Sonntag, 21. Juli 2019

Start-ups und Traditionsunternehmen Deutsche Konzerne brauchen eine neue Integrationskultur

Universitätsprofessorin und Mehrfach-Aufsichtsrätin Ann-Kristin Achleitner

2. Teil: Deutsche innovative Entwicklungen werden vom Ausland aufgekauft

Nun könnte man zum Eingang zurückkommen und argumentieren, all dies wäre nicht nötig, hätten wir nur mehr Börsengänge. Dies könnte jedoch die Exit-Schwäche nur partiell beheben. Viele innovative Unternehmen könnten oder sollten aufgrund ihrer Technologie, ihrer Innovation, ihrer Größe et cetera nicht an die Börse gehen. Ein solcher Schritt ist nur dann sinnvoll, wenn das Unternehmen nicht nur börsenreif ist, sondern auch nachhaltig auf eigenen Füßen stehen kann. Andernfalls sollte es sich mit einem bestehenden Unternehmen verbinden. Dieses kann zudem vielfältige andere Vorteile bieten, so Erfahrungswerte, Netzwerke und Synergieeffekte.

Zudem hat die Wahrscheinlichkeit eines Börsengangs, wie die zitierte Studie von Axelson/Martinovic zeigt, in den letzten zehn Jahren nicht nur in Europa, sondern auch in den USA abgenommen, während das Alter, das ein Unternehmen beim Börsengang hat, deutlich angestiegen ist. Damit wird die alternative Möglichkeit eines Trade Sales noch wichtiger. Indirekt hilft sie auch, dass nur jene Unternehmen einen Börsengang angehen, die hierfür reif und richtig sind. Und es wird für den Erfolg jeder kommenden Börseninitiative in diesem Bereich entscheidend sein, dass die Auswahl der Kandidaten stimmt. Eine bessere Trade-Sale-Kultur wäre damit der unerlässliche Zwilling einer nachhaltig erfolgreichen seriösen Börsenlandlandschaft für junge Unternehmen.

Maßgebliche Schwächen und Stärken sind häufig zwei Seiten einer Medaille. Die Zurückhaltung der deutschen Industrie bei Trade Sales kann man positiv darauf zurückführen, dass es ihr im internationalen Vergleich lange gelungen ist, Innovationen unternehmensintern zu entwickeln, anstelle sie einzukaufen. Allerdings ist die Frage berechtigt, ob dieses Verhalten in einer sich immer schneller entwickelnden, globalisierenden Welt zum nachhaltigen Erfolg reicht. Wie der ehemalige McKinsey-Direktor Michael Jung jüngst bei einem runden Tisch zu diesem Thema hervorhob, fußte der auch im Vergleich zu den USA beeindruckende Erfolg der deutschen Industrie auf der laufenden Verbesserung bestehender Technologien, also einem evolutionären Innovationsmuster, während die neuen Technologien einen rapiden Strukturwandel nach sich ziehen.

Diese disruptiven Innovationen erfassen auch Stammbezirke deutscher Industrie und verdrängen dort Produkte und Dienstleistungen. Verständlicherweise werden sie nur vergleichsweise schwer in den bestehenden Strukturen und eher außerhalb derselben in neuen Unternehmen entwickelt. Es gilt für etablierte Unternehmen somit, ihre bestehende Stärke zu bewahren, ohne es zu versäumen, eine neue Fähigkeit, jene der Integration solcher Innovationen respektive der hierauf fokussierten Unternehmen, aufzubauen. Im Ergebnis ist ein transformatorischer Prozess hin zu neuen Strukturen notwendig.

Angesichts der angesprochenen Defizite im Bereich der Trade Sales ist daher aus Sicht der Unternehmen zu hinterfragen, ob sich hier nicht eine Achillesferse der Innovationsfähigkeit auftut. Aus volkswirtschaftlicher Perspektive hat es eben neben dem generellen Effekt auf die Zahl der Wachstumsfinanzierungen eine andere problematische Konsequenz: Junge Unternehmen, die sich an den hiesigen etablierten Unternehmen aufgerieben haben oder dies fürchten, wenden sich an ausländische Unternehmen, um an diese zu verkaufen oder mit diesen zusammenzuarbeiten. Dieser Mechanismus wird vielfältig beschrieben. So wurden auch im Rahmen des ersten erfolgreich verwerteten Projekts des Helmholtz-Validierungsfonds die betreffenden Lizenzrechte für die entwickelte Robotik an ein internationales Unternehmen verkauft.

In einem gewissen Maß können Trade Sales an ausländische Industrieunternehmen die Situation auf dem Finanzierungsmarkt für junge Unternehmen verbessern. Auch wenn Fonds für deutsche Unternehmen damit vermehrten Zufluss erhalten, ist es jedoch aus volkswirtschaftlicher Sicht nicht irrelevant, wer als Käufer auftritt. Im Schlimmsten, leider aber realistischen Fall bedeutet dies zu Ende gedacht, dass wir durchaus die nötige Innovationsfähigkeit in Deutschland haben, die innovativen Entwicklungen aufgrund mangelnder Absorptionsfähigkeit der hiesigen Unternehmen jedoch zunehmend vom Ausland aufgekauft und damit zu einem gewissen Maße exportiert werden. Sie würden dann finanziert, aber nicht genutzt werden können. Dies ist keine theoretische Sorge, sondern sie wird durchaus von Marktteilnehmern geteilt.

Es ist international auffallend, wie nicht nur etablierte, sondern auch die stark wachsenden jungen, vor allem amerikanischen Unternehmen die Methode des Trade Sales nutzen, und sich auf diese Weise auch in neue Bereiche vorwagen. So hat Google, um ein eklatantes Beispiel anzuführen, wie Wikipedia auflistet, seit 2001 über 170 Unternehmen in einem Wert von insgesamt über 20 Mrd.Dollar aufgekauft. Die meisten befinden sich in den USA, es sind jedoch immerhin auch mindestens fünf deutsche Unternehmen darunter. Damit stellt sich in letzter Instanz die Frage, ob es deutschen Unternehmen tatsächlich in der Breite gelingen wird, disruptive Innovationen zu integrieren, oder aber disruptiv getriebene Unternehmen eines Tages tradierte Unternehmen übernehmen, um transformativ zu agieren, oder diese zumindest dominieren.

Es ist daher von nicht zu unterschätzender Bedeutung für den weiteren Ausbau der deutschen Venture-Capital-Szene, aber auch für das nachhaltige Innovationsniveau unserer Volkswirtschaft, dass wir den nationalen Rückstand bei der Integration von Venture-Capital-finanzierten Unternehmen in die bestehende Industrie aufholen. Nötig sind hierfür veränderte Einstellungen und insbesondere neue Prozesse. Diese beginnen langsam zu entstehen.

Universitäre Ausgründungszentren wie die UnternehmerTUM an der TU München oder aber außeruniversitäre Fonds wie jener der Helmholtz-Gemeinschaft sind aktiv bemüht, Kontakte zur Industrie aufzubauen. Und auch Unternehmen kommen ihrerseits verstärkt auf solche Einrichtungen zu oder organisieren auf andere Weise einen näheren Kontakt mit einzelnen jungen Unternehmen. Das Ökosystem neu gegründeter und etablierter Unternehmen in Deutschland beginnt sich derzeit neu und intensiver aufzustellen und das ist nicht nur gut so, sondern dringend notwendig.

Ann-Kristin Achleitner ist Inhaberin des Lehrstuhls für Entrepreneurial Finance an der TU München. Sie ist Mitglied im Freundeskreis von UnternehmerTUM und war von 2011 bis 2013 Mitglied im Entscheidungsgremium des Validierungsfonds der Helmholtz-Gemeinschaft. Zudem ist die 48-Jährige unter anderem Mitglied in den Aufsichtsräten von Linde, MunichRe und Metro.

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