Mittwoch, 22. Mai 2019

Disruption als Wohlfühltriathlon - Negieren, Kopieren, Sanieren Wie MediaMarkt und Marriott den digitalen Wandel verbocken

MediaMarkt: Der Konzern steckt im digitalen Abstiegskampf - und hat jetzt ein Sanierungsprogramm gestartet

MediaMarkt und Marriott versuchen, den Anschluss an einen veränderten Markt wieder zu finden. Doch mit dem Wohlfühltriathlon Negieren-Kopieren-ein-bisschen-Sanieren laufen Unternehmen Gefahr, das Rennen gegen echte Innovatoren zu verlieren.

In dieser Woche kamen zwei Meldungen aus dem Land der digitalen Dinosaurier: Marriott will den Zimmervermittler Airbnb kopieren und zur ernsthaften Konkurrenz werden. Und MediaMarkt stellt sein Sanierungsprogramm vor. Was haben diese beiden Meldungen gemeinsam? Beide Unternehmen befinden sich im digitalen Abstiegskampf - nur dass der MediaMarkt Marriott bereits einen Schritt voraus ist.

Für klassische Unternehmen war digitale Disruption über lange Zeit nichts, womit man sich ernsthaft auseinandersetzen musste. Kein Wettkampf um die Märkte der Zukunft. Eher ein digitaler Wohlfühltriathlon. Mit den Disziplinen Negieren, Kopieren und Sanieren. Und manche denken bis heute, das würde reichen.

Back to the 90s: Der Charme morbider Geschäftsmodelle

Jens-Uwe Meyer
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    Dr. Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
    www.jens-uwe-meyer.de

Denken Sie bitte kurz zurück an den Ihren letzten Pauschalurlaub. Sie haben über einen bekannten Reiseveranstalter gebucht und wurden nach der Landung in ein Touristenhotel gebracht. Sie waren kaum angekommen, da kam bereits die Einladung: ein "Willkommensempfang mit der Reiseleitung".

Als gelernter Pauschaltourist wussten Sie sofort: Oh Gott! Eine Verkaufsveranstaltung! Der Ausflug in die Lederfabrik oder die Rundreise im überhitzten Bus mit Besuch eines "Original"-Dorfes der Ureinwohner. Oder der "einsame Traumstrand", den leider gerade 20 andere Touristengruppen bevölkern.

Jetzt überlegen Sie kurz. Wann genau war dieser Urlaub? Stimmt! Im Jahr 2019. Pauschalreisen sind immer noch das, was man liebevoll als "Back to the 90s" bezeichnen kann: ein lebendiges Museum, wie Reisen früher einmal war:

· Schlange stehen am Check-in-Schalter des kostenoptimierten Billigfliegers,

· eine zweistündige Busfahrt von Hotel zu Hotel, bei dem alle anderen Urlauber abgesetzt werden,

· der berüchtigte Empfang bei der Reiseleitung,

· der ausgedruckte Aushang, wann es wieder zur Abholung geht,

· und die noch längere Schlange beim Check-in am Flughafen der Urlaubsdestination.

Nicht zu vergessen die Souvenirs made in China und die Animationsabende mit einheimischer Folklore.

Airbnb ist nicht nur ein Buchungsportal

Diese Art des Pauschalurlaubs hat den klassischen Reiseveranstaltern jahrelang das Geschäft gesichert. Und es wäre auch die nächsten Jahre noch so weitergegangen, wäre nicht die Digitalisierung dazwischen gekommen. Denn diese bringt nicht nur neue technologische Möglichkeiten, sie verändert auch die Kundenbedürfnisse radikal. Airbnb ist nicht einfach nur ein Buchungsportal für Unterkünfte, es ist das Reiseprodukt des digitalen Lifestyle geworden.

Die Pauschalreise wirkt dagegen wie ein Relikt aus analogen Zeiten. So wie im MediaMarkt das Lebensgefühl der 90er Jahre omnipräsent ist - während bei Amazon der digitale Lifestyle regiert.

Wie konnte es dazu kommen? Airbnb hat in den USA gerade die Hilton-Gruppe überholt und sich ein Fünftel des privaten Übernachtungsmarkts genommen. MediaMarkt baut mehrere hundert Stellen ab. Beide Unternehmen könnten theoretisch als echte digitale Gewinner die Märkte beherrschen - wie beschreibe ich in meinem neuen Buch. Oder sie könnten untergehen.

Ihr Problem: Sie kämpfen einen digitalen Wohlfühltriathlon. Ein bisschen Disruption - weil es gerade wehtut. Mit dieser Einstellung verlieren traditionelle Unternehmen allerdings gegen aggressive Innovatoren.

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