Deutschlands verheißungsvollste Start-ups Die Weltschatzsucher

Ein junges Trio aus München gräbt sich durch die Daten von Unternehmen. Und findet erstaunliche Produktivitätsgewinne.
Alexander Rinke (l.), Martin Klenk (M.) und Bastian Nominacher: "Wir wollen Weltmarktführer werden"

Alexander Rinke (l.), Martin Klenk (M.) und Bastian Nominacher: "Wir wollen Weltmarktführer werden"

Foto: Florian Generotzky für manager magazin

Entrepreneur des JahresDer Weg zum Sieg

Bastian Nominacher (32) ist Bäckerssohn. Früh aufstehen und hellwach sein hat er gelernt, als er seinen Eltern noch in der Backstube geholfen hat. Kleine Brötchen aber backt er längst nicht mehr. Er sitzt in einem modernen, hellen Büro unweit der Münchener Theresienwiese und verkündet: "Wir wollen Weltmarktführer werden." Die beiden jüngeren Kollegen am Tisch, Alexander Rinke (27) und Martin Klenk (29), nicken kommentarlos.

Die drei Jungs sind Geschäftsführer der Celonis GmbH. Das 2011 gegründete Unternehmen hat gerade mal 100 Mitarbeiter und erzielt einen niedrigen zweistelligen Millionenumsatz. Wie also kommen die Kerle dazu, von einem Platz an der Weltspitze zu fabulieren? Sind die drei Traumtänzer?

Von wegen, die Chancen, sich ganz oben festzusetzen, stehen gar nicht so schlecht. Denn Celonis ist in einer Branche unterwegs, die gerade erst entsteht. Das Trio betreibt Process-Mining, das heißt, es gräbt nach Daten.

Die Digitalisierung produziert Unmengen solcher Daten in den Unternehmen, sei es im Einkauf, in der Produktion oder im Vertrieb. Doch die meisten wissen mit diesem Schatz nur wenig anzufangen.

Celonis hat eine Software entwickelt, die genau das kann: Schwachstellen in den Unternehmen schnell aufdecken, Prozesse optimieren und dadurch Kosten senken.

Als Datengräber beschäftigten sich die drei Unternehmensgründer Klenk, Nominacher und Rinke schon während ihrer Zeit an der TU München. Jeder studierte damals ein anderes Fach: Rinke Mathematik, Klenk Informatik und Nominacher Wirtschaftsinformatik und BWL. Ihre Wege kreuzten sich in der studentischen Unternehmensberatung der TU, der Academy Consult München.

Die bekam einen ersten Auftrag vom Bayerischen Rundfunk (BR), der seine internen Serviceprozesse analysiert haben wollte. Die drei wundern sich bis heute, dass ein solcher Auftrag an Studenten ging.

Doch die Entscheidung war offensichtlich richtig. Die Studentenberater lieferten so gute Arbeit ab, dass sich innerhalb Münchens bis zum Siemens-Konzern herumsprach. Der fragte sogleich an, ob die Youngster nicht mal die Einkaufsprozesse untersuchen könnten. Die drei kratzten ihre Ersparnisse zusammen und gründeten Celonis.

Während der Arbeit für Siemens  kam ihnen die Erleuchtung: "Es machte bei uns klick." Sie erkannten, dass sich mit ihrer Software so ziemlich alle Bereiche eines Unternehmens analysieren ließen.

Verglichen mit traditionellen Consultants, die viele Gespräche führen müssen, um Schwachstellen aufzudecken, ist die Celonis-Truppe deutlich schneller und effizienter. "Wir gehen einfach in den Serverraum", sagt Rinke, "schauen uns die Daten an und legen unsere Software drüber."

Spätestens nach zwei Wochen kann Celonis seinen Auftraggebern zeigen, wo es in der Supply-Chain zu Lieferverzögerungen kommt, warum die Lagerbestände so hoch sind, wieso Bestellungen so lange dauern. Diese Erkenntnisse bringen den Herstellern Produktivitätsgewinne von bis zu 30 Prozent.

Und so ist die Schar der Celonis-Kunden inzwischen recht groß. An der Wand im Flur hängen deren Logos: ABB , Bayer , Edeka, Nestlé , RWE , Vodafone  und fast alle öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Große Namen.

Aber auch Kleinere werden bedient. Stolz zeigt Rinke ("Das ist keine bezahlte Werbung") ein Video des Elektronikgroßhändlers Schukat aus Monheim mit rund 150 Mitarbeitern. Darin singt die Geschäftsführung Lobeshymnen auf Celonis: Erst deren Software habe ihre Prozesse transparent gemacht. Man sei überzeugt, dass in ein paar Jahren jedes Unternehmen Celonis brauchen werde.

Dieses Potenzial, die Software über alle Branchen hinweg global verkaufen zu können, macht Celonis (der Name leitet sich ab vom griechischen "celos", was für eifern und streben steht) zu einem High Potential.

Ein Trio zum Anfassen

Alexander Rinke (l.), Martin Klenk (M.) und Bastian Nominacher: "Wir wollen Weltmarktführer werden"

Alexander Rinke (l.), Martin Klenk (M.) und Bastian Nominacher: "Wir wollen Weltmarktführer werden"

Foto: Florian Generotzky für manager magazin

Martin Klenk, Bastian Nominacher, Alexander RinkeCelonis

Zumal sich auch das Triumvirat an der Spitze gut ergänzt: Der Bayer Bastian Nominacher ist der Intellektuelle, der Stratege. "Ich kümmere mich um die organisatorische Aufbauarbeit", sagt er. Der Schwabe Martin Klenk ist der Ruhige, der Tüftler, er leitet die Forschung und Entwicklung. Und der in Berlin aufgewachsene Alexander Rinke ist der Eloquente, der Vertriebsmensch.

Alle sind sie Chefs zum Anfassen. Einmal im Monat, freitags um 14 Uhr, gibt es eine "Ask the Bosses Session", Da werden bedeutende ("Wie läuft das USA-Geschäft?") und weniger bedeutende Fragen ("Warum haben wir so wenig Almdudler in der Küche?") gestellt, nichts bleibt unbeantwortet. Treffpunkt ist die Lobby in der dritten Etage des Business-Park-Gebäudes, ein Kicker steht herum, an der Wand lehnt eine Gitarre. Sie kommt am späten Freitagnachmittag des Öfteren zum Einsatz. Am Ende einer Arbeitswoche trifft sich die jugendliche Belegschaft zum gemeinsamen Biertrinken.

Kürzlich gab es einen gewaltigen Grund zum Feiern: Zwei renommierte Risikokapitalgeber schossen im Sommer 2016 rund 27,5 Millionen Dollar in das Unternehmen ein und erhielten dafür 22,87 Prozent der Anteile: Accel (das auch in Deliveroo, Dropbox und Spotify investiert ist) und 83 North. Laurel Bowden, Partnerin von 83 North, nennt den Grund für den Einstieg: "Der Markt ist enorm, alle Unternehmen können die Celonis-Technologie nutzen."

Die Kapitalspritze können die Münchener gut gebrauchen - für die Weiterentwicklung ihrer Software und die Internationalisierung. Schon 2015 wurde Celonis in das Globale Reseller Agreement von SAP  aufgenommen. Die Softwarepakete von Celonis werden seitdem auf der Preisliste der Walldorfer geführt und können dadurch weltweit erworben werden. Den Sprung auf diese Liste hat bislang noch kein Start-up geschafft. Es war aber auch ein zäher Weg. "Über 7000 E-Mails habe ich an die SAP-Manager geschickt, bis wir es endlich geschafft hatten", sagt Nominacher.

Bei der Expansion ins Ausland wollen sich die drei natürlich nicht allein auf SAP verlassen. Deshalb bauen sie sukzessive eine eigene Vertriebsorganisation auf. Zunächst in den USA, bald auch in Asien, wo Singapur als zentraler Standort dienen könnte.

Um das Geschäft in Nordamerika anzukurbeln und mit potenziellen Kunden in Kontakt zu kommen, ist Rinke im Sommer 2016 nach New York umgezogen und hat dort inzwischen zehn Mitarbeiter eingestellt. So schnell wie möglich will er den US-Markt besetzen, noch ist Celonis konkurrenzlos.

Nominacher, der Stratege, hat klare Ziele. Er will bis 2020 rund 1000 Mitarbeiter beschäftigen und die Firma zum Einhorn machen, also auf eine Unternehmensbewertung von mehr als eine Milliarde Dollar kommen. Für 2020 ist dann auch der Börsengang vorgesehen. An der Nasdaq  natürlich.

Und dann machen die drei Jungs Kasse und steigen aus? "Nein, nein", sagen sie unisono. Ihnen gehe es nicht ums schnelle Geld. "Wir sind Datenanalysefreaks", sagt Rinke. Das Geschäft sei für sie Beruf und Hobby zugleich.

Auch Nominachers elterliche Bäckerei war mal ein Start-up. Jetzt existiert es seit mehr als 130 Jahren. Mindestens 20 Jahre wolle er seine eigene Firma schon führen.

Die drei Firmen schafften es unter die Finalisten der Kategorie Start-up:

Kiwigrid: Carsten Bether

Carsten Bether

Carsten Bether

Foto: Tobias Ritz

Intelligent: Der Energiemarkt wird für die Verbraucher immer komplexer und damit auch schwerer durchschaubar. Viele Kunden, ob private oder industrielle, beziehen ihre Energie inzwischen von unterschiedlichen Anbietern oder erzeugen sie gleich selbst. Um dieses Durcheinander zu steuern und zu koordinieren, bedarf es intelligenter Energiemanagementsysteme.

Effizient: Die Kiwigrid GmbH aus Dresden bietet solche an. 2011 wurde das Unternehmen von Carsten Bether gegründet. Er hat an der TU Dresden Maschinenbau und BWL studiert, im kalifornischen Stanford promoviert und bringt Silicon-Valley-Erfahrung mit. Bether nennt seine Firma stolz "Europas führende Energie-IoT-Plattform". IoT steht für Internet of Things. Man muss nicht verstehen, wie das alles funktioniert. Aber was die Platt form leistet, kann jeder nachvollziehen: Sie steigere die Energieeffizienz und senke die Energiekosten um bis zu 40 Prozent, sagt Bether.

UNIQ: Daniel Marx, Daniel Krahn

UNIQ-Gründer Daniel Marx und Daniel Krahn

UNIQ-Gründer Daniel Marx und Daniel Krahn

Foto: Oliver Nauditt

Auf Balkonien: Zwei Wochen Türkei für 300 Euro all-inclusive? Oder für 300 Euro nach New York fliegen? Wo gibt's denn so was? Auf der Website Urlaubs guru.de, dem Schnäppchenportal für Reisen. Die beiden Schulfreunde Daniel Krahn und Daniel Marx hatten die Idee im Sommer 2012 auf einem Balkon in Unna. Ihre größte Investition damals: 6,60 Euro für ein Webhosting-Paket.

In die Wüste: Heute sitzen die beiden mit der Zentrale ihrer Firma Uniq am Dortmunder Flughafen, beschäftigen fast 140 Mitarbeiter und betreiben Reiseschnäppchenportale in 12 Ländern auf 2 Kontinenten. Das Wachstum wird ohne Fremdkapital finanziert, die Provisionen der Veranstalter reichten bislang aus. Allein im Geschäftsjahr 2016 wird Urlaubs guru.de einen Reiseumsatz von rund 200 Millionen Euro vermitteln. Von dem Erfolg profitieren auch die Mitarbeiter. Die Chefs haben entschieden, allen eine Reise nach Las Vegas zu spendieren. Im Frühjahr 2017 schicken sie sie in die Wüste.

Thermondo: P. Pausder, F. Tetzlaff, K. Fichtner

Philipp Pausder, Florian Tetzlaff, Kristofer Fichtner (v.l.n.r.)

Philipp Pausder, Florian Tetzlaff, Kristofer Fichtner (v.l.n.r.)

Foto: Thermondo

Kopfarbeiter: Handwerk und Digitalisierung - das sind alte und neue Welt, die wenig miteinander gemein zu haben scheinen. Das Berliner Start-up Thermondo versucht sie zu vereinen. Im Oktober 2012 von Philipp Pausder, Florian Tetzlaff und Kristofer Fichtner gegründet, ist Thermondo bereits der größte Heizungsinstallateur Deutschlands für Ein- und Zweifamilienhäuser. Bislang musste ein Eigentümer, der eine Heizung einbauen oder aus wechseln wollte, mehrere Stellen kontaktieren. Bei Thermondo reicht ein Onlineantrag, das Unternehmen kümmert sich dann um alles und bietet ein Komplettpaket an.

Handwerker: "Wir revolutionieren den Heizungsmarkt", sagt Pausder. An 14 Standorten hat Thermondo bereits fest angestellte Handwerker. Die Mannschaft soll zügig ausgebaut werden. Das nötige Geld ist vorhanden. 23,5 Millionen Euro brachte die letzte Finanzierungsrunde. Aber die Mehrheit am Unternehmen will das Trio behalten.