Montag, 22. Juli 2019

Merkels Hebel bei Erdogan-Treffen Fünf unbequeme Wirtschafts-Wahrheiten über die Türkei

2. Teil: Wachstum: Wirtschaftswunder im Kriechgang

Das türkische Bruttoinlandsprodukt schwächelt
Jahrelang glänzte die Türkei mit beeindruckend hohen Wachstumsraten: In den Boomjahren 2010 und 2011 legte das BIP jährlich um rund 9 Prozent zu. Doch seither hat sich die Konjunktur kräftig eingebremst: In den Jahren 2014 und 2015 stieg das BIP nur mehr um 3 Prozent pro Jahr, für das laufende Jahr prognostiziert die türkische Regierung einen Anstieg von 4 Prozent. Erst im Jahr 2018 soll das Wachstum nach derzeitigen Prognosen bei 5 Prozent liegen.

Dabei braucht das Land Experten zufolge ein hohes Wachstum. Nur so lässt sich die hohe Zahl der jungen Leute integrieren, die jährlich auf den Arbeitsmarkt strömen. Auch die rund drei Millionen Flüchtlinge lassen sich viel leichter in den Arbeitsmarkt integrieren, wenn die Wirtschaft boomt und die Unternehmen deshalb dringend Mitarbeiter suchen.

Doch Reformen bei der Beschäftigungspolitik hat Erdogans Regierung lange verschleppt, kritisieren Landeskenner. Dazu kamen monatelange politische Unsicherheiten: Bei den Parlamentswahlen im Juni verlor die bis dahin allein regierende Erdogan-Partei AKP ihre absolute Mehrheit. Koalitionsverhandlungen scheiterten, bei den erneuten Wahlen im November gewann die AKP ihre absolute Mehrheit zurück.

Für Geschäftsleute ist damit etwas Ruhe für Investitionen eingekehrt. Die neue Regierung kann nun weiter im großen Stil in die Infrastruktur investieren. Dringend notwendig sind jedoch strukturelle Reformen in der Industrie. Die Türkei ist stark von Importen abhängig - etwa bei Energieträgern, aber auch bei Rohstoffen. Im vergangenen Jahr verlor die türkische Währung Lira gegenüber dem Dollar 30 Prozent an Wert. Das verteuerte die Importe für die Verbraucher und erhöhte für Unternehmen Investitions- und Betriebskosten. Die Risiken für die weitere wirtschaftliche Entwicklung sind dadurch gestiegen.

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