Fachkräftemangel erreicht Führungsetagen Forscher warnen vor Topmanager-Knappheit

Autokonzern-Manager Dieter Zetsche (Daimler, v.l.n.r.), Harald Krüger (BMW), Matthias Müller (Volkswagen)

Autokonzern-Manager Dieter Zetsche (Daimler, v.l.n.r.), Harald Krüger (BMW), Matthias Müller (Volkswagen)

Foto: CHRISTOF STACHE/ AFP
Fotostrecke

Ranking: Die zehn Berufe mit den besten Karrierechancen

Foto: Jens Büttner/ dpa

Deutschlands Unternehmen bekommen es zunehmend mit einer neuen Form des Fachkräftemangels zu tun. Außer an Ingenieuren, Ärzten oder Forschern fehlt es ihnen zunehmend auch an geeigneten Topmanagern. Das geht aus einer am Mittwoch aktualisierten Untersuchung des Basler Forschungsinstitut Prognos hervor.

Ohne schnelles Umsteuern werde es schon 2020, stärker aber bis 2030 einen Mangel an Managern, Forschern, Ingenieuren, Ärzten, Pflegern und medizinischen Assistenten geben, warnen die Zukunftsexperten. Allein bis 2030 könnte sich die Zahl der fehlenden Fachkräfte insgesamt auf bis zu 3,0 Millionen belaufen und bis 2040 gar auf 3,3 Millionen, geht aus der Prognos-Studie hervor. Politik und Wirtschaft verfügten aber über die "passenden Maßnahmen", um dies rechtzeitig zu verhindern, heißt es.

Im Bereich des oberen Managements gibt es laut früheren Angaben von Prognos schon im Jahr 2020 etwa 3,3 Prozent weniger geeignete Führungskräfte als benötigt werden. Bis 2030 erweitert sich die Lücke auf 7,6 Prozent, bevor sie im Jahr 2035 schon 8,6 Prozent erreicht.

Nur wenige junge Deutsche streben Führungsverantwortung an

Als Hauptgrund für den drohenden Mangel an Fachkräften aller Art führt Prognos die zunehmende Überalterung der deutschen Gesellschaft an: "Im Zuge des demografischen Wandels wird sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt in den nächsten 10 bis 20 Jahren erheblich verschärfen", betont Studienautor Oliver Ehrentraut. Auch wenn man inzwischen nicht mehr mit einem so starken Schrumpfen der Bevölkerung rechne, die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter werde dennoch weiter kräftig sinken - um gut 10 Prozent bis zum Jahr 2040.

Hinzukomme, dass mit dem wachsenden internationalen Wettbewerb, anderem Konsumverhalten und der Digitalisierung in fast allen Wirtschaftsbereichen manche Berufe nach und nach an Bedeutung verlieren würden. Umgekehrt werde es an Menschen mit dem künftig dringend gefragten Fachwissen fehlen, so die Prognos-Wissenschaftler.

Top-Manager sind in Deutschland Experten zufolge auch deshalb bald Mangelware, weil junge Menschen seltener Führungsverantwortung anstreben als in anderen Ländern. So wollen 87 Prozent der 20- bis 34-Jährigen nicht in die Top-Etage aufstreben und beispielsweise Geschäftsführer werden, wie eine Umfrage des Personaldienstleister Manpower. Nur 6 Prozent haben es sich zum Ziel gesetzt, einmal eine eigene Firma zu besitzen und zu führen.

In Mexiko streben dagegen 41 Prozent der jungen Leute eine Führungsrolle an, in Frankreich sind es immerhin noch 29 Prozent. Dort verteilt sich der hohe Anspruch auch gleichmäßig auf Frauen und Männer. In Deutschland wollen dagegen deutlich mehr Männer in Top-Positionen aufsteigen als Frauen.

Manche altgediente Führungskräfte kommen womöglich in wenigen nicht mehr für Top-Aufgaben infrage, weil sich die Anforderungen für Manager ändern. Dazu zählen laut Prognos "Veränderungen in der Organisationsstruktur sowie der Unternehmensführung als Folge wachsender Außenhandelsverflechtungen, gestiegener Planungs- und Unternehmensrisiken sowie höherer Anforderungen an die Innovationskraft und Flexibilität".

Was laut Prognos gegen den Fachkräftemangel hilft

Nach der Vorhersage der Prognos-Forscher werden bis 2040 aber auch viele Tätigkeiten wegfallen, vor allem in den Bereichen Sicherung und Überwachung wegfallen. Auch Lastwagenfahrer und Packer müssten damit rechnen, dass ihre Arbeit künftig von Robotern und Automaten erledigt werde. Gleiches gelte für Buchhalter, Kreditsachbearbeiter und Immobilienmakler - elektronische Systeme dürften solche Berufe langfristig ersetzen.

Um die Fachkräftelücke in anderen Berufen zu verkleinern oder zu schließen, sprechen sich die Baseler Bevölkerungsforscher auch für eine "Bildungsoffensive" aus: Vor allem die berufliche Ausbildung müsse gezielt gefördert werden, um mehr jungen Menschen zu einem Berufsabschluss zu verhelfen.

Prognos unterstellt jährliche Zuwanderung von 200.000 Menschen

Bei der akademischen Ausbildung habe sich dagegen viel getan. Für Menschen im Berufsleben sei eine "effektivere Weiterbildung" erforderlich, die sie auf neue Jobs vorbereiten, die mit dem Einzug des Internets in den Fabrikhallen entstünden.

Zudem sollte Frauen und Männern nach einer Familienpause die Rückkehr in das Erwerbsleben erleichtert werden. Ältere sollten dazu motiviert werden, länger zu arbeiten. Mit beiden Maßnahmen könnte der drohende Arbeitskräftemangel langfristig um rund zwei Millionen Beschäftigte verringert werden. Schließlich sollten Teilzeitkräfte dafür gewonnen werden, ihre wöchentliche Arbeitszeit zu verlängern.

In allen Szenarien ist bereits eine durchschnittliche jährliche Zuwanderung von 200.000 Migranten unterstellt. Angaben dazu, wie stark die zuletzt zugewanderten Asylbewerber gegen den Fachkräftemangel helfen können, ist in den Prognos-Szenarien nicht enthalten.

Die Bundesagentur für Arbeit hat sich noch nicht so dramatisch zum Fachkräftemangel geäußert. Ihre Denkfabrik, das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), sieht derzeit noch keine eklatante Lücke, sondern spricht lediglich von Engpässen in einigen Branchen, etwa im Maschinen- und Autobau und der Informatik.

mit dpa-afx