Mittwoch, 23. Oktober 2019

Ergo-Lebensversicherte werden leiden Ergo wickelt Millionen Kunden ab - die Chancen und Risiken

Schlechte Zahlen, enormer Job-Abbau, millionenfache Vertragsabwicklung: Die nackte "Aurora" bekommt bei einem der größten deutschen Versicherer eine ganz neue Bedeutung

Ergo wickelt ab: 1800 Jobs und Millionen Lebensversicherte. Ein "Armutszeugnis" und der Preis für "desaströse" Kosten, sagt Hermann Weinmann. Für ihn steht fest, die Ergo-Kunden werden darunter leiden und dieser Run-off nicht der letzte sein in der Branche. Dennoch böte er auch Chancen, sagt der Experte - und mahnt zugleich zu größter Wachsamkeit.

Zur Person
Hermann Weinmann ist Professor für Finanzdienstleistungen an der Hochschule Ludwigshafen am Rhein

mm.de: Herr Weinmann, Müll landet auf der Müllkippe. Ergo-Policen künftig auch, folgt man der teils scharfen Kritik zur geplanten Abwicklung von mehr als 5 Millionen Lebensversicherungsverträgen. Die Schlagzeile hätte auch lauten können: "Ergo kann es nicht und entsorgt jetzt ihre Kunden." Würden Sie zustimmen?

Weinmann: Die Ergo hat zweifelsohne Probleme. Die Umsätze sind seit Jahren rückläufig und die Kosten hoch, viel zu hoch im Vergleich zu den Wettbewerbern. Dieses traurige Bild wird in Kürze auch mein Vergleich mit der Allianz und der Alte Leipziger Leben zeigen. Im Ergebnis jedenfalls drückt das die Profitabilität und ist gleichermaßen schlecht für die Lebensversicherten wie die Aktionäre.

mm.de: Warum auch für die Aktionäre?

Weinmann: Bei der Ergo Leben verzichtet der Aktionär, also die Ergo Versicherungsgruppe, mittlerweile auf den erhaltenen Gewinn der Jahre 2014 und 2015 und reicht diesen wieder zurück in die Bilanz, um das Eigenkapital zu stärken. Von einer Entsorgung kann daher eigentlich keine Rede sein, sondern eher von einer "Subventionierung" der Versicherten. Der neue Vorstandschef Markus Rieß zollt der Vergangenheit Tribut, die einem Armutszeugnis gleichkommt.

mm.de: Also hat zur Abwechslung mal der Aktionär das Nachsehen?

Weinmann: Ja, der Ergo-Aktionär darbt. Zudem ist die Überschussbeteiligung gemessen am aktuellen Ertrag zu hoch. In den letzten zwei Jahren zahlte die Ergo die Überschussbeteiligung der Kunden auch aus der Substanz. Für 100 erwirtschaftete Euro wurden bei der Ergo Leben 150 Euro ausgekehrt. Das kann so nicht weitergehen. Eine Kürzung wird auf Dauer unvermeidlich sein.

mm.de: Dennoch - muss sich ein Kunde nicht wie Abfall fühlen, wenn er Jahrzehnte in einen Vertrag einzahlt, dieser auf einer Abwicklungsplattform landet und der Kunde künftig mit noch weniger Überschüssen bedacht wird?

Weinmann: Heutzutage muss man ja damit rechnen, dass alles nach China verkauft wird. Deshalb bin ich erleichtert, dass die Munich Re an ihrem Ergo-Engagement festhält und die Ergo wiederum die Abwicklung des bestehenden Geschäfts in eigener Regie betreibt. Dass Ergo-Kunden künftig weniger Überschussbeteiligung bekommen, ist für mich sicher. Das Unternehmen spürt ja keinen Wettbewerbsdruck mehr, weil es die Policen einfach auslaufen lässt. Mit zukünftigen Überschussbeteiligungen muss die Ergo also keine neuen Kunden mehr überzeugen.

mm.de: Ergo will aber weiter Lebensversicherungen verkaufen, halt nur keine klassischen mehr. Geht Rieß mit dem Run-Off nicht auch ein enormes Image-Risiko ein, das jedwedem Neugeschäft schaden kann?

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