitt auf rund 61 Millionen US-Dollar.

Für die Zeit nach 2020 plant Liberty Media eine Umverteilung der Preisgelder zugunsten der kleineren Rennställe. Es gibt die Chance, die Schere zwischen Arm und Reich zu schließen - und damit einen ausgeglichenen Wettbewerb zu schaffen. Das Problem dabei: Große Teams wie Ferrari haben bereits mehrfach mit einem Ausstieg aus der "Königsklasse" gedroht, sollten die bisherigen Einnahmen aus der zentralen Vermarktung wegfallen. Würde die Formel 1 ihr Preisgeld gleichmäßig an die Teams verteilen, bekäme jeder Rennstall 94 Millionen US-Dollar. Es ist fraglich, ob Ferrari, Mercedes und Co. diesen Schritt akzeptieren würden.

Hybridmotoren und Wettbewerb

Die 2014 eingeführte - und umstrittene - Hybrid-Motorentechnologie ist genau wie das Concorde Agreement ebenfalls bis 2020 vertraglich fixiert. Grundsätzlich wollen alle Hersteller zwei Dinge: so wenig wie möglich Einheitstechnik und möglichst geringe Kosten. Beiden Wünschen wird die Hybridtechnologie aktuell nicht gerecht.

Das Team Mercedes-AMG Petronas hat die Motorenumstellung mit Abstand am besten umgesetzt und fährt der Konkurrenz seitdem Jahr für Jahr weit voraus.

Die "Silberpfeile" stellten seit 2014 viermal in Folge den Fahrer-Champion und gewannen jeweils auch die Konstrukteursweltmeisterschaft.

Vom Saisonauftakt 2014 in Australien bis zum Saisonfinale 2017 in Abu Dhabi gewann das Mercedes- Werksteam 63 von 79 Rennen - das entspricht einer Quote von 80 Prozent. In den vergangenen vier Saisons gab es zudem nur zwei weitere Rennställe, die überhaupt Siege einfahren konnten: Ferrari und Red Bull Racing standen jeweils bei acht Rennen ganz oben auf dem Podest.

Die Mercedes-Dominanz sorgt für Langeweile - und bis 2020 dürfte sich daran wohl wenig ändern.

Rennkalender

Liberty hat in den vergangenen Monaten anklingen lassen, dass der Rennkalender auf bis zu 25 Rennen pro Saison erweitert werden könnte. Derzeit liegt die im Reglement festgelegte Obergrenze bei 21 Rennen. 2017 wurden 20 Rennen ausgetragen, 2018 werden es 21 sein. Von den Rennställen hat aber niemand Interesse daran, den Formel-1-Kalender noch voller zu machen. Denn schon jetzt ist der Koordinations- und Personalaufwand sehr hoch. Es bleibt abzuwarten, ob Liberty die Gedankenspiele um eine Aufstockung des Rennkalenders in die Tat umsetzt.

Grand-Prix-Format

Liberty Media denkt über eine neue Struktur der Grand-Prix-Wochenenden nach.

Angedacht sind zum Beispiel zwei Rennen pro Standort. Das Problem für die neuen Macher: Die unter Bernie Ecclestone geschlossenen Verträge mit den verschiedenen Strecken beziehen sich auf das bisherige Format mit den Trainings am Freitag, dem Qualifying am Samstag sowie dem Rennen am Sonntag. Die von Ecclestone geschlossenen Verträge gelten teilweise bis über das Jahr 2025 hinaus.

Regelwerk

Über Regeländerungen entscheidet in letzter Konsequenz der Automobil-Weltverband (FIA) - und nicht der kommerzielle Rechteinhaber. Liberty hat also keinen Freifahrtschein für Änderungen im Regelwerk der Formel 1.

Die Beispiele zeigen: Liberty Media hat eine Fülle an Aufgaben vor sich. Diese kann die neue Formel-1-Führung jedoch nicht alle kurzfristig lösen. Denn den Amerikanern sind auf sportlicher und kommerzieller Seite bei wichtigen Fragen mitunter die Hände gebunden. Die Aufgabe von Liberty wird es in den kommenden Jahren daher vor allem sein, bestmögliche Kompromisslösungen für den Sport und die Rennställe zu finden - und dabei nicht an Attraktivität - weder für die Fans noch für die teilnehmenden Teams - zu verlieren.

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