Digitalisierung im Gesundheitswesen Was Ärzte von Künstlicher Intelligenz und Telemedizin halten

Digitalisierung in der Medizin: Blutdruckwerte lassen sich per Smartphone an einen Arzt übermitteln, der dann gegebenenfalls über Online-Video-Schaltung berät

Digitalisierung in der Medizin: Blutdruckwerte lassen sich per Smartphone an einen Arzt übermitteln, der dann gegebenenfalls über Online-Video-Schaltung berät

Foto: Hendrik Schmidt/ picture alliance / Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

Die Digitalisierung greift auch in die Medizinbranche ein: Das ist politisch so gewollt und gesetzlich zum Teil bereits verankert . Den Beweis dafür tragen die Versicherten längst mit sich: die elektronische Gesundheitskarte. Die Karte mit Lichtbild speichert bereits die Stammdaten des Patienten. Sie soll um Anwendungen wie zum Beispiel Medikationsplan, Notfalldaten oder die elektronische Patientenakte ergänzt werden - alles zum Wohle des Patienten und die Daten gut geschützt, lautet zumindest die Absicht.

Digitale Gesundheitsanwendungen per App als kassenärztliche Leistung (ab 2020), elektronische Patientenakte und E-Rezept (ab 2021), Online-Sprechstunde und Telemedizin (bereits möglich) - wenn die notwendige Infrastruktur erst mal steht, könnten die neuen Angebote das Gesundheitswesen umkrempeln, sagen Experten voraus. Gesetze sollen einen verbindlichen Rahmen schaffen und damit den digitalen Wandel mit vorantreiben.

Unternehmen wie Amazon  sehen große Chancen darin, wollen den Markt für elektronische Gesundheitsdienste frühzeitig besetzen. Auch hierzulande bringen sich Unternehmen in Stellung - können Versicherte von 33 Krankenkassen mit der App "Vivy" zum Beispiel bereits ihre medizinischen Dokumente verwalten oder sich an Arzttermine und Medikamenteneinnahme erinnern lassen.

Doch Vorsicht ist angezeigt, vor allem dort, wo es um die Sicherheit und Zugänglichkeit der Daten von Patienten geht. Kürzlich erst wurde bekannt, dass Millionen sensible Patientendaten - auch deutscher Versicherter - teils über Jahre ungeschützt auf Internetservern lagerten .

Daher fordert die Bundesärztekammer , dass die Speicherung und der Transfer der Daten streng gesichert sein müssen. Überhaupt sehen Ärzte und ihre Standesvertretungen viele Fragen der Digitalisierung im Gesundheitswesen noch nicht geklärt:

Wenn etwa Gesundheits-Apps den Weg in die Regelversorgung finden sollen, müssen Ärzte sie zuvor in jedem Fall verordnen, oder können Krankenkassen sie direkt an die Versicherten geben? Können Ärzte verpflichtet werden, diese Daten auszulesen und zu nutzen? Wer prüft valide den tatsächlichen Nutzen solcher Anwendungen? Wer haftet eigentlich dafür, wenn Apps falsch genutzt werden? Wo unterstützt Künstliche Intelligenz (KI) den Arzt, wo ersetzt sie ihn?

Vieles was Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hier vorantreibe, sei in seinen möglichen Konsequenzen noch nicht zu Ende gedacht, lautet die Kritik. Dass Politik, Krankenkassen und Ärzte in diesem Prozess teils unterschiedliche Interessen verfolgen, liegt auf der Hand.

Glaubt man einer repräsentativen Umfrage durch das Institut für Demoskopie im Auftrag des Finanzdienstleisters MLP, versprechen sich die Ärzte von der fortschreitenden Digitalisierung vor allem Lösungen für den wachsenden bürokratischen Aufwand, den 80 Prozent als das größte Problem in ihrer Tätigkeit sähen. Mehr als die Hälfte der Ärzte rechne gleichwohl damit, dass die Digitalisierung die Medizin grundlegend ändern werde.

Knapp die Hälfte (47 Prozent) der befragten Mediziner bewertet Künstliche Intelligenz (KI) als Chance, 38 Prozent sehen darin eher Risiken - den möglichen Auswirkungen der KI auf ihre Arbeit steht die Ärzteschaft also offensichtlich gespalten gegenüberstehen. Gleichwohl eint sie weitgehend die Überzeugung, dass der technische Fortschritt die ärztliche Expertise nicht ersetzen können wird: 83 Prozent sehen die entscheidende Rolle in der Gesundheitsversorgung künftig weiter bei menschlichen Ärzten.

Jeder dritte Deutsche würde Telemedizin nutzen, doch die Ärzte spielen nicht mit

Ein zentrales Element, mit dem die Politik via Gesetz die angestrebte Digitalisierung der Medizin vorantreiben will, ist der Auf- und Ausbau der Telemedizin . Das kann eine Online-Video-Sprechstunde sein, der fachärztliche Austausch zu digital übertragenen Röntgen- und CT-Aufnahmen (Telekonsile) oder auch die telemedizinische Überwachung der Funktionstüchtigkeit bestimmter kardiologischer Implantate.

Jeder dritte Deutsche würde Telemedizin in Anspruch nehmen ...

Glaubt man der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin  sind den Anwendungen und Dienstleistungen in der Telemedizin kaum Grenzen gesetzt . Eine andere Frage ist, ob sie es auch in den Leistungskatalog der Krankenkassen schaffen.

Folgt man besagter Umfrage, kann sich jeder dritte Deutsche vorstellen, telemedizinische Leistungen in Anspruch zu nehmen. Bei den 30-Jährigen und jünger ist es jeder Zweite. Ärzte sehen in der Telemedizin vor allem eine Antwort auf den Ärztemangel in ländlichen Regionen und bescheinigen ihr grundsätzlich mehr Vorteile (58 Prozent) als Nachteile (30 Prozent).

Tatsächlich aber bieten derzeit kaum Krankenhausärzte (4 Prozent) und noch weniger niedergelassene Ärzte (2 Prozent) telemedizinische Leistungen an und planen dies der Umfrage zufolge auch nicht (jeweils rund 87 Prozent). Sie begründen dies unter anderem mit der Erwartung steigender eigener Kosten und einem womöglich steigenden Verwaltungsaufwand.

... doch nur wenige Ärzte bieten telemedizinische Leistungen an

Viele der befragten Ärzte (54 Prozent) hegen auch die Erwartung, dass sich das Verhältnis zwischen Arzt und Patient durch die Telemedizin verschlechtern werde. Das trifft auf Krankenhausärzte gleichermaßen zu wie auf niedergelassene Mediziner. Nicht zuletzt zweifeln fast zwei Drittel (63 Prozent) der Ärzte, dass die Daten von Patienten bei telemedizinischen Anwendungen ausreichend geschützt werden können.

Doch wird die Telemedizin dem Patienten nutzen, werden Internet und Digitalisierung letztlich die Behandlungsmöglichkeiten verbessern? Die Hälfte der Ärzte erwartet dies, 46 Prozent der Mediziner dagegen nicht.

Immerhin: 57 Prozent der Ärzte glauben zumindest, dass sich die interdisziplinäre, fachübergreifende Versorgung der Patienten durch Telemedizin verbessern wird, 25 Prozent erwarten dagegen eher negative Auswirkungen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.