Dienstag, 2. Juni 2020

Topmanager Rorsted im Corona-Chaos Irre, warum die Mietstopp-Entschuldigung von Adidas so spät kam

Fünf Kraul, fünf Rücken: Der sportliche Kasper Rorsted

Kasper Rorsted ist eigentlich ein dynamischer Mann. Aber diesmal hat er enttäuscht.

Am Freitag vergangener Woche war bekannt geworden, dass Adidas Börsen-Chart zeigen einen Großteil seiner Mietzahlungen ab April einstellen wolle, weil das Unternehmen angeblich durch die Corona-Krise in Schwierigkeiten geraten ist. In keinem der Berichte über diese Entscheidung des Sportartikelherstellers fehlte der Hinweis darauf, dass Adidas noch im vergangenen Jahr einen Gewinn von knapp zwei Milliarden Euro erzielt hat. Die Reaktion der Öffentlichkeit konnte daher nicht überraschen: ein veritabler Shitstorm.

Tatsächlich bemerkenswert war dann aber, wie lange der sportliche Herr Rorsted brauchte, um zurückzurudern. Erst am Mittwoch dieser Woche (dem 1. April …) veröffentlichte Adidas eine Mitteilung, in der sich das Unternehmen ausdrücklich und "in aller Form" entschuldigte. Man habe die Miete für April nun doch bezahlt, heißt es in dem Schreiben. Fairness und Teamgeist seien seit jeher mit Adidas verknüpft, so solle es auch bleiben.

Freitag der PR-Unfall, Mittwoch die Entschuldigung - warum in aller Welt hat das nur so lange gedauert? Diese Frage lässt seither Millionen PR-Berater und Social-Media-Experten weltweit nicht mehr ruhig schlafen.

manager magazin wollte es (wie immer) ganz genau wissen und ist der Sache nachgegangen. Herausgekommen ist ein lückenloses Protokoll der Ereignisse bei Adidas zwischen Freitag und Mittwoch, das wir unseren Lesern hier präsentieren wollen:

Freitag:

  • Meldungen über den Mietstopp von Adidas laufen schon morgens über den Ticker. Nach ersten Berichten kommt es zum Shitstorm.
  • Nach seinem allmorgendlichen 60-Kilometer-Lauf betritt Adidas-Pressesprecher Jan Runau gegen 9 Uhr sein Wohnzimmer, pardon: Homeoffice und erkennt sofort den Ernst der Lage. Adidas muss reagieren. Runau schickt eine Whatsapp an CEO Kasper Rorsted.
  • Rorsted befindet sich zu der Zeit noch im Hallenbad von Herzogenaurach, wo er nach seinem allmorgendlichen 60-Kilometer-Lauf täglich zehn Kilometer schwimmt (fünf Kraul, fünf Rücken). Runaus Whatsapp sieht Rorsted deshalb erst gegen 11 Uhr. Selbstverständlich erkennt auch der Topmanager sofort den Handlungsbedarf. Rorsted schlägt ein Krisenmeeting vor.
  • Rorsted und Runau vereinbaren einen Videocall am Freitagnachmittag, an dem auch Markenvorstand Brian Grevy teilnehmen soll. Per Mail teilt Grevy daraufhin jedoch mit, seine Tochter (10) benötige das Familiennotebook noch bis mindestens 18 Uhr für Schularbeiten in den Fächern Mathematik und Gesellschaftskunde. Danach habe seine Gattin bereits einen Videochat mit den Großeltern verabredet. Grevy fragt, ob vor dem Hintergrund Samstagvormittag eventuell auch ok sei.

Samstag:

  • Verschiedenen Quellen bei Adidas zufolge versuchen Rorsted, Runau und Grevy über den Tag verteilt insgesamt 37mal eine stabile Internetverbindung für die Video-Konferenz zu bekommen. Interne Datenausdrucke der Deutschen Telekom, die manager magazin vorliegen, weisen allein 23 solcher Versuche aus dem Hause Rorsted aus. Doch vergebens: Das Netz im Raum Herzogenaurach ist an dem Tag offenbar hoffnungslos überlastet.

Sonntag:

  • Rorsted verlässt um 7.30 Uhr das Haus, um Brötchen zu holen. Erst um 15 Uhr ist er wieder daheim. Die 1,5-Meter-Abstandsregel sei schuld, erklärt er seiner Frau. Immerzu müsse man Leuten ausweichen, umkehren, Umwege machen.
  • Den Rest des Tages verbringt der Manager mit Händewaschen, keine Zeit für Krisen-PR.

Montag:

  • Um 13 Uhr gelingt endlich die erforderliche Video-Schalte, die sich allerdings in die Länge zieht. Zuerst spricht Runau, aber Grevy kann ihn nicht hören. Er loggt sich aus und wieder ein. Dann spricht Rorsted, aber Runau kann ihn nicht hören. Er loggt sich aus und wieder ein. Als nächstes spricht Grevy, aber weder Rorsted noch Runau können ihn hören. Beide loggen sich aus und wieder ein. Wieder spricht Rorsted, aber ...
  • Um kurz vor 23 Uhr einigen sich Rorsted, Runau und Grevy darauf, die Mietzahlungen aus Imagegründen doch vorzunehmen, und dies - verbunden mit einer Entschuldigung - der Öffentlichkeit mitzuteilen.

Dienstag:

  • Nach seinem allmorgendlichen 60-Kilometer-Lauf betritt Pressesprecher Runau gegen 9 Uhr sein Wohnzimmer, pardon: Homeoffice und beginnt, in der Miet-Causa ein Entschuldigungsschreiben zu entwerfen. Der erfahrene PR-Mann benötigt für solche Texte gewöhnlich 30 bis 60 Minuten. Diesmal muss er zwischendurch allerdings:

- Seinem Sohn die geopolitischen Spannungen auf dem europäischen Kontinent erklären, die zum zweiten Weltkrieg führten,

- für den 107-jährigen Nachbarn Brot, Milch, Aufschnitt und eine Fernsehzeitschrift aus dem Supermarkt holen,

- versuchen, den Livestream zu ignorieren, den seine Gattin am anderen Ende des Esstischs verfolgt.

  • Um 17.30 Uhr ist der Entwurf fertig und geht per Mail an Rorsted und Grevy.

Mittwoch:

  • Am Vormittag gibt es ein erneutes Video-Meeting, um den Entwurf durchzugehen. Das Protokoll verzeichnet diesmal nur zwei kurze Unterbrechungen:

- Einmal stößt Grevys Berner Sennenhund das Notebook des Adidas-Vorstands vom Wohnzimmertisch und reißt dabei die komplette Kabelage aus der Wand.

- Einer der Männer (Name nicht notiert) benötigt 25 Minuten, um seine lauthals streitenden Kinder im Obergeschoss voneinander zu trennen.

  • Am frühen Nachmittag stellt Adidas das fertige Entschuldigungsschreiben auf die Website. Schneller geht es in diesen Zeiten offenbar auch bei einem sportlichen Mann wie Kasper Rorsted nicht.

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