Mittwoch, 8. April 2020

Durchbruch für Digitalisierung Wie Corona die Arbeitswelt langfristig verändert

Homeoffice: Tausende Firmen und ihre Mitarbeiter nutzen jetzt die neuen Möglichkeiten
Daniel Naupold/dpa
Homeoffice: Tausende Firmen und ihre Mitarbeiter nutzen jetzt die neuen Möglichkeiten

Seuchen und Krankheiten waren in der Menschheit schon immer ein Antrieb für Veränderungen. So wie heute das Coronavirus möglicherweise eine Abkehr von der Globalisierung zur Folge hat, wurde auch die Pest im Mittelalter zunächst primär als Handelshindernis gesehen. Langfristig jedoch haben verheerende Epidemien oft auch gesellschaftliche Folgen: So waren Großgrundbesitzer und Unternehmer nach der Pest gezwungen, höhere Löhne zu zahlen - bedingt durch den Arbeitskräftemangel. Langfristig wurde die Pest damit zu einem Wegbereiter der Neuzeit.

Auch Corona verursacht aktuell Nebenwirkungen, die auf einen grundlegenden Wandel der Gesellschaft hindeuten: Die Wirtschaft wird per Schleudersitz in die digitale Zukunft befördert.

Schlechte Zeiten für Bedenkenträger

Jens-Uwe Meyer
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    Dr. Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
    www.jens-uwe-meyer.de

Über Jahre wurde in vielen Unternehmen diskutiert, ob Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Homeoffice machen dürfen. Und die geballte Front der Bedenkenträger blockierte es:

  • das Management, das sich einfach nicht vorstellen konnte, dass jemand zu Hause produktiv sein kann,
  • der Betriebsrat, die Datenschutzbeauftragten und die Verantwortlichen für IT-Sicherheit erhoben Einwände,
  • und schließlich stand auch noch die Arbeitssicherheit im Weg: Für jeden Heimarbeitsplatz musste erst eine Gefährdungsbeurteilung durchgeführt werden. Geht sonst nicht.

Corona zwingt viele Unternehmen und Institutionen jetzt dazu Innovation voranzutreiben. Arbeiten im Homeoffice wird selbst dort zur Pflicht, wo es noch vor wenigen Wochen verboten war.

Beamte, die dem Onlinezugangsgesetz und der E-Akte, also der Digitalisierung der Verwaltung, noch bis vor wenigen Wochen skeptisch gegenüberstanden, stellen auf einmal fest, dass sie problemlos von zu Hause weiterarbeiten könnten, wenn das Amt endlich von Papier auf digital umstellen würden. Und es wäre doch eigentlich auch ganz praktisch, wenn die Bürger*innen beim Schlangestehen in der Verwaltung keine Viren verbreiten könnten.

Paradigmenwechsel in Rekordzeit

Regelmäßig wurde auf Kongressen und Veranstaltungen darüber lamentiert, dass deutsche Unternehmen und Institutionen bei der Digitalisierung weit hinter der internationalen Konkurrenz zurückliegen. Transformation im Schneckentempo. Vielerorts haben Bedenkenträger über Jahre den Fortschritt ausgebremst.

  • Meetings als Webkonferenzen durchführen? Geht nicht, weil die IT-Sicherheit Bedenken hat und es an vielen ländlichen Standorten kein schnelles Internet gibt.
  • Die Einführung von Kollaborationssoftware? Ist ein langwieriger Prozess, weil er ein Umdenken im gesamten Unternehmen erfordert und alle Mitarbeiter*innen mitgenommen werden sollen. Gaaanz langsam.
  • Kundenbetreuung online? Kann doch gar nicht funktionieren!

Ein kleines Virus hat jetzt geschafft, was Heerscharen von Changemanagement-Programmen nicht erreicht haben: Corona macht innerhalb weniger Tage möglich, was vorher undenkbar war. Plötzlich drehen sich die Diskussionen um ganz andere Fragen:

  • Über welches Videokonferenztool können wir Onlinekonferenzen am besten gestalten?
  • Wie schnell können wir Tools aktivieren, mit denen unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von zu Hause arbeiten können?
  • Und müssen Bürger noch persönlich auf dem Amt erscheinen? Natürlich nicht, sie können ihren Antrag ab sofort auch per E-Mail einreichen.

So schnell hat die Arbeitswelt schon lange keinen Paradigmenwechsel mehr durchlaufen. Ein Psychotherapeut würde das, was Unternehmen und Behörden gerade erleben, wohl als Konfrontationstherapie bezeichnen: eine unmittelbare Auseinandersetzung mit angstauslösenden Reizen, in diesem Fall mit Innovation und Digitalisierung.

Corona lässt Bedenkenträger alt aussehen

Die erstaunliche Erkenntnis dabei: Alles das, was Bedenken bis vor wenigen Wochen noch mit "Geht nicht!" abstempelt haben, geht auf einmal doch.

  • Mitarbeiter brauchen keine monatelangen Changeprogramme, um sich mit Kollaborationstools anzufreunden.
  • Die Produktivität bricht nicht zusammen, weil die Leute von zu Hause arbeiten.
  • Und manche Dienstreise, die gestern noch ultrawichtig war, entpuppt sich heute als verzichtbar.

Man könnte das, was wir gerade erleben, als Corona-Wirtschaft bezeichnen: Ein gewaltiges Experiment, das zeigen wird, wie digitale Ökonomie funktionieren kann. Nicht jede oder jeder wird anschließend von zu Hause arbeiten. Und natürlich wird es irgendwann auch wieder Dienstreisen geben. Ämter und Behörden werden ihre Papierakten und Besuchermarken nicht gänzlich aufgeben. Und auch die Fachkraft für Arbeitssicherheit wird zu Recht irgendwann wieder Bedenken äußern dürfen. Nichtsdestotrotz erleben aktuell Millionen von Deutschen und Tausende von Unternehmen, wie sich der Sprung in die digitale Zukunft anfühlt. Und das wird sich nicht so einfach wieder zurückdrehen lassen.


Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder. Meyers neues Buch "Digitale Gewinner" ist jetzt erhältlich.

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