Dienstag, 16. Juli 2019

Gut einen Monat nach deutschlandweitem Start Allianz verlangt gesonderte Erfassung von E-Roller-Unfällen

Legale Leihroller: Diese Scooter-Dienste sind in Deutschland am Start
DPA

Seit Juni rollen die zumeist knallfarbig gehaltenen Elektroroller der Verleiher auch durch deutsche Städte. Erste Meldungen über schwere Unfälle teils sogar mit Todesfolge lassen aufschrecken - auch deshalb, weil im Vorfeld viel über die neuen Verkehrsmittel diskutiert und gestritten wurde.

Nun mischt sich mit der Allianz Europas größter Versicherer in die Diskussion über die Gefahren von Elektro-Tretrollern ein: Die Polizei sollte Unfälle mit E-Scootern deutschlandweit als eigene Kategorie in ihre Statistiken aufnehmen, fordert das Unternehmen. "Nur so können die Sicherheitsexperten von Beginn an typische Unfallmuster erkennen und frühzeitig Gegenmaßnahmen empfehlen", schreibt der Versicherer.

Und die Versicherer damit das Risiko für das eigene Geschäft besser kalkulieren, ist man geneigt zu ergänzen. Denn für den Betrieb eines E-Rollers ist in Deutschland der Abschluss einer Kfz-Haftpflichtversicherung zwingend vorgeschrieben. Zwar gehen die Unfallforscher der Allianz selbstredend von mehr Unfällen sowohl bei Kollisionen als auch bei Alleinunfällen aus. Bei der Kalkulation der Prämie stochern die Unternehmen derzeit aber noch im Nebel. Schließlich gibt es noch keine verlässlichen und über einen längeren Zeitraum erhobene Unfalldaten, die grundlegend für die Prämienkalkulation sind.

Experten schätzen das Potential für E-Roller auf 24 Millionen Stück in Deutschland. Folglich umkämpft ist der Markt auch unter Versicherern, die teils mit niedrigsten Prämien um eine vergleichsweise junge Klientel wetteifern - und die, so die Hoffnung, dann später auch andere Versicherungsprodukte kaufen.

Kalkuliert ein Versicherer aus Wettbewerbsgründen zu günstig, kann das Geschäft mit E-Rollern im Schadensfall allerdings schnell zum Minusgeschäft werden, warnen Experten. Das Flottengeschäft mit großen Verleihern berge hier besondere Risiken, sagen sie.

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Die Allianz behauptet, dass die meisten E-Roller-Fahrer in Deutschland "wie schon beim Pedelec völlig ungeübt mit dem neuen Gefährt und seinen fahrdynamischen Eigenschaften" seien.

Eine Studie zu den E-Rollern hat die Verkehrsbehörde von Portland im US-Bundesstaat Oregon verfasst: Während einer viermonatigen Testphase 2018 gab es in Portland 176 E-Scooter-Fahrer, die nach schweren Unfällen in den Notaufnahmen der örtlichen Krankenhäuser behandelt werden mussten. Leichtere Unfälle wurden nicht ausgewertet. Bezeichnend in der Studie ist die Feststellung, dass 90 Prozent der Elektrorollerfahrer während des Untersuchungszeitraumes keinen Helm getragen hätten.

Experte: US-Unfallstudien lassen sich nicht so ohne weiteres übertragen

In dem Untersuchungszeitraum hatten 2043 E-Roller in 700.000 Fahrten rund 800.000 Meilen zurückgelegt im Stadtgebiet von Portland und Umgebung. Das entsprach im Schnitt etwa 1,15 Meilen pro Fahrt. Eine vergleichende und abschließende Aussage zur Verletzungsgefahr mit diesem Verkehrsmittel lässt die Studie allerdings nicht zu. So wurde zwar für den Untersuchungszeitraum auch die Zahl der schweren Unfälle mit Fahrrädern registriert (429), doch fehlten hier zum Beispiel entsprechende Basisdaten wie Anzahl der Fahrten oder gefahrene Kilometer.

Mehr Unfälle durch E-Scooter erwartet auch der Leiter der Unfallforschung beim Gesamtverband Deutsche Versicherungswirtschaft (GDV). "Wir werden höhere Unfallzahlen mit Rollern sehen, das ist klar", sagte Siegfried Brockmann im Interview mit manager-magazin.de.

Erste Studien aus den USA zu Unfällen mit E-Rollern, wie zum Beispiel auch jene aus Austin (Texas), ließen sich aber nicht verallgemeinern und nicht auf hiesige Verhältnisse so ohne weiteres übertragen.

"Entscheidend wird sein, wie viele E-Roller wird es geben, wie oft und lange werden sie benutzt. Aussagekräftig kann nur eine kilometerbezogene Risikobetrachtung sein. Und dann werden wir die Frage beantworten müssen, steht das in einem Verhältnis zu dem, was wir akzeptieren können oder nicht", sagte Brockmann, der zugleich Vorstandsmitglied des Deutschen Verkehrssicherheitsrates ist.

mit dpa

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