Samstag, 21. September 2019

Grünes Band der Apathie Die Deutsche Bahn erreicht neue Spitzenleistungen - leider nur in Gaga-PR

Bahnchef Lutz (rechts), Staatssekretär Enak Ferlemann: Während die Güterbahn ständig Marktanteile an den Lkw verliert, lassen sich Lutz und Co als "schnellste Klimaschützer" feiern - inklusiv grünem Umwelt-Streifen
Pierre Adenis/ Deutsche Bahn
Bahnchef Lutz (rechts), Staatssekretär Enak Ferlemann: Während die Güterbahn ständig Marktanteile an den Lkw verliert, lassen sich Lutz und Co als "schnellste Klimaschützer" feiern - inklusiv grünem Umwelt-Streifen

Einst schmückte sich die Dresdner Bank mit dem "grünen Band der Sympathie". Der nebulöse Sinn des giftgrünen Streifens hat vermutlich dazu beigetragen, dass das Institut inzwischen unselig entschlafen ist. Später geisterte das eigentümliche Ding noch durch diverse Werke des Karikaturisten Tetsche, meist schlaff irgendwo in einer Ecke hängend. Jetzt kehrt der selbsternannte Sympathieträger machtvoll zurück. Die Deutsche Bahn (DB) verkündet soeben mit Stolz, dass ihre 280 ICE-Züge künftig mit einem grünen statt einem roten Streifen verziert werden. Man möchte sagen: Genau das hat die Bahn jetzt dringend gebraucht.

Laut der offiziellen Darstellung soll die neue Farbe die Rolle der DB als "Umweltvorreiter" sichtbar machen. Augenfällig wird allerdings vor allem eins. Deutschlands größter Staatskonzern und führender Subventionsempfänger ist derzeit von mehr oder minder sämtlichen guten Geistern verlassen.

Gewiss sollte die Bahn eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung der Klimakrise spielen und das einlösen, was sie seit Jahren verspricht: mehr Verkehr auf die Schiene bringen. Doch leider verliert die Güterbahn der DB ständig Marktanteile an den Lkw.

Schienennetz kaputtgespart, fehlendes Zukunftskonzept

Die Passagiere kommen zwar tapfer, trotz eines unerschöpflichen Arsenals von Pannen und unfreiwilligen Pfadfinderspielen. Doch weil das Schienennetz von den DB-Oberen kaputtgespart wurde und man vergessen hat, gelegentlich mal neue Fahrzeuge zu bestellen, wird es schwierig bis unmöglich, die Fahrgastzahlen wirklich drastisch zu steigern.

Doch was sollen diese trüben Gedanken? Jetzt hat die Bahn das quietschgrüne Band der Apathie - pardon: Sympathie -, ein Meilenstein der Konzerngeschichte! Völlig zurecht ist deshalb auch der Bundesbeauftragte für den Schienenverkehr, Staatssekretär Enak Ferlemann (CDU), zum Fototermin geeilt und hält sich die Hände vor den Bauch wie nach einer guten Mahlzeit.

Der Mañana-Mann: Warum es für Bahn-Chef Lutz eng wird

Was macht es schon, dass der neben ihm stehende und fast spiegelbildlich posierende Bahn-Chef Richard Lutz bisher auf ganzer Strecke versagt und zum Beispiel bis heute kein schlüssiges Konzept vorgelegt hat, wie das Schienennetz möglichst schnell mehr Verkehr aufnehmen kann. Beide sonnen sich in der Gewissheit, dass eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Fahrkarten bald alle Probleme lösen wird. Spontane Bahnfahrten sind dann schlagartig nicht mehr sauteuer, sondern nur noch viel zu teuer. Wie sagt man so schön? "Als mir das Bügeleisen auf den großen Zeh fiel, waren meine Kopfschmerzen wie weggeblasen."

Aber es unterschätze niemand die Schläue des Bahn-Vorstands! Der grüne Streifen prangt künftig am ersten und letzten Wagen jedes ICEs. Sehr umsichtig - so fällt die verkehrte Wagenreihung zumindest optisch nicht auf.

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