Merkels Hebel bei Erdogan-Treffen Fünf unbequeme Wirtschafts-Wahrheiten über die Türkei

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan: Wer pokert besser?

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan: Wer pokert besser?

Foto: TOLGA BOZOGLU/ AFP

Die Flüchtlingskrise hat Recep Tayyip Erdogan zu einem gefragten Mann in Europa gemacht. Heute lotet Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erneut in Ankara aus, wie und zu welchem Preis der autoritär regierende türkische Präsident Deutschland helfen kann. Deutlich weniger Vertriebene als bisher sollen sich auf den Weg aus Kleinasien nach Europa machen.

Erdogan kostet seine neue Rolle genüsslich aus - doch ganz so stark ist seine Position nicht. Die Wirtschaft der Türkei ist aufs Engste mit Europa verflochten. Die Türkei hat deshalb selbst ein großes Interesse daran, dass aus der ohnehin schon schwierigen Lage keine unüberschaubare Dauerkrise wird.

Fünf unbequeme Wahrheiten über den ökonomischen Zustand der Türkei belegen: Merkel kann in Ankara durchaus ein bisschen selbstbewusst auftreten.

Wachstum: Wirtschaftswunder im Kriechgang

Das türkische Bruttoinlandsprodukt schwächelt

Das türkische Bruttoinlandsprodukt schwächelt

Foto: Sedat Suna/ picture alliance / dpa

Jahrelang glänzte die Türkei mit beeindruckend hohen Wachstumsraten: In den Boomjahren 2010 und 2011 legte das BIP jährlich um rund 9 Prozent zu. Doch seither hat sich die Konjunktur kräftig eingebremst: In den Jahren 2014 und 2015 stieg das BIP nur mehr um 3 Prozent pro Jahr, für das laufende Jahr prognostiziert die türkische Regierung einen Anstieg von 4 Prozent. Erst im Jahr 2018 soll das Wachstum nach derzeitigen Prognosen bei 5 Prozent liegen.

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Dabei braucht das Land Experten zufolge ein hohes Wachstum. Nur so lässt sich die hohe Zahl der jungen Leute integrieren, die jährlich auf den Arbeitsmarkt strömen. Auch die rund drei Millionen Flüchtlinge lassen sich viel leichter in den Arbeitsmarkt integrieren, wenn die Wirtschaft boomt und die Unternehmen deshalb dringend Mitarbeiter suchen.

Doch Reformen bei der Beschäftigungspolitik hat Erdogans Regierung lange verschleppt, kritisieren Landeskenner. Dazu kamen monatelange politische Unsicherheiten: Bei den Parlamentswahlen im Juni verlor die bis dahin allein regierende Erdogan-Partei AKP ihre absolute Mehrheit. Koalitionsverhandlungen scheiterten, bei den erneuten Wahlen im November gewann die AKP ihre absolute Mehrheit zurück.

Für Geschäftsleute ist damit etwas Ruhe für Investitionen eingekehrt. Die neue Regierung kann nun weiter im großen Stil in die Infrastruktur investieren. Dringend notwendig sind jedoch strukturelle Reformen in der Industrie. Die Türkei ist stark von Importen abhängig - etwa bei Energieträgern, aber auch bei Rohstoffen. Im vergangenen Jahr verlor die türkische Währung Lira gegenüber dem Dollar 30 Prozent an Wert. Das verteuerte die Importe für die Verbraucher und erhöhte für Unternehmen Investitions- und Betriebskosten. Die Risiken für die weitere wirtschaftliche Entwicklung sind dadurch gestiegen.

Grenzen dicht? Dann droht der Türkei ein Export-Gau

Türkische Lastwagen an der Grenze zu Syrien: Solche Staus drohen bald wieder in Europa

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Deutschland ist für die Türkei der wichtigste Handelspartner, mit einem Anteil an den Exporten in Höhe von 9,1 Prozent. Gleich dahinter folgt Großbritannien mit 7,4 Prozent.

Somit hängt die ohnehin schwache türkische Außenhandelsbilanz stark am Tropf der EU. Zu den wichtigsten Exportgütern zählen Autos, Eisen und Stahl, Textilien und Lebensmittel.

Um das schwache Exportpflänzlein auszubauen, müssen die Grenzen gen Westen für türkische Lkw vergleichsweise leicht passierbar bleiben. Ansonsten drohen Milliardenschäden für den türkisch-europäischen Handel. Die Türkei hat deshalb ein starkes Interesse, dass die Flüchtlingskrise in Ost- und Mitteleuropa gelöst wird.

Dicke Luft mit Europa macht einen Strom-Blackout wahrscheinlicher

Protest gegen türkisches Atomkraftwerk: Die Türkei braucht mehr Strom

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Foto: ADEM ALTAN/ AFP

Umgekehrt ist die Türkei dringend auf Kapital und Know-how aus Europa angewiesen. Erschwert Erdogan eine Flüchtlings-Lösung mit der EU, könnten EU-Unternehmen einige Großprojekte in der Türkei auf die lange Bank schieben. Und das würde auch die westlichen Finanzströme in das Land deutlich schmälern.

Geld aus dem Westen ist beispielsweise im Energiesektor unentbehrlich. Die Türkei muss ihre Stromerzeugung deutlich ausbauen, weil die Wirtschaft wächst und die Ansprüche der Bevölkerung wachsen. So entsteht an der Schwarzmeerküste das bis zu 17 Milliarden Euro teure Atomkraftwerk Sinop. Gebaut wird es von einem Konsortium, in dem die französischen Konzerne Areva und Engie (mit Mitsubishi aus Japan) den Ton angeben.

Auch deutsche Unternehmen wie Eon und RWE investieren im großen Stil in der Türkei - zum Beispiel im Bereich Windkraft. Ohne gute Beziehungen der Türkei zu Paris und Brüssel geht bei wichtigen Energieprojekten nichts - und ein größerer Blackout wäre für Erdogan eine Katastrophe.

Weniger Geld für Konsum - BIP droht Bremse

Antiquitätenhändler in Istanbul: Weniger Geld für Shopping

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Foto: Chris McGrath/ Getty Images

Die türkischen Konsumenten haben im vergangenen Jahr Regierungsschätzungen zufolge zwar rund 4,5 Prozent mehr ausgegeben als noch 2014. Doch in diesem Jahr könnte die Ausgabenfreude der Verbraucher deutlich sinken - aus zwei Gründen: Die schwache türkische Lira verteuert Importe, die hohe Inflationsrate von zuletzt 8 Prozent mindert die Kaufkraft.

Experten zufolge wird die Bevölkerung die Folgen der Währungsabwertung erst in diesem Jahr voll zu spüren bekommen - und an der hohen Teuerungsrate wird sich so schnell wohl auch nichts ändern. Beides zusammen droht das Wirtschaftswachstum kräftig auszubremsen.

Deshalb versucht die türkische Regierung nun, die Kauffreude ihrer Landsleute mit einer durchaus großzügigen Gabe hochzuhalten: Am Anfang des Jahres hat die Regierung den Mindestlohn um 30 Prozent angehoben. Das sollte laut Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) den Konsum im Land deutlich erhöhen - und zwar um 0,5 bis 1 Prozent des BIP.

Zugleich warnt aber auch der IWF vor einer weiterhin hohen Inflationsrate. In diesem Jahr wird sie die 5-Prozent-Zielmarke der Regierung mit "deutlichen Abstand" überschreiten, heißt es im jüngsten Türkei-Bericht der Institution.

Arbeitslos und wütend - bei der Jugend brodelt's

Protest gegen die Regierung: Die Arbeitslosigkeit macht Erdogan zu schaffen

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Jung und ohne Job - dieses Schicksal ist zu vielen Türken vertraut. Bei rund 10 Prozent liegt die Arbeitslosenrate in der Türkei derzeit laut offiziellen Zahlen. Bei der jugendlichen Bevölkerung zwischen 15 und 24 Jahren beträgt sie jedoch rund 18 Prozent. Das ist fast doppelt so viel wie im Landesschnitt - und auf diesem Niveau verharrt sie schon seit Jahren.

Die Jugendarbeitslosigkeit ist ein Problem, das Erdogans Regierung bisher nicht in den Griff bekommen hat. Jedes Jahr drängen eine halbe Million junge Arbeitskräfte auf den Markt. Und es könnten bald noch mehr werden: Denn derzeit leben rund drei Millionen Flüchtlinge in der Türkei, ein großer Teil von ihnen ist unter 30 Jahre alt.

Die türkische Regierung bringt nun Gesetze auf den Weg, die registrierten Flüchtlingen das Arbeiten erlauben soll. Allerdings: Experten zufolge fehlen in der Türkei nach wie vor Arbeitsmarktreformen, die Türken und Flüchtlingen gleichermaßen den Zugang zu Jobs erleichtern würden.

Mitschuld daran sei auch Ministerpräsident Erdogan selbst, heißt es immer wieder. Denn er hört kaum auf seine Ökonomen - und setzt am liebsten auf ein Uralt-Rezept: Er lässt bauen - etwa Autobahnen, Großflughäfen oder protzige Residenzen. Das mag ein paar Leuten Arbeit geben, doch als Dauerprogramm eignen sich solche Vorhaben kaum. Die Folge: Bei der Jugend steigt die Unzufriedenheit - und das könnte nicht nur Erdogan, sondern bei politischen Unruhen auch unmittelbar der türkischen Wirtschaft gefährlich werden.

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