Freitag, 20. September 2019

Der DEnglische Patient Hosen runter - aber welche?

Hillary Clinton, Theresa May: Sie sprechen beide Englisch. Doch gleiche Redewendungen haben nicht selten unterschiedliche Bedeutungen in den USA und Großbritannien

Die Amerikaner quälen sich mit ihren Wahlen. Die Briten quälen sich mit ihrem Brexit. Und wir quälen uns mit dem unterschiedlichen Englisch der beiden!

Peter Littger
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    Neben Rückenproblemen und Übergewicht schleppen wir oft auch eine andere Zivilisationskrankheit mit uns herum: holpriges Englisch. Falls Sie auch darunter leiden, hilft Ihnen diese Kolumne von Peter Littger. Er berichtet als Denglischer Patient aus allen möglichen Lebenslagen über deutsch-englische Sprachverwirrungen und nicht zuletzt über seine eigenen sprachlichen Unzulänglichkeiten. Sein Buch "The devil lies in the detail: Lustiges und Lehrreiches über unsere Lieblings- fremdsprache" ist ein Bestseller.
    Auf Twitter unter @FluentEnglish.

Egal ob es um die Zukunft Amerikas, Britanniens oder gleich der ganzen Welt geht - englischsprachige Themen erleben eine Hochkonjunktur. Für uns ist das eigentlich eine praktische Sache. Während man über die große Politik palavert, kann man ganz nebenbei ein bisschen Englisch dazulernen. Stellt sich bloß die Frage:

Welches Englisch?

Denken Sie nur an eine Situation, die sich nicht in der Öffentlichkeit abspielt, aber die jeden Tag vorkommt. Wir alle haben sie schon in der einen oder anderen Form erlebt, wenn wir beim Arzt sind. Falls er Englisch spricht, sagt er:

"Please take off your pants!"

Spätestens jetzt sollte man wissen, von welcher Seite des Atlantiks der Arzt kommt. Ist er aus den USA, will er nämlich, dass Sie die Hose ausziehen. Stammt er aus Großbritannien, meint er die Unterhose.

Schon dieses schlüpfrige Beispiel zeigt, wie hilfreich es auch für uns denglische Patienten ist, über die Unterschiede zwischen britischem und amerikanischem Englischen aufgeklärt zu sein!

Das gilt umso mehr für ernsthafte Themen. Will etwa ein Brite ein wichtiges Thema auf den Tisch bringen, sagt er:

"Let's table the issue!"

Will ein Amerikaner dasselbe Thema lieber vertagen, sagt er:

"Let's table the issue!"

Wie weit Briten und Amerikaner - rein sprachlich - auseinanderliegen, wissen wir ja seit der Schule. Damals lernten wir, dass die gegenwärtige Jahreszeit in Amerika "fall" und auf den britischen Inseln "autumn" genannt wird. Selbst die Mütter sind nicht dieselben: US-Kids rufen sie "mom". Britische Kinder sagen "mum". Und wenn ein Londoner freundlich sagt "I will give you a ring", denkt sich der New Yorker vielleicht: "WTF! A ring?" Dabei wollte ihm der Brite gar keinen Ring schenken, sondern bloß anrufen ...

Und weil ich schon von runtergelassenen Hosen gesprochen habe: Im übertragenen Sinne ging es darum ja auch in letzter Zeit immer wieder in den öffentlichen Debatten der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs - ich spreche von den Präsidentschaftswahlen und vom "Brexit".

So käme es Amerikanern (ganz unabhängig von ihren politischen Standpunkten) nie in den Sinn den artikulierten Müll von Donald Trump als "rubbish" zu beschreiben. Oder als "bollocks", was wörtlich übersetzt "Hoden" sind, aber für Briten im übertragenen Sinn "Unsinn", "Stuss" oder "der letzte Scheiß" bedeutet. Die "übergeschnappten" und "geschmacklosen", "billigen" und "ätzenden" Tiraden von Trump beschreiben sie als "daft" oder "naff". So mancher Amerikaner könnte darin eine Geheimsprache wittern.

Auch der Brexit verblüfft viele Amerikaner - und das noch mehr als eine Nation ohne geschriebene Verfassung! Nicht bloß, dass den Briten das Konzept für den Brexit zu fehlen scheint. Auch wie sie darüber ihre Coolness verlieren ("they've lost the cool"), verwundert sie. Denn die Briten sagen:

"We've lost the plot."

Wird der Brexit dann auch noch als "(total) cock up" beschrieben, was auf Britisch "Schlamassel" oder "Scheiße Bauen" heißt, kommen selbst tolerante Amerikaner nicht mehr mit: weil es irgendwie klingt wie eine männliche Erektion - aber nicht wie das Versaubeuteln eines politischen Bündnisses.

Umgekehrt stolpern Briten über so manchen Begriff, der den amerikanischen Wahlkampf bestimmt:

  • "Running mate" - in England ist "mate" ein Kumpel so wie "pal" in den USA. Aber einen Bewerber fürs Amt des stellvertretenden Staatsoberhaupts als "mitlaufenden Kumpel" zu beschreiben? Da könnte man ihn ja gleich als "idiot friend" ins Rennen schicken!
  • "Face-off" - in den USA ist das die direkte Konfrontation von zwei Kontrahenten. Für Briten klingt es eher nach einem Fight im Ice Hockey.
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Peter Littger
The devil lies in the detail: Lustiges und Lehrreiches über unsere Lieblings- fremdsprache


KiWi-Taschenbuch, 320 Seiten, Juni 2016, 9,99 Euro

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Briten, die unterdessen mal wieder von ihren "Spezialbeziehungen" zu den Amerikanern träumen, müssen auf doppelte Weise damit leben, dass die Angehimmelten denken:

"We could care less".

Können Sie das denn nicht wenigstens in korrektem Oxford Englischen sagen?

"We couldn't care less".

Tatsächlich ist der Atlantik eine Art riesiger Sprachgraben, an dessen beiden Enden die Leute nicht selten ratlos sind, manchmal erröten - oder sich kringelig lachen, wenn sie sich gegenseitig zuhören. Zum Beispiel, wenn amerikanische Touristen mit ihren Hüfttaschen in England einfallen: den "fanny bags". Was in den USA eine "Po Tasche" ist, klingt für Engländer wie "Mösen Beutel". Oder wenn Briten in den USA nach einer "fag" verlangen und damit eine "Zigarette" meinen, allerdings "Tunte" sagen! Vielleicht sollte man mal einen Übersetzungsservice für die beiden gründen. Ich habe schon einen Namen: "fanny & fag".

Treffend beschrieb der irische Schriftsteller Bernard Shaw einst "zwei Nationen, die von einer Sprache getrennt werden". Die Unterschiede fangen ja schon damit an (oder besser gesagt: sie hören damit auf), dass Amerikaner das "Z", also den letzten Buchstaben im Alphabet, wie "sed" und Briten wie "sie" aussprechen.

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Wer also glaubt, dass Briten und Amerikaner ausgerechnet uns denglische Patienten benötigen, um sich über schräges Englisch zu amüsieren, der irrt. Schließlich haben sie sich gegenseitig - after all, they have one another!

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