Sonntag, 31. Mai 2020

Weiterer Abgang bei Medien-Start-up Edition F steckt in der Krise

Susann Hoffmann (l.) und Nora-Vanessa Wohlert haben Edition F vor fünf Jahren gegründet

Für viele kam die Nachricht überraschend. Von einer "wilden Reise", die nun zu Ende gehe, schrieb Silvia Follmann, Redaktionsleiterin des Online-Frauenmagazins Edition F, auf Twitter. Nach fünfeinhalb Jahren, so Follmann, habe sie sich entschlossen, Edition F zu verlassen. Die Kündigung liegt Insidern zufolge indes schon Wochen zurück; die Journalistin geht offenkundig, ohne einen neuen Job zu haben.

Für Edition F, das Start-up, das in wenigen Jahren eine hohe Markenbekanntheit und ein großes Netzwerk aufbauen konnte, beschert der Abgang, den Follmann Ende vergangener Woche öffentlich machte, eine weitere Negativ-Schlagzeile. Follmann hatte die redaktionelle Verantwortung offiziell erst im Juli von der ehemaligen Chefredakteurin Teresa Bücker (35) übernommen, die ebenfalls ohne Anschluss-Job ging. Es war also ein ungewöhnlich kurzes Intermezzo. Was sofort auffiel: Auf Twitter dankte Follmann der Redaktion - erwähnte ihre Chefinnen, die Edition-F-Gründerinnen Susann Hoffmann (37) und Nora-Vanessa Wohlert (34), aber mit keinem Wort.

Edition F traf zu Beginn einen Zeitgeist

Die derzeitige Entwicklung bei Edition F wird über die Branche hinaus mit Interesse verfolgt. Neben der Unternehmensberatung Kienbaum investierten am Anfang bekannte Namen der Berliner Digitalszene wie Christoph Bornschein (TLGG) oder Verena Pausder (Fox&Sheep) rund 855.000 Euro in das Projekt. Nachdem das Geld 2017 größtenteils aufgezehrt war, folgte eine Crowdfunding-Kampagne auf der Plattform Startnext, wo 3000 Nutzer über 380.000 Euro für eine neue Onlineakademie, die Female Future Force Academy, überwiesen. Mangels Erfolgs wurde diese im März eingestellt, acht Mitarbeiterinnen mussten gehen.

Jetzt verlässt auch Follmann Edition F: Sie war eine der allerersten Mitarbeiterinnen des Magazins, das sich - so schien es - als eines von wenigen deutschen Medien-Start-ups einigermaßen etabliert hatte. Selbst große journalistische Digitalmarken wie Vice oder Buzzfeed gerieten zuletzt in die Krise. Da war es bereits ein Erfolg, dass Edition F überhaupt so lange überlebt hatte.

Die Website ging 2014 als "Business-Lifestyle-Plattform" für Frauen an den Start. Eine Nische, die genau den Zeitgeist traf. Die Artikel behandelten Themen wie Karriere, Politik und Familie - aber aus weiblicher Perspektive. Edition F wolle "ein digitales Zuhause für Frauen" sein, "die sich beruflich verwirklichen wollen", sagte Co-Gründerin Wohlert einmal. Später kamen gesponserte Veranstaltungen und die Onlineakademie hinzu.

Die finanzielle Lage ist mindestens angespannt

Vor allem Ex-Chefredakteurin Bücker sorgte dafür, dass die Website bekannter wurde. Sie war es, die Edition F in öffentlichen Debatten zu Relevanz verhalf. Mit ihren Beiträgen über Diskriminierung oder Gleichberechtigung im Job gewann Bücker eine wachsende Fangemeinde. Allein auf Twitter folgen ihr 58.200 Nutzer. Ein breiteres Publikum lernte sie vor allem durch Talkshowauftritte kennen. Sie war bei "Maischberger" oder im Presseclub zu sehen, bei "Anne Will" stritt sie mit Philipp Amthor (CDU) über Abtreibung. Die Folge: Bücker ist heute eine Institution, wenn es um feministische Themen geht.

Edition F profitierte jedoch kaum von diesem Aufstieg. Jedenfalls geschäftlich. Das Start-up finanziert sich vor allem über Werbung, was angesichts der geringen Nutzerzahlen mindestens herausfordernd ist. Mehrere "Branded Content"-Kampagnen für Konzernkunden wie Mercedes oder McKinsey, bei denen sich die Gründerinnen zum Teil sogar selbst als Protagonistinnen andienten, reichten jedenfalls nicht, um dauerhaft schwarze Zahlen zu schreiben. So waren Hoffmann und Wohlert immer wieder auf Risikokapital angewiesen - das sie beispielsweise über die Crowdfunding-Kampagne sammelten.

Mit den Abgängen von Bücker und Follmann stellt sich nun mehr denn je die Frage, ob das Start-up mit dem bisherigen Konzept überleben kann. Insidern zufolge ist die finanzielle Lage mindestens angespannt. Vor allem die bereits überwiesenen Sponsorengelder für eine eintägige Konferenz im Oktober halten Edition F demnach derzeit über Wasser. Dazu passt, dass die Gründerinnen bereits im Mai dazu aufriefen, "schon heute" ein Ticket für die Veranstaltung zu kaufen.

Im Oktober soll eine neue Chefredaktion präsentiert werden

Hoffmann stellt die Situation auf Anfrage anders dar: Event-Sponsoring und Werbung würden die Firma zu gleichen Teilen tragen, die Liquidität von Edition F sei "über sechs Monate hinaus gesichert". Eine neue Chefredaktion wolle man im Oktober präsentieren.

Mit begrenzten Mitteln dürfte es allerdings schwierig werden, eine Redaktion aufzubauen, die wieder mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht. Derzeit arbeiten laut Hoffmann nur noch drei fest angestellte Redakteure für Edition F. Auch die jüngsten Abgänge sprechen nicht gerade für Arbeitsbedingungen, unter denen es journalistisch wieder bergauf gehen könnte.

Mit der Relevanz dürfte sich indes früher oder später auch das Geschäftsmodell auflösen.

Hinweis der Redaktion: Edition F und manager magazin haben zeitweise im Rahmen einer Inhalte-Partnerschaft zusammengearbeitet.

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