Dienstag, 25. Juni 2019

Wie wird man digitalschlau? 18 Top-Manager über die Mühen ihrer digitalen Fortbildung

3. Teil: Die Methoden von IG-Metall-Chef Hofmann und Erich Sixt

Die Möglichkeiten, die sich im eigenen Betrieb bieten, nutzt Frank Briegmann, Zentraleuropachef von Universal Music und Deutsche Grammophon:

Ich würde mich nicht als Digital Native, sondern eher als Digital Immigrant mit erfolgreich bestandenem Einwanderungstest bezeichnen. Ich mache mit zwei jungen, talentierten Digital Native Mitarbeitern regelmäßig eine Art Intensiv-Workshop, in dem wir die neuesten Entwicklungen analysieren. Was anfangs Nachhilfe auf hohem Niveau war, ist heute ein spannender Austausch auf technologischer Augenhöhe.

Frank Briegmann ist "relativ viel in der Start-up-Szene unterwegs" und schwört auf Vehikel, die für direkten Kontakt zur Szene sorgen: "Wir haben in Fonds investiert und auch direkte Investments platziert. Unser Fokus liegt dabei auf Start-ups, die einen Link zu uns, zur Musikbranche beziehungsweise zu unseren Produkten, haben. Das heißt, mit denen wir perspektivisch auch operativ zusammenarbeiten können." (...)

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann weiß, dass er in Sachen Digitalisierung zumindest technisch nicht mehr auf dem neusten Stand ist. Dabei war Sachkenntnis in diesem Bereich einmal der Grund für seine Einstellung: "Ich habe meine hauptamtliche Karriere in der IG Metall 1987 begonnen. Ich wurde damals eingestellt, weil der damalige Bevollmächtigte jemanden brauchte, der sich mit Computern auskennt. 30 Jahre später sage ich, dass ich jemanden brauche, der sich mit der heutigen Technologie auskennt."

Er sieht dieses ehrliche Bekenntnis als einen Teil der Antwort auf die Frage, wie man heute den Wissens-Transfer hinbekommt. Deshalb setzt er auf eine Personalplanung und -entwicklung, die auf die "technischen Veränderungen und auch auf den damit verbundenen kulturellen Wandel" reagieren kann. Man müsse dieser Entwicklung einen aktiven Part zumessen - auch durch neue Köpfe. Hofmann: "Es ist zwingend erforderlich, fachlich versierte Beschäftigte mit an Bord zu bringen."

Seine persönliche Annäherung an die Thematik hängt heute mehr mit organisations-politischen Entwicklungen zusammen. Auch vor der Ersteinführung von IT habe es in der IG Metall Veränderungsprozesse gegeben. Etwa als die Zeit des Markenklebens und der Hausbesuche, um Beiträge zu kassieren, allmählich in den bargeldlosen Bankeinzug überging. Dabei sei die IT ein Treiber gewesen.

Hofmann: "Der nächste Treiber, bei dem wir das Thema IT noch einmal wesentlich weiterentwickelt haben, ereignete sich in den letzten Jahren. Das war die Phase, in der wir uns sehr intensiv um das Thema beteiligungsorientierte Gewerkschaft gekümmert haben. Transparenz und Mitmach-Möglichkeiten sind dazu zwei Schlagworte."

Gewerkschaftskollege Michael Vassiliadis, Chef der IGBCE, sieht sich mit der ersten Generation von PCs groß geworden: "Das war ja noch basteln. Solange wir über Hardware und Software und Betriebssysteme reden, bin ich noch einigermaßen gut dabei. Bis heute. Denn die Logik bleibt immer die gleiche. Was ich dann gemerkt habe, waren Defizite beim Umgang mit dem Internet. Doch da habe ich jetzt wieder aufgeholt." Allerdings mit einer Einschränkung: "Was dahinter passiert, kann ich nur noch bedingt wirklich erfassen."

Vassiliadis sieht darin ein Phänomen unserer Zeit: "Wir werden zunehmend zum User. Die App-Kultur, das Angebot, es simpel zu machen, gewinnt zunehmend, das ist jetzt wie ein Tool. Die meisten nutzen einfach, ohne sich mit diesem sonderbaren Werkzeug näher zu befassen."

Man sei nicht mehr in der Lage, wirklich zu beeinflussen, was behind the scene läuft. Daraus entsteht eine Form von Kritiklosigkeit, weshalb Vassiliadis empfiehlt, sich einer wichtigen Frage zu stellen: "Was ist der Benefit von was? Wir haben eine ordentliche IT-Landschaft, wir haben vieles - aber was ist der Benefit, was ist sozusagen der Zweck? Dabei stößt man dann immer auf ein Thema, auch in einer Gewerkschaft. Vor allem nämlich werden dadurch Arbeitsprozesse in einem Maße standardisiert, dass die Kreativität häufig zu kurz kommt."

Unternehmer Erich Sixt schätzt seine eigene Situation ganz anders als die der meisten Führungskräfte ein: "Technologie ist mir nicht fremd, obwohl CEOs normalerweise ja nicht IT-affin sind. Ich bin aber historisch in diese Aufgabe hineingewachsen. Ohne IT wären wir verloren gewesen. Deswegen habe ich selbst programmiert. Bis vor fünf Jahren lief sogar noch ein von mir geschriebenes Programm, das hat 20 Jahre überdauert. Es war zwar nicht in einem schönen Stil geschrieben, hat jedoch seinen Zweck erfüllt." (...)

Dass geschäftlich ohne IT nichts mehr läuft, darin sind sich die CEOs einig. In der privaten Nutzung allerdings bestehen Unterschiede. So ist Joachim Breuer, Hauptgeschäftsführer Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, nach anfänglicher Euphorie zum gelegentlichen Verweigerer geworden:

Verändert hat sich mein Verhalten in der Form, dass anfangs eine gewisse Faszination da war. Als die ersten Palms auf den Markt kamen und danach die BlackBerrys, da musste ich die alle haben, auch aus einer gewissen Spiel-Funktion heraus. Man wird dann sehr affin bis hin zu 'addicted'. Aber irgendwann gibt es ein Schlüsselerlebnis. Für mich war das ein dreiwöchiger Urlaub in Kanada, als es dort noch keine perfekte Netzabdeckung gab. Da habe ich gemerkt, dass es auch ohne ständigen Kontakt zum Unternehmen geht.

Heute ist sein Smartphone im Urlaub ausgeschaltet: "Man erreicht mich dann über Handy, das ich gezielt nur in der SMS- und Telefonfunktion nutze. Und für die Wochenenden und Abende hilft aus meiner Sicht das gute alte Telefon: Ich bin also erreichbar, aber nur auf die traditionelle Art und Weise."

Zu den Autoren
Dr. Markus Klimmer war bis 2016 Managing Director bei der Accenture GmbH. 2008/2009 war er der Wirtschaftsberater von Bundesaußenminister und Vizekanzler Dr. Frank-Walter Steinmeier. Von 2000 bis 2009 war Dr. Klimmer Partner bei McKinsey & Company und leitete dort den Bereich "Public Sector“. Er studierte Politik- und Verwaltungswissenschaften, Volkswirtschaftslehre sowie öffentliches Recht an der London School of Economics, der University of California Los Angeles und der Universität Hamburg. Vom österreichischen Bundeskanzler wurde Dr. Klimmer 2008 zum Kommerzialrat ernannt.

Jürgen Selonke ist gelernter Journalist und war Redaktionsleiter sowohl beim Axel Springer Verlag als auch im Heinrich Bauer Verlag. Mit Gründung des DIVSI 2012 wurde er Chefredakteur DIVSImagazin. Das Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) verfolgt das Ziel, einen breiten Dialog zu mehr Vertrauen und Sicherheit im Internet zu gestalten und mit neuen Aspekten zu beleben. Der Think Tank ist eine gemeinnützige Gründung der Deutsche Post AG. Mit der Frage: "Braucht Deutschland einen digitalen Kodex“? will das DIVSI zu einem gesellschaftlichen Diskurs über den schleichend stattfindenden Wertewandel beitragen. Dabei hat Leadership eine große Bedeutung. Deshalb wollte das DIVSI wissen, wie verantwortliche Persönlichkeiten an der Spitze von Unternehmen und Institutionen Digitalisierung in ihrer Führungsrolle annehmen und gestalten. Das Buch fasst die gewonnenen Erkenntnisse zusammen.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "#DigitalLeadership - Wie Top-Manager in Deutschland den Wandel gestalten" von Markus Klimmer und Jürgen Selonke, 267 Seiten, Springer Gabler, November 2016, Preis: 19,99 Euro. Bei Amazon kaufen.

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