Sonntag, 15. September 2019

Scharfe Kritik von deutschem Spitzenökonom "Entwicklungshilfe ist Etikettenschwindel"

Ausnahmsweise gut angelegtes Geld: Schule in Kunduz, finanziert vom Bundesaußenministerium.

Axel Dreher, Entwicklungsökonom an der Universität Heidelberg, hält die deutsche Entwicklungshilfe in ihrer bestehenden Form für gescheitert. Zur Lösung der Flüchtlingsproblematik könnte sie viel mehr leisten. Lesen Sie seine Argumente im mm.de-Interview.

Herr Dreher, in den letzten 50 Jahren sind rund zwei Billionen US-Dollar an Entwicklungshilfe allein nach Afrika geflossen. Das entspricht dem heutigen jährlichen Bruttoinlandsprodukt des gesamten Kontinents. Wurde das Geld gut eingesetzt?

Dreher: Das weiß keiner. Die Datenlage ist zu schlecht, um seriös etwas über den Gesamteffekt sagen zu können. Klar ist allerdings, dass wir keinen deutlichen Zusammenhang zwischen Entwicklungshilfe und beispielsweise Wirtschaftswachstum oder Armutsreduktion finden. Es lässt sich nicht nachweisen, dass Entwicklungshilfe überhaupt einen Effekt hat.

Befürworter können eine ganz Menge Erfolge aufzählen: In Afrika sterben kaum noch Kinder an Masern, die HIV-Behandlung und -Prävention geschieht flächendeckend und vielerorts, zum Beispiel in Madagaskar, ist die Wasserversorgung deutlich besser geworden. Wäre das ohne Entwicklungshilfe auch gelungen?

Dreher: In der Tat lässt sich die Wirkung einzelner Projekte gut bemessen. Aber was man nicht sieht, sind die Nebeneffekte. So kann die Korruption ansteigen oder rücksichtslose Autokraten halten sich länger im Amt. Wie Entwicklungshilfe also im Ganzen wirkt, lässt sich nicht messen.

Entwicklungshilfeminister Gerd Müller hat in einem Interview jüngst die Verdopplung der Entwicklungsgelder weltweit gefordert. Ist das also purer Unsinn?

Dreher: In den 1960er-Jahren wurde gerne behauptet, dass wir keine Effekte sehen, weil zu wenig Geld fließt. Nach dem Motto: Wenn wir doppelt so viel geben, wird alles gut. Dann hat man immer mal wieder die Gelder erhöht, aber wir können immer noch keinen Effekt nachweisen. Und jetzt hören wir die Argumente wieder. Ein Grund dafür ist auch: Minister wollen immer größere Budgets haben. Denken Sie an Dirk Niebel. Der wollte das Entwicklungshilferessort erst abschaffen. Und als er dort selbst Minister war, wollte er plötzlich sogar mehr Geld.

Wie setzt die Bundesregierung denn ihre Entwicklungshilfe ein?

Axel Dreher
  • Copyright: Stefan Thomas Kroeger
    Stefan Thomas Kroeger
    Axel Dreher (Jhg. 1972) ist Professor für Internationale Wirtschafts- und Entwicklungspolitik an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und erforscht die ökonomische Wirkung von Entwicklungshilfe. Zuvor arbeitete er in Göttingen, der Schweiz und in Großbritannien. Er ist Herausgeber des Review of International Organizations, Präsident der European Public Choice Society (EPCS) und Vorsitzender des Entwicklungsökonomischen Ausschusses im Verein für Socialpolitik.

Dreher: Aktuell geht es stark darum, Deutschland selbst zu helfen und den Flüchtlingszustrom zu reduzieren. Das ist aber keine Entwicklungshilfe. Denn die soll im Empfängerland, wie der Name schon sagt, Entwicklung fördern. Stattdessen ist das Ziel in erster Linie, Flüchtlinge von Deutschland fern zu halten. Und es geht noch weiter: Die Bundesregierung verbucht einen guten Teil der Ausgaben zur Flüchtlingshilfe in Deutschland als Entwicklungshilfe, zum Beispiel Kosten für Notunterkünfte.

Also ist das ein Etikettenschwindel?

Dreher: Auf jeden Fall. Das sieht man auch daran, wann die Ausgaben für Entwicklungshilfe erhöht wurden. In Syrien herrscht seit fünf Jahren Krieg und die Flüchtlingszahlen waren von Anfang an hoch. Aber erst seitdem die Menschen nach Europa fliehen, ist die Entwicklungshilfe erhöht worden. Es geht darum, sich selbst zu schützen.

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