Mittwoch, 27. Mai 2020

Persönliche Begegnung mit dem VW-Patriarchen "Uli 1" wird mich stets an Ferdinand Piëch erinnern

Von links: Ferdinand Piëch, Ulrich Bettermann, Franz Josef Strauß vor dem ersten komplett gepanzerten Audi V8 beim Weltwirtschaftsforum in Davos 1981
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Von links: Ferdinand Piëch, Ulrich Bettermann, Franz Josef Strauß vor dem ersten komplett gepanzerten Audi V8 beim Weltwirtschaftsforum in Davos 1981

Mit dem plötzlichen Tod von Ferdinand Piëch ist einer der ganz großen Unternehmer gegangen, Tüftler, Macher und Visionär zugleich. Nie in meinem Leben habe ich jemanden kennengelernt wie ihn. Keiner beherrschte wie er die Technik und die Ökonomie, die Motoren und die Zahlen, das Management und die Meinungen. Er konnte gnadenlos sein, aber Piëch hat Volkswagen vor dem Ruin bewahrt und zum Weltkonzern entwickelt. "Nur mit Freundlichkeit erreicht man keine großen Ziele", ist eines seiner geflügelten Worte.

Ende der 1970er Jahre traf ich ihn erstmals beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Ferdinand Piëch war Technikvorstand bei Audi und krempelte den mauen Automobilhersteller komplett um. Audi war damals Lichtjahre von seiner heutigen Marktposition entfernt, galt als rostanfällig und instabil.

Ulrich Bettermann
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    Ulrich Bettermann ist der Präsident des Verwaltungsrats von OBO, einer familiengeführten Firma für Elektro- und Gebäudeinstallationstechnik. Der deutsch-schweizerische Unternehmer ist einer der Gründer des Weltwirtschaftsforums in Davos.

Piëch stellte Anfang der 1980er den ersten vollverzinkten Achtzylinder Audi V8 vor. Es war der erste vierradgetriebene PKW in der sogenannten Premiumklasse. Ich hatte damals die Ehre, mit meinem Freund und Fliegerkameraden Franz Josef Strauß den ersten handgefertigten V8 mit Panzerglassicherung aus der Ingolstädter Fertigung zu fahren. Vor Piëch waren im deutschen Premiumsegment nur Mercedes und BMW zuhause. Nun wollte er mit Audi den Durchbruch in die Oberklasse.

Bei einem Abendessen und einigen Flaschen Rotwein diskutierten wir in Davos zu viert, was zu tun sei. Helmut Werner, damals Conti-Chef, später Mercedes, und Hermann Franz von Siemens waren dabei. Wir hatten diesen Audi V8 vierradgetrieben im Schnee gefahren und waren begeistert von dem Fahrzeug. Mir kam die Idee, zweitausend Audi V8 zum Preis eines VW Golf in die Autovermietung zu geben, damit potentielle Kaufkunden den Wagen erleben konnten. Das hat geholfen, und der V8 wurde unter der Bezeichnung A8 ein Verkaufsschlager.

Der Audi V8 hat einen Ehrenplatz

Ferdinand Piëch hat mir als symbolisches Dankeschön einen Wagen geschenkt, der heute in unserem OBO Bettermann-Werk in Ungarn steht und unter dem amtlichen Kennzeichen "Uli 1" zugelassen ist. Später haben wir den Einsatz von Audi A4 und A6 in unserer Firmenflotte vereinbart. Der "Uli 1" hat einen Ehrenplatz und wird mich immer an Ferdinand Piech erinnern.

1981 hatten wir beide beim Weltwirtschaftsforum ein herrliches Erlebnis mit dem Körpersprachenkünstler Samy Molcho, der uns in Meetings schulen sollte. Ferdinand Piëch kam an die Reihe und musste Farben verkaufen, ich war Einkäufer und sollte ihm den Malerbedarf abnehmen. Er war auch nonverbal ein Topverkäufer, aber ein paar Rabattprozente musste er schon einräumen, ehe wir das Geschäft zustande brachten.

Mit Schmierfett an Ärmel und Hosenbein

Als er VW-Chef geworden war, besuchte ich ihn in Wolfsburg. Er verspätete sich einige Minuten und entschuldigte sich, etwas Schmierfett an Ärmel und Hosenbein seines anthrazitgrauen Anzugs, mit den Worten: "Ich musste den Jungs erst noch zeigen, dass die schwere Weinbergpresse doch funktioniert." Er war immer ein Macher und hat andere Leute überzeugen können. Personen, die ihn enttäuschten, hatten allerdings auch keine Chance mehr bei ihm.

Zu Piëchs Reich gehörten bald auch Edelkarossen. Mich hat er überzeugt, einen der ersten Bentley Continental GT zu kaufen, zu meinem Glück als Vorführwagen mit speziellem Preis. Den Wagen fahre ich heute noch aus Überzeugung, weil er Vierradantrieb, einen starken Zwölfzylindermotor hat und über 300 km/h schnell sein kann.

Obwohl Ferdinand Piëch einen Jagdschein hatte, haben wir nie zusammen gejagt. Dazu fehlte ihm einfach die Zeit. Bis in die letzten Wochen hatten wir Kontakt, und ich bin sehr traurig über seinen plötzlichen Tod. Deutschland und Europa haben einen der fähigsten Köpfe und kraftvollsten Macher verloren.

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