Donnerstag, 12. Dezember 2019

Entrepreneurs for Future Warum selbst Unternehmer an diesem Freitag streiken

Die Unternehmerin Vanessa Weber hat allen Mitarbeitern freigegeben, die demonstrieren gehen möchten
Werkzeug Weber/Katrin Limes
Die Unternehmerin Vanessa Weber hat allen Mitarbeitern freigegeben, die demonstrieren gehen möchten

"I want you to panic" - die Worte der Klimaaktivistin Greta Thunberg richten sich direkt gegen die globale Wirtschaftselite. Auch die Köpfe der deutschen "Fridays for Future"-Bewegung wie Luisa Neubacher greifen, enttäuscht über die lahmen Fortschritte, zunehmend zu antikapitalistischer Systemkritik.

Trotzdem können sie an diesem Freitag mit Mitstreitern auch aus dem Unternehmerlager rechnen, beim großen Streik für das Klima, der selbst den Gewerkschaften ein bisschen unheimlich wird. "Ja, Panik ist angebracht", sagt Vanessa Weber, Geschäftsführerin des Familienunternehmens Werkzeug Weber in Aschaffenburg. "Es geht um den letzten Weckruf. Darum, dass wir unseren Planeten erhalten wollen und dafür jetzt alles tun müssen."

Unternehmer, die zum Streik aufrufen - wann gab es das schon mal, außer in der wilden Phantasie der libertären Autorin Ayn Rand (und da als Kampfansage an den Rest der Gesellschaft gemeint)? Es ist ohne Frage ein ungewöhnlicher Schulterschluss anlässlich des zeitgleich tagenden Klimakabinetts an diesem Freitag.

Eine von 3000 "Entrepreneurs for Future"

Weber etwa ist eine von inzwischen mehr als 3000 "Entrepreneurs for Future" - und das ist nur eine von mehreren Initiativen von Firmen, die den Klimastreik unterstützen. Viele der 30.000 Firmenkunden der GLS-Bank haben sich der Kampagne "Nicht mein Erbe" angeschlossen. Etliche Promis der Berliner Start-up-Szene haben sich als "Leaders for Climate Action" zusammengeschlossen, von Delivery-Hero-Gründer Niklas Östberg über Alexander Samwer bis Lea-Sophie Cramer von Amorelie.

Manche der Mitstreiter nutzen die Gelegenheit, mit einem Bekenntnis zum "Green Pledge" ihre eigenen Unternehmen eigennützig als besonders klimafreundlich zu bewerben. "Fernbusse sind die Klimachampions im Verkehr", sagt etwa Flixbus-Gründer Daniel Krauss - wobei Experten über derlei Vergleiche mit der Bahn durchaus streiten.

Für Unternehmer ist Engagement ein schmaler Grat zwischen wirklichem Klimaschutz und sogenanntem Greenwashing - PR, um als umweltfreundlich wahrgenommen zu werden, ohne tatsächlich etwas zu tun. Was die Bewegung um Thunberg aber erreicht hat: Selten sind derart viele konkrete Forderungen an die Politik gerichtet worden wie derzeit.

Initiator Boris Wasmuth von dem Spiele-Community-Start-up Gameduell etwa möchte durchgesetzt sehen: einen CO2-Preis von mindestens 50 Euro pro Tonne, der sofort zum Jahreswechsel eingeführt wird und bis 2030 auf mindestens 130 Euro steigt. Und: Selbst Manager, die auf Distanz zu Aktivisten gehen, äußern sich mit verbindlichen Klima-Zielen zu Wort - so wie der Siemens-Chef Joe Kaeser.

Als radikal will Vanessa Weber keineswegs wahrgenommen werden. Aus Rücksicht auf ihre Firmenkunden und Mitarbeiter, die es nicht zum Demonstrieren zieht, werde der Betrieb auch nicht komplett geschlossen.

"Klimaschutz muss Hand in Hand mit der Wirtschaft laufen"

"Natürlich muss Klimaschutz im Einvernehmen mit der Wirtschaft laufen, Hand in Hand", sagt Weber. Es gehe ihr um "ökonomisch vertretbare Lösungen" - und konkrete Beiträge statt lautstarker Forderungen. Gegen die radikalen Töne der Bewegung fallen ihr etliche Einwände ein. "Wenn Deutschland alleine handelt, dann schaffen wir uns leider nur wirtschaftliche Nachteile."

"Ich gehe den Weg der kleinen Schritte", sagt die Unternehmerin. Werkzeug Weber habe seinen Papierverbrauch mit Hilfe der digitalen Ablage reduziert, die Bürobeleuchtung auf LED-Taglicht umgestellt und sie selbst vor zwei Jahren ihren Dienstwagen gegen ein E-Bike umgetauscht. Außerdem habe sie sich 2012 der Initiative "Plant for Planet" von Felix Finkbeiner angeschlossen, den sie als Vorläufer von Greta Thunberg sieht. Mitte Oktober plane sie abermals eine Aktion, um 12.500 Bäume in Aschaffenburg zu pflanzen.

Unternehmer wie Weber wollen "enkeltauglich" handeln

"Enkeltauglich" ist das Stichwort, das viele der Familienunternehmer im Mittelstand antreibt. Vanessa Weber bringt noch ein Grund zum Demonstrieren: Unternehmer würden zunehmend als Kapitalisten gebrandmarkt. "Nach meinem Gefühl haben die meisten Menschen ein Bild im Kopf vom Zigarre rauchenden, dicken Mann im Nadelstreifenanzug, dem das Geld vom Fließband in die Tasche fällt, der einen Ferrari fährt und sich um nichts Gedanken macht."

Dagegen wolle sie zeigen: "Wir Unternehmer haben sehr wohl ein Gewissen." Die neue Generation an der Spitze der Firmen denke anders. Und "das muss auch mal wahrgenommen werden in der Gesellschaft".

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