Freitag, 20. September 2019

Fußball-Sommermärchen 2006 Schweizer Bundesanwaltschaft erhebt Anklage gegen Zwanziger und Niersbach

Das Präsidium des Organisationskomitees für die Fußball-WM 2006 in Deutschland (von links nach rechts): der 1. Vizepräsident Horst R. Schmidt, Vizepräsident Theo Zwanziger, Präsident Franz Beckenbauer und Vizepräsident Wolfgang Niersbach am 18.11.2005 im Frankfurter Waldstadion

Gut acht Monate vor einer möglichen Verjährung hat die Schweizer Bundesanwaltschaft in der Affäre um die Fußball-WM 2006 Anklage gegen die Ex-DFB-Funktionäre Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach und Horst R. Schmidt erhoben. Dem Trio und dem früheren Fifa-Generalsekretär Urs Linsi wird vorgeworfen, im April 2005 über den eigentlichen Zweck einer Zahlung in Höhe von rund 6,7 Millionen Euro arglistig getäuscht zu haben. Das teilte die Schweizer Behörde am Dienstag mit.

Das Verfahren gegen Franz Beckenbauer war hingegen bereits zuletzt abgetrennt worden, die Ermittler nannten dafür nun erstmals offiziell gesundheitliche Gründe. Der Zustand des damaligen Chefs des WM-Organisationskomitees, der maßgeblich an den finanziellen Transaktionen beteiligt war, lasse "nach derzeitiger Prognose eine Teilnahme oder Einvernahme an der Hauptverhandlung" vor dem Bundesstrafgericht nicht zu. Dadurch könnte sich das gesamte Verfahren verzögern - und wegen Verjährung eingestellt werden.

Zwanziger und Schmidt sowie Linsi wird von der Schweizer Bundesanwaltschaft Betrug in Mittäterschaft vorgeworfen. Niersbach wird die Gehilfenschaft zu Betrug angelastet. Eingestellt wurde im Juli laut Bundesanwaltschaft das Verfahren wegen des Verdachts auf Geldwäscherei. Die Beschuldigten haben die Vorwürfe stets zurückgewiesen.

Um eine Verjährung der Vorwürfe zu verhindern, muss bis April 2020 ein erstinstanzliches Urteil gefällt werden. Auch mit Blick auf diese Frist habe man sich nun zur Erhebung der Anklage entschieden, selbst wenn beispielsweise gegen die Abtrennung des Verfahrens gegen Beckenbauer noch Rechtsmittel möglich sind. Der frühere DFB-Präsident Zwanziger hatte Einzelbetrachtung für den Kaiser durch die Strafverfolger zuletzt scharf kritisiert.

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung

Hintergrund ist eine Zahlung von 6,7 Millionen Euro an den damaligen Fifa-Skandalfunktionär Mohammed bin Hammam. Weil der DFB das Geld nicht bereitstellen wollte, habe Beckenbauer die Summe 2002 mit Hilfe eines persönlichen Kredits selbst aufgebracht. Diesen zahlte Beckenbauer jedoch nicht fristgerecht zurück.

Einige Jahre später - im April 2005 - wurde die Summe schließlich durch eine Überweisung von einem Konto des DFB bzw. des WM-Organisationskomitees beglichen - allerdings unter Vorgabe falscher Tatsachen: Die Beschuldigten gaben die Zahlung als Mitfinanzierungsbeitrag des DFB für die Fifa-Auftaktveranstaltung für die WM aus. Tatsächlich wurde damit aber das persönliche Darlehen von Beckenbauer getilgt. Weil sich die Zahlung durch die Verschleierung für den DFB allerdings später auch steuermindernd auswirkte, ermittelt auch die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung. Zwanziger, Beckenbauer, Niersbach und Schmidt waren damals im Präsidium des Organisationskomitees für die WM 2006, die als Sommermärchen in die deutsche Geschichte einging.

Zwanziger: "Desolat und bösartig"

Zwanziger kommentierte die Anklage mit deutlichen Worten. "Diese ganze Schweizer Kampagne ist desolat, bösartig und wird völlig scheitern, weil ich mir überhaupt nichts vorzuwerfen habe", sagte der 74-Jährige: "Diese unfähigen Ermittler rasen mit dem Kopf gegen eine Wand - zum Schluss gewinnt immer die Wand. Das Ganze ist inzwischen längst ein Justizskandal und keine wirklich vorwerfbares Verhalten gegenüber den Beschuldigten."

Schmidt erreichte die Neuigkeit im Urlaub. "Ich bin nicht überrascht, dass es zur Anklage kommt. Ich bin aber überrascht, was da alles in der Schweiz abläuft", sagte der 77-Jährige, ohne ins Detail zu gehen.

Im Oktober 2018 hatten Niersbach, Zwanziger und Schmidt einen juristischen Erfolg gefeiert. Das Landgericht Frankfurt lehnte die Eröffnung eines Hauptverfahrens gegen das Trio ab. Die Staatsanwaltschaft hatte die drei Ex-Funktionäre im Zusammenhang mit der WM 2006 wegen des Vorwurfs der Steuerhinterziehung angeklagt.

mg/dpa-afx, sid, rtr

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