Freitag, 18. Oktober 2019

Entrepreneur des Jahres - Pilz Sicherheitstechnik Hausfrau, Mutter, Witwe = Unternehmerin des Jahres

Entrepreneure des Jahres 2017: Ausgewählte Finalisten
Thomas Pirot für manager magazin

2. Teil: Pilz Denkfabrik 4.0

All diese Innovationen waren nur möglich, weil Pilz einen enorm hohen Aufwand für Forschung und Entwicklung betreibt. Das hatte schon der verstorbene Peter Pilz so gehandhabt, seine Witwe Renate blieb der Tradition treu. Rund 550 der über 2200 Beschäftigten arbeiten in der Entwicklung, knapp 20 Prozent der Erlöse fließen in den F&E-Topf.

Der Aufwand lohnt sich - auch innerbetrieblich. Ohne das innovative Image würde sich Pilz in der Tüftlergegend rund um Stuttgart schwertun, gegen so beliebte und übermächtige Arbeitgeber wie Bosch, Daimler oder Porsche zu bestehen. Zudem punktet der Mittelständler mit den klassischen Vorteilen einer Familienfirma: Gemeinschaftsgefühl, offene Kommunikation (die Quartalszahlen hängen stets am Schwarzen Brett) und flache Hierarchien.

Renate Pilz hält nicht viel von hierarchischem Denken. Die bekennende Christin ist im Bund Katholischer Unternehmer aktiv. Gebote wie "Achte deinen Nächsten" versucht sie auch in ihrer Firma zu praktizieren. "Zu mir kann jeder mit seinen persönlichen Problemen kommen. Nur bei technischen Problemen sollte er lieber zu seinem Vorgesetzten gehen."

Seit über zehn Jahren arbeiten auch die beiden Kinder von Renate Pilz in der Geschäftsführung mit, im Unternehmen sind sie freilich schon länger. Sohn Thomas (50) hat zuvor Betriebswirtschaftslehre in Passau studiert, Tochter Susanne Kunschert (47) in Regensburg. Jeder hat unterschiedliche Aufgaben und führt seine Bereiche, sie sitzen aber gemeinsam mit ihrer Mutter in einem Büro, Schreibtisch an Schreibtisch.

Ihr großes gemeinsames Thema: Industrie 4.0. Heute ein Modewort, bei Pilz schon seit vielen Jahren das große Ziel. "Das Umdenken hat bei uns schon vor Jahren begonnen", lange bevor der Begriff erfunden wurde, sagt Tochter Susanne. "Wir haben eine der ersten Industrie-4.0-tauglichen Steuerungen auf den Markt gebracht."

In der "Pilz Denkfabrik 4.0" tüfteln Mitarbeiter aus Produktion und IT gemeinsam an Lösungen für die vernetzte Fabrik. Denn die Produkte von Pilz sind wie gemacht für diese neue Fertigungswelt. Matriarchin Renate sieht daher allerbeste Chancen, in den nächsten gut zehn Jahren beim Umsatz die Milliardenmarke zu knacken.

Diese Expansion wird sie allerdings aus ihrem Haus in Esslingen verfolgen. Zum Jahresende 2017 gibt Renate Pilz den Chefposten ab. Nicht allein, weil ihr zwölfjähriger Enkel kürzlich zu ihr sagte: "Oma, 77 ist doch eine schöne Zahl zum Aufhören." Die Erkenntnis war schon vorher in ihr gereift: "Genug ist genug. Ich wollte eigentlich schon mit 75 aufhören."

Kann sie das wirklich, nach den vielen Jahrzehnten? Oder wird sie als graue Eminenz weiter mitwirken? Sie wehrt ab: "Ich kann loslassen, werde mich ganz bestimmt nicht einmischen."

Sie will keine Gedanken mehr an Bits, Clouds und Industrie 4.0 verschwenden, sondern endlich ausgiebig klassische Musik hören. Ihre geliebten Werke von Bach, Mozart und Händel. "Dessen ,Messias' ist für mich wie eine Droge."

Übersicht: Das sind die Entrepreneure des Jahres

Nachfolgen werden ihr die beiden Kinder, die ja längst bestens vorbereitet sind. Auch für den Nachwuchs gilt das, was schon die Mutter in Erinnerung an den Vater immer beherzigt hat: Wir verkaufen unsere Produkte, aber nicht unser Unternehmen.

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