Die Erfolgschancen der Facebook-Währung Libra Geld ist leider dumm

Geht es um Zahlungsmittel, greifen Ilustratoren immer wieder gern auf Münzen zurück - auch im Fall der geplanten Kryptowährung Libra von Facebook. Tatsächlich aber wird es diese Münzen nie geben

Geht es um Zahlungsmittel, greifen Ilustratoren immer wieder gern auf Münzen zurück - auch im Fall der geplanten Kryptowährung Libra von Facebook. Tatsächlich aber wird es diese Münzen nie geben

Foto: Getty Images

Die Geschäftsmodelle der großen Technologiekonzerne im Silicon Valley haben eines gemeinsam: Sie sind alle von einem gewissen Größenwahn gekennzeichnet. Nun also möchte Facebook mit Libra das Geld neu erfinden. Geht es nach Mark Zuckerberg, begleichen wir in einigen Jahren unsere Rechnungen einfach via Social Media. Ein Orangensaft am Bahnhof? Zahlen Sie doch mit Facebook! Der Tochter während des Auslandssemesters in den USA Geld schicken? Macht Facebook. Einen Kredit für die neue Waschmaschine aufnehmen? Möglicherweise morgen auch bei Facebook.

Jens-Uwe Meyer

Dr. Jens-Uwe Meyer ist Vorstandsvorsitzender der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
www.jens-uwe-meyer.de 

Was momentan klingt wie eine ferne Utopie, ist in Wahrheit gar nicht so unrealistisch. Aktuell haben wir noch Schwierigkeiten, uns an virtuelle Währungen zu gewöhnen. Wir möchten etwas in der Hand halten, den Wert spüren. Ein 20-Euro-Schein besteht aus einem besonderen Papier, die goldene Kreditkarte ist Status aus Plastik. Diese Zahlungsmittel stellen etwas dar - und sind faktisch gesehen doch monetäre Dinosaurier. Auslaufmodelle. Die digitale Disruption , also die radikale Veränderung von Märkten und der Gesellschaft durch digitale Technologien, verursacht einen viel tiefgreifenderen Wandel als wir es uns aktuell vorstellen können. Bis hin zu der Frage: Was ist eigentlich Geld?

Entscheidend ist, wem wir vertrauen

Schon heute sind wir es gewohnt, dass Geld vor allem aus Zahlen besteht. Wir vertrauen unser Vermögen Institutionen an, die - wenn man sich den aktuellen Zustand und den Ruf der Deutschen Bank ansieht - nicht zwingend als seriös gelten. Im Prinzip ist es vor allem die vom Staat garantierte Einlagensicherung, auf der dieses Vertrauen beruht. Während der Finanzkrise 2008 und 2009 flackerte einmal kurz eine Vorahnung auf, dass der Betrag auf dem Kontoauszug nicht zwingend identisch ist mit dem, was der Geldautomat am Ende möglicherweise noch auszahlt. Dennoch käme aktuell kaum jemand auf die Idee, sein Geld komplett abzuheben und unters Kopfkissen zu legen - im Gegensatz zu meiner Großmutter, die, aufgewachsen Anfang des 20. Jahrhunderts, ihr Leben lang ein Misstrauen gegen Banken hegte. Bis in die 1970er Jahre hinein hortete sie Barvorräte für einen Monat im Keller. Denn das Geld auf der Bank, "das sind doch nur Zahlen".

Facebooks kluge Strategie

Die Technologie, auf der Libra beruht, heißt Blockchain - im Grunde nichts anderes als ein digitales, unveränderliches Kontenbuch, das Werttransfers dokumentiert. In meinem neuen Buch "Digitale Gewinner"  habe ich versucht, die Funktionsweise der Technologie möglichst anschaulich zu erklären:

Stellen Sie sich vor, Sie würden im Mittelalter leben. Sie schließen einen Vertrag mit ihrem Nachbarn ab. Dummerweise gibt es noch keine Notare. Was tun Sie? Sie berufen eine Dorfversammlung ein, machen den Vertrag öffentlich und hinterlegen jeweils ein Exemplar beim Bäcker, beim Fleischer, beim Gastwirt und beim Bauern. Damit die vier keine gemeinsame Sache gegen Sie machen können, hinterlegen Sie noch fünf weitere Exemplare bei Menschen, die weit weg wohnen und die weder den Bauern noch den Metzger noch die anderen kennen. Jedes Mal, wenn sich an dem Vertrag etwas ändert, wird ein Anhang geschrieben, der auf die gleiche Art und Weise verteilt wird.

Was Sie jetzt haben, ist eine analoge Blockchain, einen unveränderlichen Datensatz über Wertverschiebungen und Vereinbarungen, dezentral hinterlegt. Im Prinzip ist die Blockchain eine Ansammlung unabhängiger Zeugen.

Genau auf dieser Basis - nur digital - funktioniert die Facebook-Währung. Facebook handelt klug, indem das Unternehmen von vorherein auf Allianzen setzt. Mit namhaften Unternehmen wie Paypal, Visa und Mastercard in der Libra Association schafft die neue Währung von vornherein Vertrauen. Auch die Bindung an staatliche Währungen ist ein weiser Schachzug. Zudem vermeidet Facebook die technologischen Fehler des Bitcoin. Selbst der größte Enthusiast muss zugeben, dass die Mutter aller Kryptowährungen aufgrund ihres hohen Energieverbrauchs ein ökologisches Desaster ist.

Copy Cats aus California

Im Vergleich mit der Selbstbeschäftigungstherapie der deutschen Banken wirkt Libra geradezu revolutionär. Aus Sicht von Innovatoren nicht. Im Kern kopiert Facebook nämlich das Modell von WeChat und Alipay . In China hat sich das bargeldlose Zahlen per Messenger bereits durchgesetzt. In einem Video des SPIEGEL-Korrespondenten Bernhard Zand  können Sie sehen, dass selbst ein Bettler am Straßenrand bargeldlose Zahlungen akzeptiert.

Libra ist ein schönes Beispiel dafür, wie abgeschlagen sogar das Silicon Valley gegenüber China ist. Vor einigen Jahren wurden die Chinesen als hemmungslose Kopierer verachtet und verspottet. "Innovation auf Chinesisch" stand für den plumpen Diebstahl geistigen Eigentums. Heute kopiert das Silicon Valley das, was sich in China bewährt hat. Es ist nicht der erste Fall. Gerade musste sogar Donald Trump einsehen, dass man den chinesischen High-Tech-Konzern Huawei nicht einfach aus dem Aufbau moderner Mobilfunknetze heraushalten kann - zu groß ist die Technologieführerschaft.

Sind Kryptowährungen gefährlicher als Bargeld?

Skeptiker warnen, dass Kryptowährungen in Zukunft der Geldwäsche Tür und Tor öffnen und den Geldfluss einer unabhängigen Kontrolle entziehen könnten. Mit der gleichen Logik könnten Sie allerdings auch vor Bargeld warnen. Schauen Sie sich einmal die Netflix-Serie Narcos  an. Sie zeigt, wie das Medellin-Kartell um den später erschossenen Drogenbaron Pablo Escobar ein kriminelles Milliardenimperium erschuf - auf Basis von Bargeld. Das Geld aus den Drogenverkäufen in den USA war überall versteckt: In Schränken, hinter Wänden und in eigens ausgehobenen Erdlöchern. Mafiaorganisationen weltweit verlassen sich bis heute auf die Anonymität von Bargeld. Menschenhandel, Prostitution und Bestechung sind ohne Bargeld praktisch nicht denkbar. Hat jemals jemand vor dieser Gefahr gewarnt?

Nehmen wir an, es gäbe heute bereits überall virtuelle Währungen. Natürlich würden auch kriminelle Geschäfte über sie abgewickelt werden, doch dank geschickter Ermittlungsmethoden gelänge es immer wieder, einzelne Transaktionen nachzuvollziehen - beispielsweise weil einzelne Mitglieder der kriminellen Organisationen mit den Ermittlungsbehörden zusammenarbeiten und ihnen ihren Zugang zu den Konten ermöglichen würden. Jetzt käme jemand auf die Idee, Bargeld einzuführen. Was würden wir dann tun? Wahrscheinlich vor Bargeld warnen.

Intelligente Währung schlägt dumme Währung

Kryptogeld wird die Währung der Zukunft sein - einfach weil sie intelligenter ist als Bargeld. Geld, wie wir es kennen, kann nur über komplexe Vertragswerke mit Bedingungen versehen werden. Das Geld selbst ist dumm. Jede noch so einfache Transaktion wird problematisch, sobald sie mit Bedingungen versehen wird. Nehmen wir an, Sie vermieten ein Auto und möchten nach Verschleiß abrechnen. Eigentlich eine kluge Sache: Raser zahlen mehr, weil sie den Motor stärker beanspruchen und beim Bremsen mehr Abrieb erzeugen. In heutiges Geld können Sie solche Bedingungen nicht einprogrammieren, in virtuelle Währungen schon.

Zahlreiche Rechtsstreitigkeiten, die heute vor unseren Gerichten landen, beruhen auf der Tatsache, dass Geld dumm ist. Eine Banküberweisung wird getätigt. Wird anschließend die vereinbarte Gegenleistung nicht erbracht, muss das Geld zurückgefordert werden. Oder umgekehrt: Eine Leistung wird erbracht, teilweise erbracht oder nur teilweise in der gewünschten Qualität erbracht. Weil Geld dumm ist, braucht es aufwendige Verträge.

Virtuelle Währungen werden sich durchsetzen, weil sie das intelligentere Geld darstellen. Sie werden helfen, die Wirtschaft von überflüssiger Bürokratie zu befreien. Überlegen Sie mal, was für einen bürokratischer Aufwand heute die Verrechnung kleiner Dienstleistungen im Internet darstellt: Unzählige Rechnungen für Kleinstbeträge zu schreiben und die Zahlungen per Überweisung zu veranlassen (natürlich unter korrekter Angabe der IBAN eines jeden Zahlungsempfängers) verschlingt oft mehr Ressourcen als das Projektvolumen hergibt. Kryptowährungen werden helfen, solche Abläufe in Zukunft deutlich zu verschlanken. Dabei wird der Übergang zwischen Kryptowährungen und so genannten Smart Contracts, also auf Algorithmen basierenden Verträgen, fließend sein.

Ob es am Ende tatsächlich Facebook die Organisation sein wird, die es schafft, das "neue Geld" weltweit zu etablieren, ist längst nicht sicher. Andere Player werden das Gleiche versuchen. Sicher ist nur eins: Der Abschied vom Geld, wie wir es kennen, ist eingeleitet. Und der Wettbewerb um das, was danach kommt, hat gerade erst begonnen.

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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