Ergo-Lebensversicherte werden leiden Ergo wickelt Millionen Kunden ab - die Chancen und Risiken

Ergo wickelt ab: 1800 Jobs und Millionen Lebensversicherte. Ein "Armutszeugnis" und der Preis für "desaströse" Kosten, sagt Hermann Weinmann. Für ihn steht fest, die Ergo-Kunden werden darunter leiden und dieser Run-off nicht der letzte sein in der Branche. Dennoch böte er auch Chancen, sagt der Experte - und mahnt zugleich zu größter Wachsamkeit.
Schlechte Zahlen, enormer Job-Abbau, millionenfache Vertragsabwicklung: Die nackte "Aurora" bekommt bei einem der größten deutschen Versicherer eine ganz neue Bedeutung

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Foto: DPA

mm.de: Herr Weinmann, Müll landet auf der Müllkippe. Ergo-Policen künftig auch, folgt man der teils scharfen Kritik  zur geplanten Abwicklung von mehr als 5 Millionen Lebensversicherungsverträgen. Die Schlagzeile hätte auch lauten können: "Ergo kann es nicht und entsorgt jetzt ihre Kunden." Würden Sie zustimmen?

Weinmann: Die Ergo hat zweifelsohne Probleme. Die Umsätze sind seit Jahren rückläufig und die Kosten hoch, viel zu hoch im Vergleich zu den Wettbewerbern. Dieses traurige Bild wird in Kürze auch mein Vergleich mit der Allianz und der Alte Leipziger Leben zeigen. Im Ergebnis jedenfalls drückt das die Profitabilität und ist gleichermaßen schlecht für die Lebensversicherten wie die Aktionäre.

mm.de: Warum auch für die Aktionäre?

Weinmann: Bei der Ergo Leben verzichtet der Aktionär, also die Ergo Versicherungsgruppe, mittlerweile auf den erhaltenen Gewinn der Jahre 2014 und 2015 und reicht diesen wieder zurück in die Bilanz, um das Eigenkapital zu stärken. Von einer Entsorgung kann daher eigentlich keine Rede sein, sondern eher von einer "Subventionierung" der Versicherten. Der neue Vorstandschef Markus Rieß zollt der Vergangenheit Tribut, die einem Armutszeugnis gleichkommt.

mm.de: Also hat zur Abwechslung mal der Aktionär das Nachsehen?

Weinmann: Ja, der Ergo-Aktionär darbt. Zudem ist die Überschussbeteiligung gemessen am aktuellen Ertrag zu hoch. In den letzten zwei Jahren zahlte die Ergo die Überschussbeteiligung der Kunden auch aus der Substanz. Für 100 erwirtschaftete Euro wurden bei der Ergo Leben 150 Euro ausgekehrt. Das kann so nicht weitergehen. Eine Kürzung wird auf Dauer unvermeidlich sein.

mm.de: Dennoch - muss sich ein Kunde nicht wie Abfall fühlen, wenn er Jahrzehnte in einen Vertrag einzahlt, dieser auf einer Abwicklungsplattform landet und der Kunde künftig mit noch weniger Überschüssen bedacht wird?

Weinmann: Heutzutage muss man ja damit rechnen, dass alles nach China verkauft wird. Deshalb bin ich erleichtert, dass die Munich Re an ihrem Ergo-Engagement festhält und die Ergo wiederum die Abwicklung des bestehenden Geschäfts in eigener Regie betreibt. Dass Ergo-Kunden künftig weniger Überschussbeteiligung bekommen, ist für mich sicher. Das Unternehmen spürt ja keinen Wettbewerbsdruck mehr, weil es die Policen einfach auslaufen lässt. Mit zukünftigen Überschussbeteiligungen muss die Ergo also keine neuen Kunden mehr überzeugen.

mm.de: Ergo will aber weiter Lebensversicherungen verkaufen, halt nur keine klassischen mehr. Geht Rieß mit dem Run-Off nicht auch ein enormes Image-Risiko ein, das jedwedem Neugeschäft schaden kann?

"Die Wachstumsschwäche ist unübersehbar, die Kostensituation ist desaströs"

Weinmann: Hat denn Rieß noch ein Image-Risiko? Die Wachstumsschwäche ist unübersehbar, die Kostensituation ist desaströs, und zu allem Überfluss wird mit dem Budapest-Prozess auch noch das Bordell-Image wiederbelebt.

mm.de: Das klingt wenig schmeichelhaft. Worauf kommt es jetzt an?

Weinmann: Für mich ist am wichtigsten, dass die Kapitalanlage nicht leidet. Wir reden über ein Volumen von 40 Milliarden Euro, das von der organisatorischen Trennung betroffen ist, und darin liegen beachtliche 20 Prozent Bewertungsreserven, das sind 8 Milliarden Euro. Die "Neue Welt" des Herrn Rieß liegt außerhalb der traditionellen Kapitalanlage, dazu kann ich aber mich nicht äußern, weil ich die neuen Produkte noch nicht kenne.

mm.de: Wo liegt die Chance eines Run-Off für die Ergo?

Weinmann: Es gibt nur die eine Chance, dass die künftig abgetrennte Einheit "Leben Klassik" nicht weiter mit Kosten vollgepackt wird und sich die Abläufe in Zukunft deutlich effizienter gestalten. Dann könnten wieder Kostenüberschüsse entstehen, die den Verträgen zugutekommen. Schließlich muss die abgetrennte Einheit auch kein überteuertes Neugeschäft mehr finanzieren, das Abschlusskostenverluste mit sich bringt.

Darin liegt das zukünftige Image-Risiko: Den Schlendrian und die Altlasten der Vergangenheit weiter über die Altkundenbestände zu finanzieren, um damit das Neugeschäft und die Verwaltung für den zukünftigen Anbieter "Ergo Vorsorge" schlank zu halten und nach vorne zu bringen. Die Öffentlichkeit muss ganz genau darauf achten, was zukünftig passieren wird.

mm.de: Kostenvorteile für Kunden verspricht auch der Abwickler Heidelberger Leben, der etwa 850.000 Policen kostengünstig zu Ende führt. Offenbar so günstig, dass für die Geldgeber der Plattform rund das Doppelte an Effizienzgewinn übrig bleibt wie für die Kunden selbst. Muss das nicht zu denken geben?

Weinmann: Ich kenne die internen Berechnungen der Heidelberger Leben nicht. Vom Grundsatz her ist dies aber eine Frage der Beaufsichtigung. Können externe Abwickler, die Rendite erzielen wollen, die Ergebnisquellen so gestalten, dass keine Überschüsse mehr entstehen? Da muss die Aufsichtsbehörde ihre so oft in den Vordergrund gestellte "Manndeckung" betreiben. Wenn aber Überschüsse entstehen, dann brauchen wir uns keine weiteren Gedanken zu machen, denn es gilt weiter die Mindestzuführungsverordnung, die zu einer angemessenen Überschussbeteiligung der Versicherten führt. Ich weiß, dass die Bafin sich sehr intensiv mit dem Thema beschäftigt. Es gilt aber wie im richtigen Leben: Worten müssen Taten folgen.

"Werden Abwickler-Kunden mies behandelt, müssen die Alarmglocken schrillen"

mm.de: Das Geschäft scheint jedenfalls so lukrativ, dass die Ergo die gut 5 Millionen Verträge unbedingt selbst abwickeln will und diesen Service künftig anderen Lebensversicherern sogar anbieten könnte, wie der Vorstand andeutet. Rechnen Sie mit weiteren Run-Offs in der Branche?

Weinmann: Wer von einer jahrelangen Ultraniedrigzinsphase ausgeht, muss mit weiteren Run-offs rechnen. Mangelnde Konzernzugehörigkeit, Versäumnisse in der Kapitalanlage oder IT und ein Festhalten an tradierter Vertriebspolitik können ein Grund sein. Wenn die Ergo-Gruppe darin ein künftiges Geschäftsfeld sieht, kann sie richtig liegen. Auch muss sie nicht jeden Bestand nehmen. Gleichzeitig hat sie eine Rückkehroption, falls der deutsche Kunde die neuen Produkte nicht annimmt, die möglicherweise nur für den Anbieter kapitaleffizient sind.

Wenn die Nacht am dunkelsten ist, ist die Dämmerung am nächsten. Wer kann also ausschließen, dass wir nicht bald wieder höhere Zinsen am langen Ende bekommen und die Klassik zumindest in modifizierter Form nicht wieder modern wird?

mm.de: Sie lesen viele Bilanzen, welcher Lebensversicherer kann sich hohe Garantieversprechen im Bestand am wenigsten leisten? Wer ist vermutlich der nächste Run-off-Kandidat?

Weinmann: Da bin ich der falsche Ansprechpartner. Run-off ist eine unternehmenspolitische Entscheidung, und die sollte rechtzeitig getroffen werden, und nicht erst, wenn der Geschäftsbericht tiefrot ist und die Bafin Schwierigkeiten bereitet.

mm.de: Wen sehen Sie in der Pflicht darüber zu wachen, dass Millionen verschobene Lebensversicherte von dem Policen-Abwickler nicht benachteiligt werden?

Weinmann: Die Bafin und den dahinter stehenden Gesetzgeber habe ich schon genannt. Für mich ist dies aber auch eine Frage für die interessierte Öffentlichkeit, also für Journalisten, Verbraucherschützer und Analysten von Versicherungsunternehmen. Wenn die Abwickler-Kunden "mies" behandelt werden, dann müssen die Alarmglocken schrillen. Von daher ist es disziplinierend, dass die Ergo einerseits an ihren Altbeständen festhält und darüber hinaus auch noch kräftig Neugeschäft mit Finanz- und Biometrie-Produkten zeichnen will. Ich bin gespannt auf die zukünftigen Ergo-Zahlen.

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