Sonntag, 8. Dezember 2019

Deutschlands verheißungsvollste Start-ups Die Weltschatzsucher

Ein junges Trio aus München gräbt sich durch die Daten von Unternehmen. Und findet erstaunliche Produktivitätsgewinne.

Alexander Rinke (l.), Martin Klenk (M.) und Bastian Nominacher: "Wir wollen Weltmarktführer werden"
Florian Generotzky für manager magazin
Alexander Rinke (l.), Martin Klenk (M.) und Bastian Nominacher: "Wir wollen Weltmarktführer werden"
Entrepreneur des Jahres
Der Weg zum Sieg
Das Verfahren
Aus knapp 60 Bewerbungen zum "Entrepreneur des Jahres 2016" wurden von EY 35 Finalisten ausgewählt. Eine unabhängige Jury kürte die Sieger in den vier Kategorien Start-up, Industrie, Dienstleistung/IT und Konsumgüter/Handel. Außerdem gibt es zwei Ehrenpreise für ein vorbildliches Familienunternehmen und einen Social Entrepreneur.
Die Jury
Patrick Adenauer (Bauwens GmbH), Ulrike Detmers (Mestemacher-Gruppe), Florian Nöll (Bundesverband Deutsche Startups), Christine Volkmann (Universität Wuppertal) und Manfred Wittenstein (Wittenstein AG).

Bastian Nominacher (32) ist Bäckerssohn. Früh aufstehen und hellwach sein hat er gelernt, als er seinen Eltern noch in der Backstube geholfen hat. Kleine Brötchen aber backt er längst nicht mehr. Er sitzt in einem modernen, hellen Büro unweit der Münchener Theresienwiese und verkündet: "Wir wollen Weltmarktführer werden." Die beiden jüngeren Kollegen am Tisch, Alexander Rinke (27) und Martin Klenk (29), nicken kommentarlos.

Die drei Jungs sind Geschäftsführer der Celonis GmbH. Das 2011 gegründete Unternehmen hat gerade mal 100 Mitarbeiter und erzielt einen niedrigen zweistelligen Millionenumsatz. Wie also kommen die Kerle dazu, von einem Platz an der Weltspitze zu fabulieren? Sind die drei Traumtänzer?

Von wegen, die Chancen, sich ganz oben festzusetzen, stehen gar nicht so schlecht. Denn Celonis ist in einer Branche unterwegs, die gerade erst entsteht. Das Trio betreibt Process-Mining, das heißt, es gräbt nach Daten.

Die Digitalisierung produziert Unmengen solcher Daten in den Unternehmen, sei es im Einkauf, in der Produktion oder im Vertrieb. Doch die meisten wissen mit diesem Schatz nur wenig anzufangen.

Celonis hat eine Software entwickelt, die genau das kann: Schwachstellen in den Unternehmen schnell aufdecken, Prozesse optimieren und dadurch Kosten senken.

Als Datengräber beschäftigten sich die drei Unternehmensgründer Klenk, Nominacher und Rinke schon während ihrer Zeit an der TU München. Jeder studierte damals ein anderes Fach: Rinke Mathematik, Klenk Informatik und Nominacher Wirtschaftsinformatik und BWL. Ihre Wege kreuzten sich in der studentischen Unternehmensberatung der TU, der Academy Consult München.

Die bekam einen ersten Auftrag vom Bayerischen Rundfunk (BR), der seine internen Serviceprozesse analysiert haben wollte. Die drei wundern sich bis heute, dass ein solcher Auftrag an Studenten ging.

Doch die Entscheidung war offensichtlich richtig. Die Studentenberater lieferten so gute Arbeit ab, dass sich innerhalb Münchens bis zum Siemens-Konzern herumsprach. Der fragte sogleich an, ob die Youngster nicht mal die Einkaufsprozesse untersuchen könnten. Die drei kratzten ihre Ersparnisse zusammen und gründeten Celonis.

Während der Arbeit für Siemens Börsen-Chart zeigen kam ihnen die Erleuchtung: "Es machte bei uns klick." Sie erkannten, dass sich mit ihrer Software so ziemlich alle Bereiche eines Unternehmens analysieren ließen.

Verglichen mit traditionellen Consultants, die viele Gespräche führen müssen, um Schwachstellen aufzudecken, ist die Celonis-Truppe deutlich schneller und effizienter. "Wir gehen einfach in den Serverraum", sagt Rinke, "schauen uns die Daten an und legen unsere Software drüber."

Spätestens nach zwei Wochen kann Celonis seinen Auftraggebern zeigen, wo es in der Supply-Chain zu Lieferverzögerungen kommt, warum die Lagerbestände so hoch sind, wieso Bestellungen so lange dauern. Diese Erkenntnisse bringen den Herstellern Produktivitätsgewinne von bis zu 30 Prozent.

Und so ist die Schar der Celonis-Kunden inzwischen recht groß. An der Wand im Flur hängen deren Logos: ABB Börsen-Chart zeigen, Bayer Börsen-Chart zeigen, Edeka, Nestlé Börsen-Chart zeigen, RWE Börsen-Chart zeigen, Vodafone Börsen-Chart zeigen und fast alle öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Große Namen.

Aber auch Kleinere werden bedient. Stolz zeigt Rinke ("Das ist keine bezahlte Werbung") ein Video des Elektronikgroßhändlers Schukat aus Monheim mit rund 150 Mitarbeitern. Darin singt die Geschäftsführung Lobeshymnen auf Celonis: Erst deren Software habe ihre Prozesse transparent gemacht. Man sei überzeugt, dass in ein paar Jahren jedes Unternehmen Celonis brauchen werde.

Dieses Potenzial, die Software über alle Branchen hinweg global verkaufen zu können, macht Celonis (der Name leitet sich ab vom griechischen "celos", was für eifern und streben steht) zu einem High Potential.

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