04.07.2019

Warum die Gute-Laune-Digitalisierung eine Farce ist

Macht den Leuten nichts vor!

Ein Gastkommentar von Panos Meyer

Getty Images

Schicke Büros und Pizza zur Begrüßung: Die neue digitale Arbeitswelt ist keine Party und Gute-Laune-Veranstaltung.

Nein, Digitalisierung ist keine Party. Nein, Veränderung ist nicht immer nur Spaß. Und nein, in Zukunft werden wir nicht alle im Home Office sitzen, drei Stunden am Tag arbeiten und dabei auch noch ein Schweinegeld verdienen. Wer solche Erwartungen weckt, der agiert entweder maximal unwissend oder maximal unseriös.

Digitalisierung made in Germany ist ein geradezu biblisches Paradies: Kaum einer muss mehr arbeiten, die Menschen sind nett zueinander, es geht allen gut und irgendwer backt immer einen leckeren Kuchen im Home Office. Diesen Eindruck zumindest gewinnt man, wenn man auf Twitter, Instagram und Co. den einschlägigen Meinungsführern zuhört. Bei Microsoft arbeitet man ganz "new workig" aus dem Bulli heraus, bei MediaSaturn spricht man großspurig über "agile IT und Scrum", obwohl es neulich für den Verkäufer im Markt bereits eine große Herausforderung war, mir den Preis einer nicht ausgezeichneten Kaffeemaschine zu nennen. Und die Versicherung LV 1871 begrüßt ihre neuen coolen Mitglieder standesgemäß mit einer Pizza.

Den Diskurs über die Digitalisierung in Deutschland bestimmen gut bezahlte Corporate Influencer mit siebenzeiligen LinkedIn -Jobbeschreibungen. Diese selbsternannten Propheten posten luftige Buzzword-Girlanden, Emoticons, Bilder von akkurat bemalten Flipcharts, alle lächeln, Hashtag #newwork. All diese anstrengend unangestrengten Mit-dem-Selfiestick-im-Coworking-Space-Rumsteher sollen vor allem eines vermitteln: Läuft bei uns. Digitalisierung, neue Geschäftsmodelle, New Work, alles kein Thema, alles easy. Sich gegenseitig retweetend, stilisieren sich die Digital Evangelists zu Vordenkern einer digitalen Welt von morgen und sagen doch: nichts. Rein gar nichts.

Werbung statt Wertschöpfung

In Wahrheit sind all diese Feel-Good-Dampfplauderer und Positivity Spreader nichts als plumpe Werbemittel, die lediglich etwas geschickter getarnt sind als eine Litfaßsäule. Doch viel zu häufig werden diese vermeintlichen Meinungsführer nicht als das wahrgenommen, was sie sind - nämlich Werbeträger -, sondern als ernsthafte Botschafter einer neuen Arbeitswelt, die vermeintlich Antworten auf zentrale Fragen der Wertschöpfung von morgen liefern können - eine Farce.

Wir stellen sie auf Konferenzbühnen und lassen uns von ihnen beraten, als wäre die Digitalisierung in erster Linie ein Kommunikationsthema und nicht eine grundlegende strategische Fragestellung. Wer die digitale Transformation seines Unternehmens ernsthaft angehen will, muss zunächst sehr grundsätzlich seine eigenen Strukturen analysieren und überdenken, analoge Prozesse in digitale transformieren und anschließend auf Basis dieser Introspektion neue Geschäftsmodelle entwickeln. Wer Beratern glaubt, die etwas anderes behaupten, braucht nicht einmal Wettbewerber, um langfristig unterzugehen.

Digitalisierung ist keine Cupcake-Party

Nun könnte man über das Influencertum und die fragwürdige Verschleierung von Werbebotschaften diskutieren, doch das Problem reicht tiefer, viel tiefer: Je stärker wir uns eine Gute-Laune-Digitalisierung als Scheinwirklichkeit aufbauen und je mehr Konzerne ihr Heil in einem bunten Fassadenanstrich suchen, desto böser wird das Erwachen in einigen Jahren sein. Nein, Digitalisierung ist keine Party. Nein, Veränderung ist nicht immer nur Spaß. Und nein, in Zukunft werden wir nicht alle im Home Office sitzen, drei Stunden am Tag arbeiten und dabei auch noch ein Schweinegeld verdienen. Wer solche Erwartungen weckt, der agiert entweder maximal unwissend oder maximal unseriös.

Insbesondere große Konzerne, die sich neuerdings sympathische Fun-Fun-Fun-Erzählungen auf die Fahnen schreiben, sollten nicht vergessen, dass ihr öffentlich sichtbarer Umgang mit dem Thema Digitalisierung massiv auf kleinere und mittelständische Unternehmen abstrahlt: Es kann nicht im Interesse der deutschen Wirtschaft sein, wenn deren führende Vertreter die grundlegendste Veränderung in der Wertschöpfungsarchitektur seit der Industrialisierung als lustige Cupcake-Party inszenieren. Das ist unseriös, unterkomplex und wird den Herausforderungen, die vor uns liegen, nicht gerecht.

Die Konzerne sollten sich nicht nur ihrer Verantwortung für den Standort Deutschland erinnern, sie sollten auch aus ganz egoistischen Motiven auf eine so wirklichkeitsferne, bis zur Unkenntlichkeit positivierte, eindimensionale Erzählung verzichten: Es ist ein Trugschluss, dass die jungen, hochtalentierten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, für die diese Seifenoper der heilen digitalen Welt inszeniert wird, auf ein derart dümmliches Gewäsch hereinfallen.

Diese Leute haben an den besten Universitäten der Welt studiert, es ist beinahe beleidigend, wie amateurhaft hier Kulissen aufgemalt werden, die so durchsichtig sind, dass es keinen Stanford-Abschluss braucht, um sie zu durchschauen. Und sollte es wider Erwarten doch gelingen, einige der Besten mit derart leeren Versprechungen anzulocken, werden sie schnell wieder kehrtmachen, sobald sie die nüchterne Realität der noch immer bleiernen Konzernwelt erleben.

Überdies sollte jeder Konzern ernsthaft darüber nachdenken, ob er für die massiven Herausforderungen der nächsten Dekade tatsächlich Mitarbeiter braucht, die einen Job wollen, weil er lauter Leckerli bringt. Oder ob nicht doch Leute besser wären, die Lust auf den Job und Spaß an der Herausforderung haben.

Hinzu kommt: Wer derart anbiedernd-positiviert kommuniziert, der läuft Gefahr, auf Sicht die eigenen Mitarbeiter abzuhängen. Der Großteil der Konzernbelegschaften arbeitet Tag für Tag hart und fremdelt bis heute mit der Berlin-Mitte-Start-up-Kultur, die so rein gar nichts mit ihrer Arbeitswirklichkeit zu tun hat. Wer diesen kulturellen Clash ohne Not befeuert, verstärkt im Zweifel nur die Ablehnungstendenzen gegen jede Art von notwendiger Veränderung.

Lasst euch nicht einschüchtern!

Liebe Konzerne, liebe Mittelständler, gebt den Leuten das echte Leben, zeigt euch mal ungeschminkt, lasst wirkliche Diversität und nicht nur ein paar hippe Corporate Influencer für euch sprechen. Lasst euch nicht einschüchtern von den Generation-Y-Flüsterern, seid selbstbewusst und kuscht nicht so devot vor den vermeintlichen neuen Anforderungen kommender Generationen. Spart euch die uniforme Hdgdl-Digitalisierung, die ihr auf Twitter, Instagram und LinkedIn aufführen lasst - sie ist ein Zerrbild, eine radikale Fehlannahme, die langfristig nur Enttäuschung produzieren wird.

Achtet stattdessen darauf, dass ihr den Arbeitsalltag für eure Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Sinne von New Work zum Positiven verändert, dass ihr Prozesse und Strukturen fit für das digitale Zeitalter macht, dass ihr die Digitalisierung ernsthaft betreibt und sie nicht nur inszeniert. Erzählt den Menschen, wie mühsam Innovationen wirklich entstehen, wie weh Veränderungen tun können. Erzählt den Leuten, dass es Arbeit ist. Und hört auf, ihnen etwas vorzumachen. Denn Digitalisierung ist harte Arbeit - und das wird fürs Erste auch so bleiben.

Panos Meyer arbeitete einst für Twitter, ist heute Geschäftsführer der Digitalagentur Cellular in Hamburg und schreibt hier als Gastkommentator. Gastkommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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