Montag, 30. März 2020

Warum Digital Labs überschätzt werden Innovation in homöopathischer Dosis

Der Hype um coole Digitallabore ist verflogen: Sie haben bezogen auf die Zukunftsstrategie von Unternehmen maximal eine homöopathische Wirkung.

Stellen Sie sich kurz vor, Sie wollten wieder jung, schlank und schön werden. Natürlich sind Sie das bereits, es handelt sich um eine rein hypothetische Annahme ... Es gibt zwei Wege, das zu erreichen. 1. Sie setzen sich intensiv mit der Funktionsweise Ihres Körpers auseinander, treiben jeden Tag Sport, stellen Ihre Ernährung um und trinken ab sofort nur noch ausnahmsweise Alkohol. 2. Sie machen die nagelneue Pizzadiät. Das Versprechen: "Richtig angewendet brauchst Du keinen Sport machen, kannst alles essen und abends feiern ohne Limit."

Jens-Uwe Meyer
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    Dr. Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
    www.jens-uwe-meyer.de

Was würden Sie tun? Der normale Verstand sagt: Variante 1 ist der einzig mögliche Weg. Doch dann meldet sich der kleine Dämon im Ohr: "Geh doch den einfachen Weg. Machen Deine besten Freunde doch auch. Und außerdem ist Pizzadiät sowieso viel cooler als Sport und Gemüse."

Sollten Sie jetzt immer noch schwanken, flattert Ihnen mit Sicherheit schon bald die Studie einer namhaften Unternehmensberatung auf den Tisch: "Die Pizzadiät: Das Geheimnis erfolgreicher Manager und Managerinnen." Ihr Aufsichtsrat, Ihre Mitglieder aus dem Vorstand, alle haben diese Studie erhalten. Spätestens jetzt kippen Sie. Und entscheiden sich für - richtig - die Pizzadiät.

Digitallabore und Silicon-Valley-Reisen waren in den vergangenen Jahren so etwas wie die Pizzadiät der digitalen Transformation: schnelle Erfolge, coole Bilder, PR-trächtige Ankündigungen. Was daraus geworden ist, steht im aktuellen manager magazin: Vieles ist gescheitert.

Warum der Hype verflogen ist

Dass der Hype um die coolen Digitallabore verflogen ist, hat einen simplen Grund: Die Wildwestzeiten der Digitalisierung neigen sich mit Beginn des neuen Jahrzehnt endgültig dem Ende zu. Die vergangene Dekade, die Zehnerjahre, werden rückwirkend als die Zeit der blinden Euphorie in die Geschichtsbücher eingehen.

Ich erinnere mich an einen Workshop mit zwanzig Vorständen großer Konzerne zum Thema Digitalisierung. Einer sprang mitten in der Diskussion um künstliche Intelligenz euphorisiert auf und rief: "Vergessen wir alles, was bisher war. Wir klemmen ab sofort eine KI hinter alle unsere Prozesse!" Genau das war die Vorstellung: Menschen raus, künstliche Intelligenz rein, schon läuft der Laden von allein. Dass eine künstliche Intelligenz primär erst einmal doof ist und über Jahre hinweg mühsam angelernt werden muss ... Details ... Nur Details ...

Auch habe ich eine Woche lang Vorstände auf einer Reise durch das Silicon Valley begleitet. Die Euphorie war spürbar. Dummerweise kamen alle wieder zurück und fanden die gleichen trägen Organisationen vor, die sie wenige Tage zuvor zurückgelassen hatten. Tatsächlich war der Realitätsschock bei der Rückkehr drastisch. Eben noch mit euphorisierten technologiegläubigen Start-up-Gründern und -Gründerinnen zusammengesessen, jetzt zurück in der bürokratischen Einöde, in der jeder Anflug von agilem Projektmanagement durch IT-Richtlinien, Datenschutzbeauftragte, gesetzliche Rahmenbedingungen und den Betriebsrat stilvoll ausgebremst wird. Da greift man schnell zur Pizzadiät: ein Digitallabor in Berlin oder - wenn es etwas teurer sein darf - im Silicon Valley gründen, den Schlips abwerfen und die Presse einladen. Jungbrunnen auf Knopfdruck.

Digitallabore: Besser oder schlechter als ihr Ruf?

Wenn wir heute mit nüchternem Blick auf das schauen, was wirklich erreicht wurde, zeigt sich vor allem eines: Digitallabore sind okay, sie haben jedoch bezogen auf die Zukunftsstrategie von Unternehmen maximal eine homöopathische Wirkung. Denn die Hauptaufgabe können sie nicht lösen: Die träge schwerfällige Organisation in ein junges, agiles, flexibles Unternehmen zu verwandeln. Genau das wird die Arbeit der kommenden Jahre sein.

Deshalb sind die wichtigen Businesstrend 2020 kein neues hypervisionäres Zukunftsgedöns, sondern vor allem bodenständig: Es geht darum, Digitalisierungsfachwissen in die Abteilungen zu bringen, Technologie-Know-how bei Führungskräften zu verankern, die Zusammenarbeit zwischen den Treibern der Veränderung und den Bewahrern zu gestalten, neue Anwendungsfälle für Technologien wie KI und Blockchain zu entwickeln und so weiter. Nichts womit man Schlagzeilen machen kann.

Die Digitalisierung ist im Alltag angekommen, in der Normalität. Auch in Zukunft wird es Unternehmen geben, die Digitallabore in Berlin, in München, in Tel Aviv oder in Mountain View gründen. Das einzige, was anders sein wird als im vergangenen Jahrzehnt: Die Erwartungen werden realistischer sein. Auch junge, hippe Digital Natives im durchgestylten Loft können nicht übers Wasser gehen. Ähnlich wie bei einem homöopathischen Heilmittel, auf dem sinngemäß steht "Kann dazu beitragen, Ihr Wohlbefinden zu steigern" sollten Digitallabore künftig mit einem Zusatzhinweis versehen werden: "Können dazu beitragen, die Innovationsfähigkeit von Unternehmen unter Umständen leicht zu erhöhen." Mehr aber auch nicht.


Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder. Meyers neues Buch "Digitale Gewinner" ist jetzt erhältlich.

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