Daniel Stelter

Deutschlands fatale Eichhörnchen-Strategie Deutschland wirtschaftet wie die Eichhörnchen

Nüsse sammeln und vergraben - und viele wieder vergessen: Die Eichhörnchen-Strategie ist für deutsche Sparer fatal. Wir exportieren unsere Ersparnisse ins Ausland - und bekommen dafür im besten Fall zu Nullzinsen

Nüsse sammeln und vergraben - und viele wieder vergessen: Die Eichhörnchen-Strategie ist für deutsche Sparer fatal. Wir exportieren unsere Ersparnisse ins Ausland - und bekommen dafür im besten Fall zu Nullzinsen

Foto: LISI NIESNER/ REUTERS
Daniel Stelter
Foto: Robert Recker/Berlin

Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums "Beyond the Obvious"  und Unternehmensberater. Zuvor war Stelter von 1990 bis 2013 bei der Boston Consulting Group (BCG), zuletzt als Senior Partner, Managing Director und Mitglied des BCG Executive Committee. Sein neues Buch "Ein Traum von einem Land - Deutschland 2040" ist am 10. Februar 2021 erschienen.
Twitter: @thinkBTO 

Deutschland ist wieder Exportweltmeister! - fast schon jubelnd wurde in dieser Woche in den Medien davon berichtet, dass wir mit einem Überschuss von 310 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr wieder China überholen. Fantastische Nachrichten, so wird suggeriert. Nichts zeigt doch deutlicher, wie gut wir wirtschaftlich aufgestellt sind. Uns kann keiner. Unsere Industrien stehen gut da, sind hoch innovativ und ungemein wettbewerbsfähig. Die beste Basis also um Wohltaten wie höhere Renten und bessere soziale Absicherung zu bezahlen. Migrations- und Eurokrise meistern wir so doch locker, wir können es uns doch leisten.

Leider ist diese Einschätzung falsch. In Wahrheit ergeht es uns wie den Eichhörnchen, die zwar fleißig Nüsse sammeln und verstecken - also sparen - diese im harten Winter dann aber nicht wiederfinden. Den Eichhörnchen mag es letztlich egal sein, ob sie alle Nüsse wiederfinden, Hauptsache sie verhungern nicht. Uns darf es nicht egal sein, weil es erhebliche politische und soziale Verwerfungen mit sich bringen wird, wenn deutlich wird, dass wir unsere Nüsse nicht mehr wiederfinden.

Außenhandelsüberschuss bedeutet Kapitalexport

Ich habe an dieser Stelle schon mehrmals erklärt, wie der Zusammenhang zwischen Außenhandelsüberschuss und Ersparnisbildung ist. Dennoch empfiehlt es sich, dies nochmals klar zu machen. Wenn ein Land einen Außenhandelsüberschuss erzielt bedeutet dies zwangsläufig einen Export von Ersparnissen ins Ausland. Entweder in Form von Krediten oder aber in Form von Direktinvestitionen im Ausland.

Um das zu erklären, nehmen wir einmal an, es gäbe keinen Außenhandel. In diesem Fall besteht die Volkswirtschaft aus den privaten Haushalten, den Unternehmen und dem Staat. Jeder dieser Sektoren kann sparen oder Schulden machen bzw. Eigenkapital erhöhen. Die Summe der Finanzierungssalden der drei Sektoren ist per Definition Null. Sparen die privaten Haushalte, was normalerweise der Fall ist, haben die Unternehmen üblicherweise ein Defizit, weil sie investieren und dabei auf die Finanzierung durch die privaten Ersparnisse angewiesen sind.

Das was die Unternehmen nicht brauchen, leiht sich dann der Staat. Sparen die Haushalte mehr als Unternehmen und Staat sich leihen wollen, kommt es zu einer Rezession und die Angleichung erfolgt über sinkende Einkommen und Ersparnis oder höhere Staatsdefizite. Es ist in einer geschlossenen Volkswirtschaft, also einer Welt ohne Außenhandel nicht möglich "zu viel" zu sparen. Es kommt zu einem Ausgleich.

Wie Deutschland seine Ersparnisse exportiert

Anders ist das, wenn man als weiteren Sektor das Ausland mit einführt. So kann es sein, dass ein Land Ersparnisse aus dem Ausland importiert oder eigene Ersparnisse exportiert. Die Summe der Finanzierungssalden der nun vier Sektoren, private Haushalte, Unternehmen, Staat und Ausland ist allerdings auch hier zwingend Null.

Wichtig zu wissen ist zudem, dass ein Nettokapitalimport aus dem Ausland zwangsläufig ein genauso großes Handelsdefizit bedeutet und umgekehrt ein Handelsüberschuss immer auch einen Nettokapitalexport in gleicher Höhe bedingt. (Für die Volkswirte unter den Lesern sei hier angemerkt, dass ich natürlich weiß, dass neben dem Im- und Export von Waren und Dienstleistungen auch Übertragungen von Geld ins Ausland und die Bilanz der Vermögens- und Erwerbseinkommen dazu gerechnet werden, letztere sind aber von geringer Bedeutung verglichen zum Außenhandel).

Schauen wir uns die Zahlen für Deutschland für das Jahr 2015 genauer an (Quelle: Statistisches Bundesamt):

· Finanzierungssaldo private Haushalte: 4,8 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das bedeutet alle Haushalte zusammen haben netto im Volumen von 4,8 Prozent des BIP gespart.

· Finanzierungssaldo Unternehmen: 3,2 Prozent vom BIP. Also ebenfalls eine netto Ersparnis.

· Finanzierungssaldo Staat: 0,6 Prozent vom BIP - die berühmte "schwarze Null".

Wäre Deutschland eine geschlossene Volkswirtschaft, befänden wir uns in einer schweren Krise. Es würde massiv Nachfrage, immerhin im Volumen von 8,6 Prozent des BIP fehlen weil wir alle sparen. Doch von Krise ist keine Spur! Das verdanken wir dem Ausland, wohin wir unsere überschüssigen Ersparnisse von 8,6 Prozent vom BIP exportiert haben.

Dies bedeutet aber zugleich, dass das Ausland im Volumen von 8,6 Prozent des deutschen BIP mehr Waren aus Deutschland gekauft als nach Deutschland exportiert. Der Titel des Exportweltmeisters gilt folglich für Waren und für Ersparnisse gleichermaßen.

Deutschland legt das Geld dumm an

Bis jetzt könnte man noch sagen, dass die Handelsüberschüsse ja nicht schlecht sind. Schließlich bauen wir Forderungen gegen das Ausland auf, die wir in den kommenden Jahrzehnten wenn bei uns die Folgen der Alterung voll durchschlagen entsprechend einlösen können um die Kosten zu tragen. Dies würde allerdings voraus setzen, dass wir das Geld ähnlich wie Länder mit Staatsfonds wie Norwegen global diversifiziert und renditestark anlegen.

Dies tun wir aber nicht. Unsere Banken und Versicherungen haben in den vergangenen Jahrzehnten unsere Ersparnisse lieber in US-Subprime und griechische Staatsanleihen investiert. Alleine in der Finanzkrise schätzt das DIW haben wir 400 bis 600 Milliarden Euro verloren - also fast den Überschuss von zwei Jahren! Die Summe der Handelsüberschüsse der letzten Jahre liegt deutlich über dem Zuwachs des Auslandsvermögens. Wie die Eichhörnchen sammeln wir fleißig und finden nicht alles wieder.

Im besten Fall bekommen wir auf unsere Ersparnisse keine Zinsen

Diese Politik wird ungebremst fortgesetzt. Die Target II -Forderungen der Bundesbank, im Zuge der Geldschwemme der EZB die die immer noch andauernde und sich verstärkende Eurokrise verdeckt, in Vergessenheit geraten wachsen wieder an. Zur Zeit liegen sie bei über 600 Milliarden Euro. Diese Milliarden sind eine Forderung gegen Krisenländer wie Griechenland und Italien, die mit dem "Hauptfinanzierungssatz" der EZB - also Null - verzinst werden.

Im besten Fall bekommen wir auf unsere Ersparnisse also keine Zinsen, im schlimmsten Fall verlieren wir zumindest einen Teil der Forderungen im Zuge der unumstößlich auf uns zukommenden Schuldenrestrukturierung im Euroraum - egal ob offen durch Schuldenschnitte oder verdeckt durch Inflation. Wir hätten unsere Autos genauso gut verschenken können.

Doch die Aussage vom dummen Eichhörnchen gilt auch unabhängig von den Target II Forderungen. In einer überschuldeten Welt ist es keine gute Idee Gläubiger zu sein. Deshalb wäre es allemal besser, mehr im Inland auszugeben, als dem Ausland als Kredit zu gewähren.

Vor die Wahl gestellt, unser Geld dem deutschen oder dem spanischen/italienischen/portugiesischen Finanzminister zu leihen, sollten wir es lieber dem deutschen geben. Nach dem Motto: wenn ich das Geld sowieso nicht wieder zurückbekomme, dann habe ich lieber in Deutschland eine gute Infrastruktur und ein modernes Breitbandnetz finanziert als in Italien.

Investitionen im Inland sind dringend nötig

Investitionen im Inland dringend nötig

Sparen soll ja dazu dienen, den Kapitalstock einer Volkswirtschaft und so den langfristigen Wohlstand zu erhöhen. Wie wir gesehen haben ist dies zur Zeit nicht der Fall. Der Überschuss im Handel also eher ein Grund zur Trauer als zur Freude. Besser wäre es, im Inland zu investieren:

· Die Industrien auf denen unsere Erfolge basieren, stammen allesamt aus der Kaiserzeit. Es ist dringend nötig, hier den weiteren technischen Wandel zu bewältigen. Stichwort: Brennstoffzelle statt Diesel.

· Die öffentliche Infrastruktur zerfällt. Dazu braucht man gar keine Studien, ein offener Blick auf die Straßen der Umgebung genügt.

· Das Bildungswesen ist fern davon entfernt die Grundlagen für eine Hochtechnologie-Gesellschaft der Zukunft zu legen. Im neuesten Ranking der besten Universitäten der Welt belegt keine deutsche Universität einen Platz unter den Top 50. Die TU München schafft immerhin Platz 60. Von der Qualität der Schulen will ich an dieser Stelle als Berliner schon gar nicht mehr reden.

· Wenn man schon eine ungesteuerte Zuwanderung zulässt, dann muss man auch das Geld in die Hand nehmen welches nötig ist um den langfristigen Schaden so gering wie möglich zu halten.

· Da Ersparnisbildung im Ausland mit Blick auf die demografische Entwicklung sicherlich nicht falsch ist, sollten wir unser Geld besser anlegen. Ideen für einen Staatsfonds gibt es bereits und die Bundesbank sollte dem Vorbild der Schweizer Notenbank folgen und Aktien kaufen. Langfristig auf jeden Fall die bessere Geldanlage!

Leider verweigert sich die Bundesregierung diesen Überlegungen. Das Festhalten an der "schwarzen Null" zwingt die Ersparnisse ins Ausland und ermöglicht erst so den Handelsüberschuss. Eine sich selbst nähernde Wohlstandsillusion aus der wir mit einem ziemlich schmerzhaften Knall erwachen werden, sobald die Forderungen ausfallen. Wenn Sie also das nächste Mal die Jubelmeldungen zu unseren Handelsüberschüssen hören, denken Sie an das Eichhörnchen. Ein putziges Tierchen aber nicht sonderlich intelligent.

Daniel Stelter ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.