Start-ups und Traditionsunternehmen Deutsche Konzerne brauchen eine neue Integrationskultur

Deutsche Konzerne investieren erschreckend selten in Start-ups. Das muss sich schleunigst ändern - unter anderem, damit die deutschen Traditionsunternehmen mit der Digitalisierung Schritt halten können.
Von Ann-Kristin Achleitner
Universitätsprofessorin und Mehrfach-Aufsichtsrätin Ann-Kristin Achleitner

Universitätsprofessorin und Mehrfach-Aufsichtsrätin Ann-Kristin Achleitner

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Jüngst wurde er wieder gefordert - der "neue Neue Markt" als Mittel, damit es in Deutschland endlich mehr neugegründete, erfolgreich wachsende und arbeitsplatzschaffende Unternehmen gibt. Neue, junge, erfolgreiche Unternehmen, eine lebendige Gründerszene möchte dieses Land, darüber herrscht seltene Einigkeit. Für jene, die sich noch an den Neuen Markt der Jahrhundertwende erinnern können, ist es jedoch verwunderlich, warum die Wiedererschaffung einer Börsenplattform der Durchschlagung des Gordischen Knotens gleichen soll.

Richtig ist, dass die mangelnde Verfügbarkeit von Kapital gerade in der so wichtigen Wachstumsphase junger Unternehmen maßgeblich darauf zurückzuführen ist, dass es vergleichsweise weniger erfolgreiche so genannte Exits, das heißt Ausstiege aus Unternehmensbeteiligungen, gab. Wenn ein Investor daran zweifelt, durch den späteren Verkauf einer Beteiligung eine hinreichende Rendite erwirtschaften zu können, dann ist er zögerlich beim Einstieg. Dies ergibt sich schon zwangsläufig aus der limitierten Laufzeit der ihm zur Verfügung stehenden Fonds und den Renditeanforderungen seiner Anleger.

Erfolgreiche Ausstiege aus Unternehmen erfolgen weltweit nun tatsächlich häufig über Börsengänge - aber noch viel öfter auch auf anderen Wegen, allen voran über so genannte Trade Sales, das heißt Verkäufe von Unternehmensanteilen an eine andere Partei. Dabei handelt es sich manchmal um einen anderen Risikokapital-Fonds (Secondaries) oder Altgesellschafter (Buy-Back), in der Regel allerdings um einen industriellen Investor. Verkäufe neu gegründeter und weiterentwickelter Unternehmen an Industrieunternehmen sind damit ein wesentliches Treiber eines ausgebauten Venture-Capital-Markts. Dabei kann man natürlich, ebenso wie bei Börsengängen, an das Ausland denken. Dies ist jedoch grundsätzlich schwerer zu realisieren - weshalb ja auch im Börsenbereich die Frage einer nationalen oder europäischen Börse wichtig ist.

Trade Sales als Weg des Ausstiegs aus Investitionen sind nun aber hierzulande im Gegensatz zu anderen Märkten, auf die wir gerne schauen, wenn wir an eine lebendige Gründerszene denken, seltener anzutreffen. Über die Tatsache, dass genau hier eine ganz wesentliche Schwachstelle in der deutschen Venture-Capital-Finanzierung besteht, wird erstaunlicherweise kaum geredet. Die Debatte fokussiert sich hingegen fast völlig auf die vergleichsweise geringe Zahl von Börsengängen in Deutschland.

Nun ist es ein Manko, dass die Datenbasis im deutschen Venture-Capital-Bereich unbefriedigend ist. Aber empirisch gibt es klare Anzeichen, dass das Problem der Trade Sales erheblich ist. So zeigen Axelson und Martinovic von der London School of Economics (Axelson, Ulf/Martinovic, Milan: European Venture Capital: Myths and Facts, BVCA, London 2013), dass Europa und die USA für Unternehmen aus dem gleichen Investitionsjahr hinsichtlich der Zahl von Börsengängen nicht weit auseinanderliegen. Es ist vielmehr die Häufigkeit eines Ausstiegs über einen Trade Sale, die schon in Europa im Vergleich zu den USA niedriger ist. Das Schlusslicht innerhalb Europas bilden dann Deutschland und die Benelux-Länder.

Dieser empirische Befund deckt sich mit dem, was Gründer berichten: Deutsche Unternehmen tun sich im internationalen Vergleich schwerer damit, ein junges Unternehmen zu erwerben, um sich auf diese Weise die nötigen Innovationen zu sichern. Schon die Prozesse, in denen dies geschieht, sind schwerfälliger. Zudem besteht oft eine abwehrende Einstellung des "not invented here". Etablierte, insbesondere Großunternehmen sind skeptisch gegenüber externen Einkäufen, umso mehr, wenn sie noch wie bei jungen Unternehmen relativ risikobehaftet sind, und bevorzugen es, auf eine interne Entwicklung zu setzen.

Seit Jahren wird debattiert, wie der Technologietransfer in Deutschland besser gelingen kann, das heißt mehr wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem universitären und außeruniversitären Bereich in Innovationen zu verwandeln. So hat beispielsweise die Expertenkommission Forschung und Entwicklung (EFI) in ihrem Jahresgutachten 2010 angemahnt, dass viele Erfolg versprechende Forschungsergebnisse der öffentlich finanzierten Forschung in Deutschland nicht effektiv vermarktet würden.

Aus diesem Grund regte sie die Schaffung eines so genannten Kommerzialisierungsfonds an. Hierdurch sollten Mittel für einen verstärkten Transfer von Forschungsergebnissen in kommerzielle Anwendungen zur Verfügung gestellt werden. Einen ähnlichen Gedanken verfolgt die Helmholtz-Gemeinschaft mit ihrem Validierungsfonds. Entscheidend ist jedoch, dass die so entstandenen Unternehmen dann auch wachsen können respektive, dass die in ihnen eingebundenen Innovationen die nötigen Ressourcen erhalten. Und hierzu brauchen sie zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Börsengang, den Einstieg eines Industrieunternehmens oder die Übernahme durch ein solches.

Deutsche innovative Entwicklungen werden vom Ausland aufgekauft

Nun könnte man zum Eingang zurückkommen und argumentieren, all dies wäre nicht nötig, hätten wir nur mehr Börsengänge. Dies könnte jedoch die Exit-Schwäche nur partiell beheben. Viele innovative Unternehmen könnten oder sollten aufgrund ihrer Technologie, ihrer Innovation, ihrer Größe et cetera nicht an die Börse gehen. Ein solcher Schritt ist nur dann sinnvoll, wenn das Unternehmen nicht nur börsenreif ist, sondern auch nachhaltig auf eigenen Füßen stehen kann. Andernfalls sollte es sich mit einem bestehenden Unternehmen verbinden. Dieses kann zudem vielfältige andere Vorteile bieten, so Erfahrungswerte, Netzwerke und Synergieeffekte.

Zudem hat die Wahrscheinlichkeit eines Börsengangs, wie die zitierte Studie von Axelson/Martinovic zeigt, in den letzten zehn Jahren nicht nur in Europa, sondern auch in den USA abgenommen, während das Alter, das ein Unternehmen beim Börsengang hat, deutlich angestiegen ist. Damit wird die alternative Möglichkeit eines Trade Sales noch wichtiger. Indirekt hilft sie auch, dass nur jene Unternehmen einen Börsengang angehen, die hierfür reif und richtig sind. Und es wird für den Erfolg jeder kommenden Börseninitiative in diesem Bereich entscheidend sein, dass die Auswahl der Kandidaten stimmt. Eine bessere Trade-Sale-Kultur wäre damit der unerlässliche Zwilling einer nachhaltig erfolgreichen seriösen Börsenlandlandschaft für junge Unternehmen.

Maßgebliche Schwächen und Stärken sind häufig zwei Seiten einer Medaille. Die Zurückhaltung der deutschen Industrie bei Trade Sales kann man positiv darauf zurückführen, dass es ihr im internationalen Vergleich lange gelungen ist, Innovationen unternehmensintern zu entwickeln, anstelle sie einzukaufen. Allerdings ist die Frage berechtigt, ob dieses Verhalten in einer sich immer schneller entwickelnden, globalisierenden Welt zum nachhaltigen Erfolg reicht. Wie der ehemalige McKinsey-Direktor Michael Jung jüngst bei einem runden Tisch zu diesem Thema hervorhob, fußte der auch im Vergleich zu den USA beeindruckende Erfolg der deutschen Industrie auf der laufenden Verbesserung bestehender Technologien, also einem evolutionären Innovationsmuster, während die neuen Technologien einen rapiden Strukturwandel nach sich ziehen.

Diese disruptiven Innovationen erfassen auch Stammbezirke deutscher Industrie und verdrängen dort Produkte und Dienstleistungen. Verständlicherweise werden sie nur vergleichsweise schwer in den bestehenden Strukturen und eher außerhalb derselben in neuen Unternehmen entwickelt. Es gilt für etablierte Unternehmen somit, ihre bestehende Stärke zu bewahren, ohne es zu versäumen, eine neue Fähigkeit, jene der Integration solcher Innovationen respektive der hierauf fokussierten Unternehmen, aufzubauen. Im Ergebnis ist ein transformatorischer Prozess hin zu neuen Strukturen notwendig.

Angesichts der angesprochenen Defizite im Bereich der Trade Sales ist daher aus Sicht der Unternehmen zu hinterfragen, ob sich hier nicht eine Achillesferse der Innovationsfähigkeit auftut. Aus volkswirtschaftlicher Perspektive hat es eben neben dem generellen Effekt auf die Zahl der Wachstumsfinanzierungen eine andere problematische Konsequenz: Junge Unternehmen, die sich an den hiesigen etablierten Unternehmen aufgerieben haben oder dies fürchten, wenden sich an ausländische Unternehmen, um an diese zu verkaufen oder mit diesen zusammenzuarbeiten. Dieser Mechanismus wird vielfältig beschrieben. So wurden auch im Rahmen des ersten erfolgreich verwerteten Projekts des Helmholtz-Validierungsfonds die betreffenden Lizenzrechte für die entwickelte Robotik an ein internationales Unternehmen verkauft.

In einem gewissen Maß können Trade Sales an ausländische Industrieunternehmen die Situation auf dem Finanzierungsmarkt für junge Unternehmen verbessern. Auch wenn Fonds für deutsche Unternehmen damit vermehrten Zufluss erhalten, ist es jedoch aus volkswirtschaftlicher Sicht nicht irrelevant, wer als Käufer auftritt. Im Schlimmsten, leider aber realistischen Fall bedeutet dies zu Ende gedacht, dass wir durchaus die nötige Innovationsfähigkeit in Deutschland haben, die innovativen Entwicklungen aufgrund mangelnder Absorptionsfähigkeit der hiesigen Unternehmen jedoch zunehmend vom Ausland aufgekauft und damit zu einem gewissen Maße exportiert werden. Sie würden dann finanziert, aber nicht genutzt werden können. Dies ist keine theoretische Sorge, sondern sie wird durchaus von Marktteilnehmern geteilt.

Es ist international auffallend, wie nicht nur etablierte, sondern auch die stark wachsenden jungen, vor allem amerikanischen Unternehmen die Methode des Trade Sales nutzen, und sich auf diese Weise auch in neue Bereiche vorwagen. So hat Google, um ein eklatantes Beispiel anzuführen, wie Wikipedia auflistet, seit 2001 über 170 Unternehmen in einem Wert von insgesamt über 20 Mrd.Dollar aufgekauft. Die meisten befinden sich in den USA, es sind jedoch immerhin auch mindestens fünf deutsche Unternehmen darunter. Damit stellt sich in letzter Instanz die Frage, ob es deutschen Unternehmen tatsächlich in der Breite gelingen wird, disruptive Innovationen zu integrieren, oder aber disruptiv getriebene Unternehmen eines Tages tradierte Unternehmen übernehmen, um transformativ zu agieren, oder diese zumindest dominieren.

Es ist daher von nicht zu unterschätzender Bedeutung für den weiteren Ausbau der deutschen Venture-Capital-Szene, aber auch für das nachhaltige Innovationsniveau unserer Volkswirtschaft, dass wir den nationalen Rückstand bei der Integration von Venture-Capital-finanzierten Unternehmen in die bestehende Industrie aufholen. Nötig sind hierfür veränderte Einstellungen und insbesondere neue Prozesse. Diese beginnen langsam zu entstehen.

Universitäre Ausgründungszentren wie die UnternehmerTUM an der TU München oder aber außeruniversitäre Fonds wie jener der Helmholtz-Gemeinschaft sind aktiv bemüht, Kontakte zur Industrie aufzubauen. Und auch Unternehmen kommen ihrerseits verstärkt auf solche Einrichtungen zu oder organisieren auf andere Weise einen näheren Kontakt mit einzelnen jungen Unternehmen. Das Ökosystem neu gegründeter und etablierter Unternehmen in Deutschland beginnt sich derzeit neu und intensiver aufzustellen und das ist nicht nur gut so, sondern dringend notwendig.

Ann-Kristin Achleitner ist Inhaberin des Lehrstuhls für Entrepreneurial Finance an der TU München. Sie ist Mitglied im Freundeskreis von UnternehmerTUM und war von 2011 bis 2013 Mitglied im Entscheidungsgremium des Validierungsfonds der Helmholtz-Gemeinschaft. Zudem ist die 48-Jährige unter anderem Mitglied in den Aufsichtsräten von Linde, MunichRe und Metro.

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