Mittwoch, 20. November 2019

Rapunzel Bio? Logisch!

Rapunzel-Gründer Joseph Wilhelm: "Wir waren deshalb so erfolgreich, weil ich keinen Businessplan hatte."

2. Teil: Der zentrale Erfolgsfaktor

Ein anderer zentraler Erfolgsfaktor: "Unsere Nähe zur Landwirtschaft", erklärt Wilhelm. Er verstehe deren Probleme, ob das vor der Haustür im Allgäu ist oder in Bolivien oder in der Türkei. Er reist viel, braucht und will den Kontakt zu den Bauern.

An den Wänden im Treppenaufgang hoch zu seinem Büro hängen Aufnahmen von ihm auf Feldern und Plantagen in Peru oder der Türkei. Ende Oktober erst war er wieder einmal in Indien und schaute bei den Reisbauern und seinen Cashewnussproduzenten vorbei. "Zu 95 Prozent kaufen wir unsere Rohstoffe von Leuten, die wir persönlich kennen", sagt Wilhelm. Auch seine 30 Einkäufer sind ständig vor Ort, beraten und kontrollieren.

Ein Aufwand, der sich zu lohnen scheint. Der direkte Rohstoffeinkauf ist laut Wilhelm jedenfalls eines der wichtigsten Differenzierungsmerkmale zur Konkurrenz.

Seit Anfang der 90er Jahre gibt es bei Rapunzel das Projekt Hand in Hand, eine enge Kooperation mit rund 20 Partnern in Asien, Afrika und Südamerika. Den dortigen Bauern brachten Wilhelm und seine Mitarbeiter die Grundlagen ökologischer Landwirtschaft bei. Der Unternehmer nennt das sein kleines privates Entwicklungshilfeprogramm.

Am intensivsten ist der Kontakt in die Türkei. In der Nähe von Izmir hat Rapunzel sogar einen eigenen Standort. 550 Bauern bauen nur für den Biohersteller an - von Feigen über Pinienkerne bis Sultaninen. Die Produkte werden vor Ort sofort weiterverarbeitet. Allein in der Türkei beschäftigt Wilhelm sieben Agraringenieure, die jeden Monat bei den Bauern vor Ort vorbeischauen und prüfen, ob die strengen Regeln der ökologischen Landwirtschaft eingehalten werden.

Bei Rapunzel haben sie eine systematische Lieferantenbewertung. Die Vorprodukte werden ständig untersucht, bei Auffälligkeiten wird dem betroffenen Lieferanten umgehend ein Besuch abgestattet.

Ökoprodukte sind teuer und haben einen hohen Qualitätsanspruch. "Bio ist stärker in der Schusslinie", sagt Wilhelm, "deshalb müssen wir diesen Aufwand für die Qualitätskontrolle leisten."

Der Pionier glaubt fest an die Zukunft des Biosegments. Aus diesem Grund hat er auch den Hersteller Zwergenwiese (100 Mitarbeiter, 20 Millionen Euro Umsatz) übernommen. Fast entschuldigt sich Wilhelm für den Zukauf, soll bloß niemand denken, er benehme sich wie ein gefräßiger Konzern. Er wollte nur der Besitzerin Susanne Schöning, die er gut kennt und die nicht mehr weitermachen wollte, einen Gefallen tun. "Das war keine Übernahme, sondern eine Weiterführung", rechtfertigt sich Wilhelm.

Lieber wächst Rapunzel organisch - so wie die Salate auf seinen Feldern. Und da sieht der Patriarch noch reichlich Potenzial. Biowaren erzielen im Lebensmitteleinzelhandel gerade mal einen Marktanteil von knapp 6 Prozent. Wilhelm glaubt an eine positive Wachstumsspirale. Durch die steigenden Absatzmengen würden Bioprodukte tendenziell günstiger, was wiederum neue Käuferschichten anlocke.

Würde es angesichts des Booms nicht Sinn ergeben, die Rapunzel-Produkte in eigenen Läden zu verkaufen, zurück zu den Wurzeln zu gehen? Wilhelm hat darüber bereits nachgedacht. Inzwischen kommen Rapunzel-Filialen für ihn jedoch nicht mehr in Betracht. Er möchte seinen wichtigsten Kunden, großen Ketten wie Alnatura oder Bio Company, keine Konkurrenz machen. Aber: "Einige Flagship-Stores, so eine Art Rapunzel Cafés", sagt er, "könnten wir uns schon vorstellen, um die Marke zu stärken."

Womöglich treffen solch strategische Entscheidungen seine Kinder. Sohn Leonhard, der in St. Gallen studierte, arbeitet seit Längerem im Verkauf und wird wohl bald Abteilungsleiter. Tochter Seraphine betreut von Berlin aus jetzt bereits den Instagram-Kanal.

Übersicht: Das sind die Entrepreneure des Jahres

Wenn sich Joseph Wilhelm irgendwann auf seinen Bauernhof zurückzieht und gemeinsam mit seiner Restlebensgemeinschaft nur noch Gemüse anbaut und die Pinzgauer Mutterkühe füttert, hat er mit seinem Lebenswerk mehr erreicht hat als viele andere, berühmtere Alt-68er. Die mögen Adorno oder Marx zitieren können, er kann sich aus eigenem Anbau ernähren.

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