Beurlaubt wegen offener Worte Warum der BER-Pressechef ein Vorbild ist

Von Tom Buschardt
Von Tom Buschardt
Der Job eines Pressesprechers, so der Branchenspott, ist es aus üblem Mist leckere Minze zu machen. Das hat der PR-Chef des Berliner Flughafens, Daniel Abbou, gar nicht erst versucht. Richtig so. Seine Offenheit stünde jedem Krisenmanager gut zu Gesicht.
"Die Berliner und Brandenburger haben ein Recht zu sehen, wo ihre Milliarden versenkt worden sind": Daniel Abbou, Pressechef des Flughafen Berlin-Brandenburg (BER), ist nach diesen Äußerungen beurlaubt - und wahrscheinlich seinen Job los. Zu Unrecht.

"Die Berliner und Brandenburger haben ein Recht zu sehen, wo ihre Milliarden versenkt worden sind": Daniel Abbou, Pressechef des Flughafen Berlin-Brandenburg (BER), ist nach diesen Äußerungen beurlaubt - und wahrscheinlich seinen Job los. Zu Unrecht.

Foto: Michael Kappeler/ dpa

Zunächst einmal müssen wir danke sagen. Denn Daniel Abbou, der inzwischen beurlaubte Pressesprecher des Berliner Pannen-Flughafens BER, hat uns eine Sternstunde des Interviews beschert, aus die PR-Branche noch einige Zeit Honig saugen kann. Mit deutlichen Worten und in nie dagewesener Offenheit nannte der Chefkommunikator in einem Gespräch mit dem "PR-Magazin" die Missstände und Verantwortlichen beim Namen - direkt, frech und ein bisschen rotzig, gewissermaßen wie Nationalspieler Per Mertesacker in seinem berühmten TV-Interview   nach dem Algerien-Spiel bei der WM 2014.

Und deswegen ist Abbou jetzt vermutlich seinen Job los - zu Unrecht.

Kurz zur Erläuterung: Bei gedruckten Interviews ist es üblich, die Antworten vor der Veröffentlichung noch einmal gegenzulesen und anschließend mit geringen Änderungen freizugeben. Ein Rechtsanspruch darauf besteht nicht, es obliegt der individuellen Vereinbarung zwischen Journalist und Interviewpartner. Dabei gibt es gewisse Regeln, die sich im Laufe der Jahre zwischen Medien und Unternehmen als gängige Praxis eingespielt haben. Zwischen den autorisierten Antworten und den tatsächlich getätigten Äußerungen sollte es allerdings keine größeren Abweichungen geben. Im Optimalfall.

Ein Interview mit einem Vorstand autorisiert in der Regel nicht der Vorstand persönlich, sondern dessen Pressesprecher. Aber was, wenn der Pressesprecher selbst ein Interview gibt? Dann gibt er seine Aussagen auch selbst frei, so viel Freiheit muss man einem Sprecher lassen. Vorausgesetzt, er beherrscht seine Doppelrolle auch doppelt gut.

Tom Buschardt

Tom Buschardt ist seit Ende der 1990er Jahre Medientrainer. Er coacht Vorstände und Politiker für den optimalen Auftritt vor Mikrofon, Kamera und Publikum. Seit 2004 ist er auch Dozent an der Akademie des Auswärtigen Amtes (Interviewtraining). Er arbeitete für zahlreiche Sender der ARD sowie RTL Aktuell und ist Experte für Krisenkommunikation. www.buschardt.de 

Es ist nicht davon auszugehen, dass das "PR-Magazin" ein unautorisiertes Gespräch veröffentlicht hat. Somit muss allen Beteiligten unmissverständlich bewusst gewesen sein, welche Sprengkraft in diesem Interview steckte. Das war kein Unfall, das war Absicht.

Ein Pressesprecher sollte grundsätzlich frei agieren dürfen, den Vorstand aus kommunikativer Sicht bei dessen unternehmerischer Strategie beraten. In seiner Außenwirkung hat er sich natürlich an die Absprachen und Strategien zu halten - und unterliegt damit selbstverständlich auch den Weisungen der Geschäftsleitung.

Kein selbstbewusster und erfahrener PR-Chef käme auf die Idee, dem Vorstand seine Aussagen als Pressesprecher vor der Veröffentlichung noch einmal vorzulegen. Dass BER-Chef Karsten Mühlenfeld ihn mit dieser Begründung von seinen Aufgaben entbindet, zeugt von einem seltsamen Verständnis der Aufgabenteilung.

Die Aussagen eines Pressesprechers dienen in der modernen Unternehmenskommunikation eher der Analyse und Einordnung von Vorstandsentscheidungen. Er ist gewissermaßen der Übersetzer von Unternehmenshandlungen für die Öffentlichkeit. In Hintergrundgesprächen mit Journalisten ist es seine Aufgabe, den Geschichten nach Möglichkeit einen gewissen Dreh ("Spin") zu geben.

Was hat Abbou denn schon Schlimmes angestellt?

Der Pressesprecher hat das Offensichtliche offen ausgesprochen

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Foto: Ethan Miller/ AFP

BER-Pressesprecher Abbou hat das Offensichtliche offen ausgesprochen und etwas barock formuliert. Fakt ist: Beim Bau des Berliner Flughafens sind Milliarden versenkt worden. Fakt ist: Die Steuerzahler haben ein Recht darauf zu erfahren, was mit dem Geld passiert ist. Abbou sagt: "Die Berliner und Brandenburger haben ein Recht zu sehen, wo ihre Milliarden versenkt worden sind."

Ferner sagt Abbou: "Es kommt eh alles raus. Dann muss man aus PR-Sicht doch der sein, der selbst darauf hinweist." Und er kündigt an, dass der Besucherdienst des BER künftig nicht nur die Schönheiten des neuen Flughafens zeigen soll, sondern auch darauf hinzuweisen habe, wo es noch klemmt. Auch nach langem Nachdenken kann ich an solchen Aussagen nichts Falsches erkennen. Im Gegenteil: Sie zeugen von großer Professionalität.

In Medientrainings lernt man zur Deeskalation von brenzligen Situationen, im Zweifel das Offensichtliche anzusprechen. Das sorgt beim Zuhörer für Zustimmung, weil er es ohnehin selbst bemerkt und führt in der Regel zu mehr Verständnis für den Betroffenen. Eine einfache, aber effektive Technik.

Anders liegt der Fall bei folgender Aussage Abbous: "Früher wurde meist gesagt: Nein, es ist alles gut. Das ist Bullshit. Bekenne Dich dazu, wenn etwas scheiße gelaufen ist." Hier macht der Presschef einen handwerklichen Fehler. Man kritisiert seine Vorgänger nicht öffentlich.

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Eine Formulierung wie "Wenn etwas schief läuft, werden wir das künftig auch offen kommunizieren" wäre an dieser Stelle mit Sicherheit besser gewesen. Das ist zwar nicht so knackig, als auch mal "Scheiße" zu sagen, aber es ist auch nicht rosarot und weichgespült. Wenn es stürmt, hagelt und kalt ist, darf man auch von "Scheißwetter" sprechen, ohne dass Gott einem dafür sieben Plagen schickt.

Insofern waren Abbous Sätze nicht geschickt - aber auch weit entfernt von einem Kündigungsgrund.

Seinen Chef kritisiert man intern - als letzte Kontrollinstanz

"Glauben Sie mir, kein Politiker, kein Flughafendirektor und kein Mensch, der nicht medikamentenabhängig ist, gibt Ihnen feste Garantien für diesen Flughafen." - DAS sind doch angesichts der sonst so weichgespülten und die Verantwortung scheuenden Statements in den Medien genau die Worte, die Aufmerksamkeit schaffen! Allerdings wirkt Abbous Aussage in der Berichterstattung verzerrt, weil sie auf diesen einen Satz verkürzt wird.

Der nachfolgende Satz im Interview lautet: "Wir können nur sagen: Wir arbeiten hart, versuchen, Wege zu finden, Probleme zu lösen, und strengen uns an, aber garantieren wird Ihnen da keiner etwas." Zusammen ergeben die beiden Sätze ein ausgewogenes Bild. Warum wird das in der Aufreger-Berichterstattung nicht vollständig zitiert?

Aber: Abbou redet wie ein Journalist, nicht unbedingt wie ein Pressesprecher. Auf der redaktionellen Seite des Schreibtisches wäre er derzeit wohl der bessere Mann. Zumal er dann auch die amtierende Flughafenführung ungestraft kritisieren kann. Aberfür Pressesprecher gilt: Seinen Chef kritisiert man intern. Gern auch hart und mit offenen, drastischen Worten. Dafür wird man als Pressesprecher bezahlt, denn ein Pressesprecher ist die letzte Kontrollinstanz vor der öffentlichen Wahrnehmung. In dieser Funktion darf man seinen Chef nicht schonen. Intern! Aber man geht ihn als Pressesprecher nicht in aller Öffentlichkeit an und setzt ihn damit unter Zugzwang.

Rustikale Sprachwelt

Abbou bewegt sich in dem Interview in einer sehr rustikalen Sprachwelt. Das macht seine Aussagen griffig, aber auch angreifbar, wenn die Leser nicht jeden Nebensatz genau beachten. Ein schönes Beispiel dafür ist die Passage mit dem Brief des Flughafenchefs an den Rechnungshof: "Weiterhin bitten wir Sie darzulegen, welche Schritte Sie unternommen haben um aufzuklären, auf welchem Weg der Bericht an den Tagesspiegel übermittelt wurde", schrieb Mühlenfeld - in einem Schreiben, dass nicht zuvor über den Tisch des Pressesprechers gegangen war.

In einer solchen Situation schlägt vermutlich jeder Pressesprecher vor Wut mit dem Kopf auf die Tischplatte, weil eine solche Formulierung den Eindruck erweckt, man wolle etwas vertuschen. Spätestens seit Nixons Watergate-Affäre weiß man: Der Umgang mit einer Verfehlung ist oftmals viel wichtiger als die Verfehlung selbst.

In der direkten Abfolge von Frage und Antwort im Interview des "PR-Magazins" ist Abbous Aussage völlig unproblematisch: "Das war der Punkt, an dem ich meinen Kopf auf die Tischplatte geschlagen habe." Abbou beschreibt hier lediglich seine persönlichen Gefühle. Die Schärfe kommt nur durch die spätere Berichterstattung über das Interview zustande. Hier entsteht der Eindruck, Abbou übe Kritik an seinem Chef. Für solche Feinheiten taugt eine rustikale Sprache aber nicht. Die Nuance des feinen Unterschiedes verschwindet. Wer mit Gasbetonsteinen hantiert, zaubert damit keinen feinen Stuck an die Decke.

Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd

Für das Einstudieren von Formulierungen gibt es für die CEOs erfahrene Medientrainer, die mehr können als Kleidung und Kopfhaltung vor der Kamera zu optimieren. Oft genug bringt hier der externe Trainer Kritikpunkte an, die die engen Mitarbeiter des Chefs so nicht artikulieren können. Aber der Medientrainer hat den Videobeweis. Die Pressestelle in der Regel nicht.

Dabei hat Abbou, angesprochen auf die kommunikativen Defizite des Geschäftsführers, eigentlich alles richtig gemacht: "Ich würde sagen, kommunikative Disziplin ist etwas, das allen Ministern, Senatoren und CEOs gut ansteht." Und er baut seinem Chef auch noch Brücken: "Herr Mühlenfeld ist da absolut lern- und kritikfähig, das ist ein großer Vorteil" oder: "Mühlenfeld ist Ingenieur, und Ingenieure pflege eine andere Sprache als Journalisten und Politiker." Das ist perfekt!

Zumindest eine von Abbous Aussagen wird man aber wohl als "Bullshit" klassifizieren müssen, um in seiner eigenen Diktion zu bleiben: "Bis zur Eröffnung, wann auch immer, werde ich dabei sein." Diese Aussage dürfte bereits wenige Tage nach Erscheinen des Interviews von der Realität überholt sein.

Abbous Beurlaubung liefert jedenfalls einen weiteren Beweis für ein ehernes Gesetz der Kommunikation: Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd.

Tom Buschardt ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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