Mittwoch, 22. Mai 2019

Erfolgreiche Frauen der Wirtschaftsgeschichte Eine gelähmte Näherin machte Steiff zur Weltmarke

Erfolgreiche Frauen der Wirtschaftsgeschichte: Eine gelähmte Näherin macht Steiff zur Weltmarke
SWR/Bernhard Berger

Deutschland versucht, mit der Quote Frauen in die Top-Jobs der Wirtschaft zu bringen. In einer losen Reihe stellen wir Frauen vor, die sich mit ganz besonderen Fähigkeiten nach oben gekämpft haben - zum Beispiel Margarete Steiff. Sie begründete die Spielzeugmarke mit dem Knopf im Ohr.

Eigentlich hätte das Leben von Apollonia Margarete Steiff ganz anders aussehen sollen: Schulbesuch bis zum 14. Lebensjahr, anschließend ein paar Jahre als Haus- und Kindermädchen in einer fremden Familie, dann Heirat, Kinder, Küche - fertig. Aber Margarete ist kein normales Mädchen. Weil sie mit anderthalb Jahren an Kinderlähmung erkrankte, kann sie nicht laufen und den rechten Arm nur eingeschränkt bewegen. Wer hätte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so eine Frau schon heiraten wollen?

Aber Margarete gibt nicht auf. Und ihre Familie kämpft für sie mit. Jeden Tag lässt sie sich von ihren Geschwistern oder Nachbarskindern auf einem Leiterwagen zum Schulgebäude ziehen, eine Nachbarin trägt sie ins Klassenzimmer, dort lernt sie Schreiben, Lesen, Rechnen und ein wenig Religion. Nachmittags dann die Nähschule - auch nicht leicht mit dem kaputten rechten Arm. Doch Margarete kämpft sich durch.

Die erste Nähmaschine kauft der Vater

Nach der Schule die große Frage: Was tun? Außer Haus kann sie nicht arbeiten. Ihr Vater, ein Maurermeister, richtet ihr und den beiden Schwestern ein Nähzimmer im Elternhaus ein. Mit wachsendem Erfolg: Anfangs sticken die drei Verzierungen für die Aussteuer ihrer Cousinen. Nach und nach spricht sich herum, was die Mädels da Tolles machen - und das Geschäft beginnt zu boomen. So sehr, dass der Vater eine Nähmaschine kauft - eine Neuheit im schwäbischen Giengen an der Brenz. Da Margarete die Nähmaschine mit dem rechten Arm nicht bedienen kann, beschließt sie kurzerhand, mit links zu nähen.

Nach der Hochzeit ihrer Schwestern macht Margarete allein weiter. Mit Erfolg: Ihr Vater baut das Haus aus, damit sie eine eigene Werkstatt erhält. Sie hat Glück: Der deutsch-französische Krieg ist gerade zu Ende, die Wirtschaft blüht und die Leute haben Geld und Sinn für schicke Kleider.

Als nächstes hilft ihr ein Schwager auf die Sprünge: Adolph Glatz überredet sie 1877, eine Näherin einzustellen und ein Konfektionsgeschäft in ihrer Werkstatt zu eröffnen. Er vermittelt ihr vermutlich auch ihren ersten Großkunden in Stuttgart. Nicht uneigennützig: Das Material erhält sie aus einer Woll-Filz-Manufaktur, an der Adolph beteiligt ist. Nun näht Margarete auch noch Mäntel, Unterröcke, Kapuzen, Decken und Gardinen aus Filz.

Vor dem Teddy steht der Elefant

Aber der Durchbruch zu dem Unternehmen, das viele Kinder heute kennen, kommt mit einem kleinen Filzelefanten. 1879 entdeckt sie in einer Modezeitschrift das Schnittmuster für das kleine graue Tier. Sie näht einige Exemplare, füllt sie mit weichem Filz, und verschenkt sie an ihre Neffen und Nichten. Die sind begeistert, denn das Kinderspielzeug jeder Zeit war vor allem aus Porzellan, Holz und Metall - gar nicht einladend zum Kuscheln.

Ein netter Zeitvertreib, denkt sich Margarete zunächst. Aber da liegt sie falsch: Zehn Jahre später benennt sie ihr Unternehmen in "Filz-Spielwaren-Fabrik" um, weil die kuscheligen Spielgefährten zum Renner geworden sind. Längst hat sie ein eigenes, zweistöckiges Haus im Ort bezogen, vier Mitarbeiterinnen helfen in der Werkstatt, zehn weitere in Heimarbeit. Ihr Vorteil: Die Tiere sind nicht nur flauschig, sondern auch noch unverwüstlich. Damit kann sie sich gegen die Konkurrenz auf dem stetig wachsenden Kinderspielzeugmarkt behaupten.

Das Markenzeichen: Der Metallknopf im linken Ohr

Ihre Neffen treten nach und nach ins Geschäft ein, gründen Geschäftsvertretungen in London, Florenz und Amsterdam, entwerfen neue Stofftiere und Puppen mit beweglichen Gliedern. 1903 verkauft Steiff 240.000 Stofftiere. Ein Jahr später entscheidet Margarete sich für das Markenzeichen ihres Unternehmens, das bis heute Bestand hat: Jedes Tier erhält einen Metallknopf im linken Ohr. Eine sichtbare Markierung, die die Kinder beim Spielen auch nicht aus Versehen abreißen können.

Das Stofftier aber, für das Steiff noch heute bekannt ist, geht nicht auf Margarete zurück. Ihr Neffe Richard Hähnle entwickelt 1903 einen Bären aus Mohair. Acht Mark soll er kosten und sieht recht plump aus. Seine Tante ist nicht begeistert, trotzdem stellt er ihn auf der Leipziger Frühjahrsmesse vor. Er behält Recht: Am letzten Tag bestellt ein einziger Händler 3000 Stück. Er bringt sie in die Vereinigten Staaten, wo Teddybären gerade der letzte Schrei sind. Wie groß sein Erfolg sein würde, konnte aber auch Richard nicht ahnen: 2002 wird ein Steiff-Bär aus dem Jahr 1926 für mehr als 156.000 Euro versteigert.

Dieser Artikel erschien zuerst auf BizzMiss - dem Business-Magazin für Frauen mit den Schwerpunkten Karriere und Work-Life-Balance. Einmal wöchentlich erscheint der Newsletter mit den interessantesten Lesetipps der Woche.

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