Wolfgang Hirn

China-Manager: der Systemstreit Hat China das überlegene System?

Jeweils Kinder ihrer Systeme: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping

Jeweils Kinder ihrer Systeme: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping

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Manager und Unternehmer mögen schnelle Entscheidungen und klare Zuständigkeiten. Deshalb hegen viele von ihnen eine klammheimliche Bewunderung des autoritären chinesischen Systems, wo ein paar Herren im Politbüro entscheiden. Ob es um den Ausbau eines Tausende Kilometer langen Netzes von Hochgeschwindigkeitszügen geht oder einen Stimulus-Pakt von eben mal einer halben Billion Dollar - die Entscheidungen fallen zügig im kleine Kreise in Beijing. Kein Parlament funkt dazwischen, keine Bürger wehren sich, keine Gerichte kippen politische Entscheidungen, keine Medien kritisieren. In einer Demokratie hingegen gibt es das alles - und deswegen geht es dort nicht ruck-zuck.

Wolfgang Hirn
Foto: Christian O. Bruch

Wolfgang Hirn ist Reporter beim manager magazin. Er reist seit 1986 regelmäßig nach China. Er schreibt seitdem über die Entwicklung des Landes. Er ist Autor des Bestsellers "Herausforderung China" . Sein aktuelles Buch hat den Titel "Der nächste Kalte Krieg - China gegen den Westen"  (erschienen bei S. Fischer).

Ist deshalb die Demokratie dem chinesischen System unterlegen? Der kanadische Soziologe Daniel Bell hat soeben zu dieser brisanten Frage ein äußerst interessantes Buch geschrieben. Schon der Titel provoziert: "The China Model - Political Meritocracy and the Limits of Democracy". Darin preist er die Vorzüge des chinesischen Modells - schnelle, langfristig orientierte Entscheidungen von bestens ausgebildetem Führungspersonal - und kritisiert die Schwerfälligkeit des demokratischen Systems, das zudem nicht unbedingt die Besten an die politische Spitze hievt.

Bell nennt Chinas System sehr passend eine Meritokratie - die Herrschaft einer gut ausgebildeten Elite. In der Tat: In China herrscht ein brutaler Ausleseprozess der politischen Eliten. Das fängt schon unten an. Genommen werden nur Top-Absolventen der Eliteunis wie zum Beispiel Tsinghua oder Beida in Beijing oder Fudan in Shanghai. Nur einer von 140 000 Parteikadern schafft es auf den führenden Provinz- oder Ministerlevel. Es wird während der Karriere hin und her gewechselt zwischen Staatsunternehmen, Bürokratie und Thinktanks.

China betreibt die größte Personalabteilung der Welt

Zum Aufstieg gehört nicht nur die Rotation, sondern permanente Weiterbildung - entweder an einer der China Executive Leadership Academies oder - für die Spitzenleute - an den westlichen Top-Universitäten Harvard, Stanford, Oxford oder Cambridge, die - welch verrückte Welt - alle eigene Programme für den hoffnungsvollen KP-Nachwuchs etabliert haben. Im Hintergrund werden die Karrieren gelenkt von der mächtigen Organisationsabteilung der KP, die in einem Gebäude ohne Türschild einen Kilometer westlich vom Platz des Himmlischen Friedens residiert, und die man ohne Übertreibung als größte Personalabteilung der Welt bezeichnen kann. Unter ihrer Aufsicht findet ein permanentes Monitoring der Kandidaten statt. Jedes Jahr gibt es Performance Reviews.

Mindestens 20 Jahre dauert es angesichts dieses langwierigen Selektionsprozesses zum Beispiel bis zum Vizeminister. Wer ganz nach oben will, muss mindestens in zwei Provinzen, die oft die Größe eines Staates haben, Partei- oder Regierungschef gewesen sein. Siehe die Vita von Partei- und Staatschef Xi Jinping, der Gouverneur in den Provinzen Fujian (36 Millionen Einwohner) und Zheijang (51 Millionen) sowie Parteichef in Shanghai war. Bell ketzerisch: "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass jemand wie Sarah Palin (die Ex-Präsidentschaftskandidaten der Republikaner) es unter diesen Bedingungen nach oben geschafft hätte."

Natürlich begibt sich Bell, der seit zehn Jahren an der Tsinghua Universität unterrichtet, mit seinen Thesen auf ein gefährliches Terrain. Wer Chinas Vorzüge preist, wird gleich als Demokratiefeind oder Verherrlicher autoritärer Systeme angeprangert. Das ist aber Bell nicht. Er sieht und beschreibt auch die Defizite des chinesischen Systems (Korruption, kein Rechtsstaat). Deshalb schlägt er am Ende für China eine Mischform vor, die die Vorzüge beider System beinhaltet, eine "demokratische Meritokratie". Das ist etwas krude und nicht die Stärke des Buches.

Stärker ist seine Analyse, weil sie uns auf eine unbequeme Wahrheit hinweist: Wir sind mit China in einem Systemwettbewerb. Lange Zeit wollten wir das im Westen nicht wahrhaben. Wir glaubten an Francis Fukuyamas ausgerufenes "Ende der Geschichte", wie der Buchtitel des Harvard-Historikers 1992 orakelte. Seine voreilige These nach dem Zusammenbruch des Sowjetunion: Der Westen und sein duales System - Demokratie plus Marktwirtschaft - hat gesiegt. Und dieser Siegeszug werde auch China erwischen. Bis vor wenigen Jahren glaubten westliche Politiker und Politikwissenschaftler, dass sich das wirtschaftlich modernisierende China auch politisch öffnen werde und sukzessive zur Demokratie mutieren werde. Manche glauben das heute noch.

Wir sollten uns von diesem Wunschdenken verabschieden. China wird nicht so werden wie wir im Westen. Chinas System wird ein Zwitter bleiben: wirtschaftlich (teilweise) liberal, politisch autoritär. Und wird damit auch - siehe oben - effizienter bleiben. Diesen Nachteil muss eine Demokratie ertragen können.

Es sollte uns aber nicht vom Nachdenken abhalten, ob und wie man unsere Demokratie effizienter gestalten können. Brauchen wir wirklich etwa diesen exzessiven Förderalismus - um nur mal ein Beispiel zu nennen.

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