Der Reporter, der Trumps Vulgär-Video öffentlich machte "Die Presse in den USA steht vor einer gewaltigen Herausforderung"

Durch seine Recherchen wurde das Skandal-Video öffentlich, in dem sich Donald Trump respektlos über Frauen äußert. David Fahrenthold, investigativer Reporter bei der Washington Post, über die Angst vor dem neuen US-Präsidenten, die Rolle der Medien und seinen Ausblick auf die kommenden vier Jahre.
David Fahrenthold, Star-Reporter der "Washington Post".

David Fahrenthold, Star-Reporter der "Washington Post".

Foto: Bill OLeary/The Washington Post

David Fahrenthold, 38, arbeitet seit 16 Jahren als Reporter für die Washington Post. Die "Post" gilt als eine der einflussreichsten Tageszeitungen der USA. Fahrentholds Artikel spielten im vergangenen Präsidentschaftswahlkampf eine herausgehobene Rolle: So brachte er einen Monat vor der Wahl den inzwischen berühmten Videoausschnitt an die Öffentlichkeit, in dem Donald Trump damit prahlt, Frauen begrapschen zu können. Fahrentholds Recherchen führten zudem dazu, dass Donald Trumps Stiftung der Status der Wohltätigkeit aberkannt wurde.

manager-magazin.de: Mr. Fahrenthold, die Wahl von Donald Trump zum nächsten Präsidenten der USA hat die Menschen aufgewühlt. Viele Bürger - auch in Europa - haben regelrecht Angst vor dem, was nun drohen könnte. Können Sie das nachvollziehen?

David Fahrenthold: Nicht jeder hat Angst. Viele Menschen sind einfach unsicher, sie wissen nicht, was Trump wirklich will. Welche seiner Forderungen waren ernst gemeint und was hat er nur gesagt, um gewählt zu werden?

mm.de: Was passiert, wenn er seine Ankündigungen wahr macht?

Fahrenthold: Wenn er wirklich das umsetzen sollte, was er im Wahlkampf versprochen hat, würde das die Art und Weise bedrohen, in der unsere Demokratie bislang funktioniert hat. Er hatte ja zum Beispiel angekündigt, Migranten deportieren zu lassen, Muslime zu verbannen oder Hillary Clinton ins Gefängnis zu stecken. Das wäre eine Politik, die allen Normen widerspricht, die unsere Demokratie über Jahrzehnte am Leben gehalten haben.

mm.de: Macht Ihnen das keine Angst?

Fahrenthold: Nein, ich fürchte mich nicht. Ich glaube, dass in Amerika nun eine Zeit beginnt, in der Journalisten eine wichtigere Rolle spielen werden als jemals zuvor. Die Presse steht vor einer gewaltigen Herausforderung. Wir müssen einen Präsidenten kontrollieren, der Journalisten außergewöhnlich feindlich gegenüber steht. Aber, hey, das ist nun einmal unser Job. Ich habe keine Angst - aber ich versuche noch zu begreifen, was da auf uns zukommt.

mm.de: Wie haben Sie die Wahlnacht erlebt?

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Fahrenthold: Ich war im Newsroom der Post und habe an dem Artikel mitgeschrieben, der von Trumps Sieg berichtete. Wir hatten uns auf beide Ergebnisse vorbereitet, aber mit einem Sieg Clintons gerechnet, da sie in den Umfragen vorne lag. Wir versuchten unseren Lesern daraufhin deutlich zu machen, wie anders diese Wahl war.

mm.de: Ihre Recherchen zur fragwürdigen Wohltätigkeit von Trumps Stiftung haben während des Wahlkampfs viel Aufmerksamkeit bekommen. Außerdem brachten Sie das sogenannte "Access-Hollywood-Tape" an die Öffentlichkeit, in dem Trump davon spricht, Frauen in den Genitalbereich fassen zu können, weil er prominent ist. Die Aufnahme löste eine Welle der Empörung aus, Trumps Umfragewerte stürzten ab. Auf das Wahlergebnis schienen die Enthüllungen jedoch keinen entscheidenden Einfluss gehabt zu haben. Hat Sie das verwundert?

Fahrenthold über die Qualität der US-Medien

Fahrenthold: Das Wahlergebnis hat sich dadurch offensichtlich nicht geändert, aber einen Effekt hatten diese Artikel meiner Meinung nach schon. Womöglich wäre Trumps Vorsprung sonst noch eindeutiger gewesen. Es war ja nicht Trumps Beliebtheit, die ihm am Ende zum Sieg verholfen hat. Die geringe Begeisterung der Anhänger der Demokraten für Hillary Clinton spielte eine weitaus größere Rolle.

mm.de: Man fragt sich trotzdem: Was müsste denn noch über einen Präsidentschaftskandidaten enthüllt werden, damit ihn genügend Bürger für unwählbar halten?

Fahrenthold: Dieser Wahlkampf war einfach so anders und verrückt. Kurz vor der Wahl beherrschten plötzlich nicht mehr Trumps Verfehlungen die Debatte, sondern die Wiederaufnahme der Ermittlungen des FBIs gegen Hillary Clinton. Clinton speicherte Emails auf einem privaten Server, obwohl sie das nicht durfte. Das war ein Skandal, den sie selber zu verantworten hat. Mich wundert es nicht, dass die Trump-Geschichten plötzlich in den Hintergrund traten.

mm.de: Donald Trump und seine Fans machten während des Wahlkampfs sehr deutlich, wie wenig sie von den Medien halten. Auf seinen Veranstaltungen wurden Journalisten angegriffen und lächerlich gemacht. Haben Sie Drohungen erhalten?

Fahrenthold: Ja, das kam vor. Wir haben bei der Post deshalb die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Aber insgesamt war es weniger schlimm, als man denken könnte. Die Kollegen, die von Trumps Veranstaltungen berichteten, hatten mehr unter dieser Feindseligkeit zu leiden als ich.

mm.de: Wirklich?

Fahrenthold: Ehrlich gesagt, schlug mir von Bernie Sanders Fans, also Demokraten, mehr Missmut entgegen, als ich im letzten Jahr kritisch über ihn berichtet hatte. Mir ist es wichtig, dass meine Leser nicht den Eindruck haben, dass ich einer Seite mehr zuneige als der anderen. Trump Fans sollen das Gefühl haben, dass auch sie sich mit Dokumenten oder Hinwiesen an mich wenden können. Vielleicht half mir das.

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mm.de: Den Medien schlägt derzeit eine Menge Kritik entgegen. Sie sollen zum Beispiel zu obsessiv über Hillary Clintons Email-Skandal berichtet haben, obwohl dieser - verglichen mit Trumps Verfehlungen - relativ harmlos erscheint. Was ist schiefgelaufen?

Fahrenthold: Ich sehe das anders. Die Medien haben bei dieser Wahl einen sehr guten Job gemacht. Wir haben detailliert darüber berichtet, wo Trump die Unwahrheit sagte, sein fragwürdiges Stiftungskonzept ebenso offengelegt wie seine Steuertricks. Zumindest die großen Zeitungen haben sich, meiner Meinung nach, nichts vorzuwerfen. Wir haben den Wählern deutlich gemacht, wer Trump eigentlich ist. Die Bürger müssen selbst entscheiden, ob sie sich davon beeinflussen lassen.

mm.de: Man hatte zeitweise den Eindruck, dass vor allem die TV-Sender besonders intensiv über Trumps obszöne Beleidigungen und andere skurrile, aber weniger relevante Verfehlungen berichteten. "The Donald" war ein Quotenbringer. Haben die Sender Trump ins Amt geholfen?

Fahrenthold: Er war jedenfalls sehr oft im Fernsehen zu sehen. Aber ehrlich gesagt fällt es mir schwer, das als Fehler zu werten. Es ist ja richtig, intensiv über einen Präsidentschaftskandidaten zu berichten, wenn die Bürger verstehen sollen, was das eigentlich für ein Typ ist. Nur weil Trump gewonnen hat, heißt das nicht, dass die Medien Schuld sind.

mm.de: Ein weiterer Vorwurf lautet, dass die meisten Journalisten Teil der sogenannten "coastal elites" seien, die sich zu weit von der Lebenswirklichkeit vieler Amerikaner entfernt hätten. Die Sorgen der Trump-Wähler kamen in der Berichterstattung demnach zu kurz.

Fahrenthold: Es gab in der "Post" viele Artikel, die sich mit Trumps Anhängern beschäftigten. Wir haben uns viel Mühe damit gegeben, Trump-Wähler zu verstehen und ihre Beweggründe offenzulegen. Ein Problem war vielleicht, dass wir uns sehr auf die Umfragen verlassen haben. Wir haben dieses Ergebnis nicht kommen sehen und deshalb zu wenig erklärt, warum viele Wähler nicht für Hillary Clinton stimmen würden.

mm.de: In den ersten Tagen nach der Wahl gab sich Donald Trump ungewohnt versöhnlich. Könnte sich das aggressive Verhältnis zwischen ihm und den Medien vielleicht sogar entspannen, wenn er erst einmal Präsident ist?

Fahrenthold: Ich bin mir noch nicht sicher, was wir als Presse von ihm zu warten haben. Ich kann mir gut vorstellen, dass er sehr misstrauisch sein wird. Für uns wird es wichtiger sein denn je, genau hinzuschauen. Was zählt ist, was Trump am Ende wirklich tut. Wird er die Regeln der Demokratie verletzen? Die Medien werden jetzt noch strenger sein, als während des Wahlkampfs.

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