Sonntag, 17. November 2019

Die Digitalisierung erzwingt eine neue Führungskultur Umparken im Kopf reicht nicht

Die Digitalisierung verlangt sowohl im Management als auch bei Beschäftigten neues Denken und neues Verhalten in der Arbeitswelt

Mit zunehmender Lebenserfahrung lernt man, dass vieles, was hektisch und mit großer medialer Resonanz als weltbewegende und bedrohliche Veränderung gesehen wird, sich am Ende als deutlich harmloser herausstellt. Für einen Münchner war es beispielsweise vor Einführung des Rauchverbots unmöglich, sich ein Wies'n-Zelt ohne Nikotingenuss vorzustellen. Wie selbstverständlich ist dies heute. Umgekehrt nimmt man manchmal an epochalen Veränderungen teil und bemerkt erst hinterher, wie bedeutend die Ereignisse waren. Eine ostdeutsche Physikerin hat angeblich den Abend des 9. November 1989 mit Freunden in der Sauna verbracht; und doch führt für Angela Merkel von diesem Abend eine gerade Linie zur Kanzlerschaft.

Andreas Föller
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    Andreas Föller ist sowohl Betriebswirt als auch Mediziner. Er führt die von ihm gegründete Executive-Beratung Comites in München.

Wie gravierend und epochal eine Veränderung tatsächlich ist, lässt sich immer erst im Nachhinein beurteilen. Ob die Digitalisierung wirklich der tiefe technologische und volkswirtschaftliche Einschnitt in die globale Entwicklung ist, als den wir ihn heute wahrnehmen, werden wir erst in einigen Jahren wissen. Eines aber ist heute schon unzweifelhaft: In den vergangenen Jahren war Deutschland in Sachen Digitalisierung und künstlicher Intelligenz weit entfernt von jeglicher globaler Führung.

Die eigentliche Umwälzung kommt erst noch

Die gute Nachricht ist: Das muss nicht so bleiben, weil Deutschland - insbesondere wenn die Begleitung durch eine geschickte Einwanderungspolitik erfolgt - sehr wohl die intellektuellen und technischen Ressourcen hat, bei der Digitalisierung ganz vorn dabei zu sein. Gleichzeitig aber gehen wir hierzulande an die Besetzung von Führungs- und Fachpositionen sowie an die Rekrutierung von neuen Mitarbeitern mit einem absolut veralteten Verständnis heran. Hier muss sich etwas verändern, wenn Deutschland bei der zweiten Phase der Digitalisierung eine führende Rolle spielen will.

Die erste Phase, die der Plattformökonomie, können wir als weitgehend abgeschlossen betrachten. Unternehmen wie Amazon oder Airbnb haben mit ihrer Asset-light-Strategie weltweit marktbeherrschende Konzerne geschaffen. Auch auf nationaler Ebene haben sich einige starke Player etablieren können, etwa Check24 im Versicherungsvertrieb oder der Fernbusbetreiber Flixbus, der auch international erfolgreich ist.

In dieser ersten Welle der Digitalisierung war vor allem Mut zum Risiko gefragt, das schnelle Auf-den-Markt-bringen von (im Zweifel erst halbfertigen) Produkten, aggressives Marketing. In der aktuell stattfindenden zweiten Welle sind völlig andere Kompetenzen gefragt - und zwar "klassisch deutsche" Kompetenzen. Insofern spielt uns die auf der Plattformökonomie aufsetzende Entwicklung in die Hände - wenn wir es richtig anpacken.

Ich bin überzeugt, dass im Vergleich zu dem, was jetzt kommt, die erste Welle der Digitalisierung eher die Ouvertüre war. Die eigentliche Umwälzung kommt erst noch, denn jetzt wird der eigentliche Business Case digitalisiert. Jetzt geht es darum, die bestehenden Geschäftsmodelle der heute erfolgreichen Unternehmen durch geschickte Integration von Big Data neu zu gestalten. In der Folge werden Branchengrenzen, wie wir sie bisher kannten, aufgelöst werden, und die erfolgsnotwendigen Kompetenzen von Mitarbeitern werden sich radikal wandeln.

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