Donnerstag, 19. September 2019

Beurlaubt wegen offener Worte Warum der BER-Pressechef ein Vorbild ist

"Die Berliner und Brandenburger haben ein Recht zu sehen, wo ihre Milliarden versenkt worden sind": Daniel Abbou, Pressechef des Flughafen Berlin-Brandenburg (BER), ist nach diesen Äußerungen beurlaubt - und wahrscheinlich seinen Job los. Zu Unrecht.

Der Job eines Pressesprechers, so der Branchenspott, ist es aus üblem Mist leckere Minze zu machen. Das hat der PR-Chef des Berliner Flughafens, Daniel Abbou, gar nicht erst versucht. Richtig so. Seine Offenheit stünde jedem Krisenmanager gut zu Gesicht.

Zunächst einmal müssen wir danke sagen. Denn Daniel Abbou, der inzwischen beurlaubte Pressesprecher des Berliner Pannen-Flughafens BER, hat uns eine Sternstunde des Interviews beschert, aus die PR-Branche noch einige Zeit Honig saugen kann. Mit deutlichen Worten und in nie dagewesener Offenheit nannte der Chefkommunikator in einem Gespräch mit dem "PR-Magazin" die Missstände und Verantwortlichen beim Namen - direkt, frech und ein bisschen rotzig, gewissermaßen wie Nationalspieler Per Mertesacker in seinem berühmten TV-Interview nach dem Algerien-Spiel bei der WM 2014.

Und deswegen ist Abbou jetzt vermutlich seinen Job los - zu Unrecht.

Kurz zur Erläuterung: Bei gedruckten Interviews ist es üblich, die Antworten vor der Veröffentlichung noch einmal gegenzulesen und anschließend mit geringen Änderungen freizugeben. Ein Rechtsanspruch darauf besteht nicht, es obliegt der individuellen Vereinbarung zwischen Journalist und Interviewpartner. Dabei gibt es gewisse Regeln, die sich im Laufe der Jahre zwischen Medien und Unternehmen als gängige Praxis eingespielt haben. Zwischen den autorisierten Antworten und den tatsächlich getätigten Äußerungen sollte es allerdings keine größeren Abweichungen geben. Im Optimalfall.

Ein Interview mit einem Vorstand autorisiert in der Regel nicht der Vorstand persönlich, sondern dessen Pressesprecher. Aber was, wenn der Pressesprecher selbst ein Interview gibt? Dann gibt er seine Aussagen auch selbst frei, so viel Freiheit muss man einem Sprecher lassen. Vorausgesetzt, er beherrscht seine Doppelrolle auch doppelt gut.

Tom Buschardt
  • Copyright:
    Tom Buschardt ist seit Ende der 1990er Jahre Medientrainer. Er coacht Vorstände und Politiker für den optimalen Auftritt vor Mikrofon, Kamera und Publikum. Seit 2004 ist er auch Dozent an der Akademie des Auswärtigen Amtes (Interviewtraining). Er arbeitete für zahlreiche Sender der ARD sowie RTL Aktuell und ist Experte für Krisenkommunikation. www.buschardt.de
Es ist nicht davon auszugehen, dass das "PR-Magazin" ein unautorisiertes Gespräch veröffentlicht hat. Somit muss allen Beteiligten unmissverständlich bewusst gewesen sein, welche Sprengkraft in diesem Interview steckte. Das war kein Unfall, das war Absicht.

Ein Pressesprecher sollte grundsätzlich frei agieren dürfen, den Vorstand aus kommunikativer Sicht bei dessen unternehmerischer Strategie beraten. In seiner Außenwirkung hat er sich natürlich an die Absprachen und Strategien zu halten - und unterliegt damit selbstverständlich auch den Weisungen der Geschäftsleitung.

Kein selbstbewusster und erfahrener PR-Chef käme auf die Idee, dem Vorstand seine Aussagen als Pressesprecher vor der Veröffentlichung noch einmal vorzulegen. Dass BER-Chef Karsten Mühlenfeld ihn mit dieser Begründung von seinen Aufgaben entbindet, zeugt von einem seltsamen Verständnis der Aufgabenteilung.

Die Aussagen eines Pressesprechers dienen in der modernen Unternehmenskommunikation eher der Analyse und Einordnung von Vorstandsentscheidungen. Er ist gewissermaßen der Übersetzer von Unternehmenshandlungen für die Öffentlichkeit. In Hintergrundgesprächen mit Journalisten ist es seine Aufgabe, den Geschichten nach Möglichkeit einen gewissen Dreh ("Spin") zu geben.

Was hat Abbou denn schon Schlimmes angestellt?

© manager magazin 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung